Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 24. Oktober 1904 (Charlottenburg)


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Charlottenburg 2, den 24.X.04.
bei prasselndem Ofen u. offenen Fenstern.
Liebes Fräulein Hadlich!
Die großen Kunstpausen unserer Korrespondenz entspringen nicht meinem freien Willen. Im Gegenteil bedrückt es mich längst, daß ich Ihnen für die schönen Herbstzeitlosen noch nicht ordentlich gedankt habe. Blumen haben auch eine Individualität. Aber wie viel klarer liegt die Struktur, das Bildungsgesetz ihres Charakters am Tage. Daher meinen auch manche Menschen, aus natürlichen Symbolen sich klarer zu verstehen, als aus sich selbst. Dies gilt nun nur von Blumen, die eine Künstlerhand hervorgezaubert hat; denn in ihnen ist Seele, menschliche Seele hat sie sich zum Ausdrucksmittel erkoren.
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| Der Künstler aber meint, er hätte uns etwas von der Seele der Blume erzählt. Ich zweifle nicht, daß sie eine hat, nur weiß ich nichts von ihr.
Hingegen weiß ich von meiner Seele, welchem Gesetz sie gehorcht, u. an diesem Punkt öffnet sich das Reich, in das Faust hinabstieg. Man soll aber ja nicht aufhören, jene andere Ansicht Naturalismus zu nennen. Denn wer sich darunter das richtige denkt, dem entrollt der Name sogleich ein ganzes Bild und er sieht,wie in solchen Gemütern die kleinen Kristalle zusammenschießen um den einen Punkt: Einordnung in ein objektives großes Ganzes, Gesetz, Gleichmaß, Überindividualität und Ewigkeit. Andere Menschen kristallisieren anders: Begriff, Herrschaft des freien Geistes über die Natur, Entwicklung des geistigen Gehalts zum Gipfelwerk,
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| Sieg des Vernünftig-Sittlichen in Staat und Welt sind ihre Centra. Andere kristallisieren anders: ästhetischer Genuß. - Einkommensverteilung und Produktionsmittel. - Gottes Wille. (dazwischen kommt ein Packet von Hermann) - Ausbildung der schrankenlosen Individualität etc. So verschieden die Texte sind, so einheitlich der Refrain: "ich habe des Rätsels ganze Lösung." Verzeihen Sie bitte, jetzt möchte ich erst den Brief v. Hermann lesen.
Ich habe des Rätsels Lösung nicht, sondern halte es für Pflicht und Ruhm des Menschen, die Beschränktheit seines Wissens anzuerkennen. Mein Stolz ist es, im Gegensatz zu den Panlogisten, zu wissen, daß ich nichts weiß. Zu diesem Thema gestatten Sie mir, Ihnen, zugleich als geringes Dankeszeichen das erwähnte Heft über Sokrates zu senden.¹) [re. Rand] ¹) in den nächsten Tagen Vielleicht versuchen Sie, sich aus dem großen
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| Reichtum, den der Verf. da so liederlich durcheinander gewirtschaftet hat, einiges heraus zu suchen. - Die Worte von Zitelmann sind wirklich überaus schön; doch ohne Bezug auf mich. Denn was hätte ich Positives zu geben und was habe ich für Erfahrungen damit gemacht!
Wer zweifelt an der Irrationalität des Lebens? Wenn ich es noch könnte, müßten mir Hermanns Zeilen es beweisen. Die warme Freundschaft, die mir daraus so vertraut entgegenleuchtet, diese unvergleichliche Offenheit, zieht mich zu ihm hin; aber die Resultate seines Denkens machen mich rasend. Ich kann es der Natur nicht verzeihen, daß sie so gern einen erstrebenswerten Besitz an Bedingungen knüpft, die wir nicht erfüllen können.
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<Original fehlt ab hier> Abends.
Diese Frage wird, je länger je mehr, zu einem inneren Konflikt für mich. Erst jetzt wird mir Hermanns Wesen interessant, wo ich es tiefer zu verstehen glaube. Eine allzu sehr gehütete Existenz, mit der Wirklichkeit des Lebens nur durch Überlieferung bekannt und daher von gewissen irrealen Meinungen haftend, hat es ihm vor allem an Reibung und Konkurrenz gefehlt. der aristokratische Zug der Familie, der mir auch bekannt aristokratische Geist des Dre. Realgymn. ist in seinem Wesen nicht zu verkennen. Ich habe eine vielfach schwere, aber schließlich siegreiche Schulung durch den genossenschaftlichen Klostergeist empfangen, dem ich es noch heute danke, daß ich nicht vereinzelt dastehe, sondern täglich mit tüchtigen, zielbewußten, heterogenen Charaktern verkehre. Dies und eine widerstandsunfähige Constitution geben eine gemischte Stimmung. Trösten Sie sich mit mir über Ihre Depressionen: wir verdanken Sie der lieben Atmosphäre, die ebenso ungeistig ist, als die Launen der Nerven unwissenschaftlich, weil kausalitätslos. Es freut mich sehr, daß Sie im Oktober gleichfalls freundliche Gesellschaft hatten. Er will uns durch Farben betrügen, aber das greisenhafte merkt man ihm auch an. Ob man ein ganz anderer werden kann? Wohl nicht; schon weil bekanntlich die Vergangenheit bisweilen lebendig wird. Unglücklich ist der, der nur in der Vergangenheit lebt; kein Gefühl niederdrückender als dieses Ehemals. Darum brauchen wir die Aktivität, die uns sagt: du bist nicht mehr der Alte, aber du hast an dir gearbeitet u. bist etwas Höheres geworden. Ein anderer Zug meines Wesen, der mir äußere Schicksale ersetzt hat, hat mir - bitte verstehen Sie den Ausdruck nicht falsch - das Familienhafte genommen, ohne daß ich eigentlich äußerlich so viel von der Familie fern war, wie Hermann. Meiner Mutter erzähle ich meine Angelegenheit, im übrigen gehe ich meinen Gang. - Von hier aus verstehe ich Hermann, und ich wünschte, ihn hier zu haben. Dann sollte ein Ringen um die geistige Existenz anfangen, aus dem wir beide als Riesen hervorgehen würden. Aber brieflich ist das unmöglich. - Er schickt mir heute seinen Lebenslauf, den ich mit Andacht in die Hand nehme und mit dem Genuß lese, den man überall da empfindet, wo eine ungekünstelte Seele hindurchschimmert. Ich folge ihm durch alle kleinen, intimen Familienschicksale, wie ich es bei den schönsten Romanen kannte, durch Niederschönhausen und Onkel Schwalbes Wohnung, durch Cassel und Heidelberg und Zürich, in einem friedlich verklärten Schein, der nur dem Dichter gelingt. Aber denken Sie, dieses Seelenbekenntnis, das bis zur Gewohnheit des Betens nach innen dringt, diese ganze Innerlichkeit legt er als Examensmeldung preußischen Geheimräten auf den Tisch, die natürlich antwortlich um eine Darstellung des Studienganges ersuchen. Ist das nicht eine Irrealität der Denkweise, die schmerzlich ist, weil sie etwas unendlich Schönes und Heiliges durch eine grauenhafte Deplacierung entweiht? Wie denkt sich Hermann die Menschen und das Interesse der Menschen, besonders derer, die an Staatsstelle stehen? Wie muß sich Hermann den Staat denken, wenn er ihm das vorlegen kann? Sehen Sie, hier bin ich ihm eigentlich böse wie einem, der zum Fenster hinausruft, was man dem Freunde in besonders günstigen Stunden anvertraut. Und nun soll ich einen Aufsatz lesen, wo über den persönlichen u. den pantheistischen Gott verhandelt wird. Das ist auch so eine - freilich üblichere - Profanierung, den lieben Gott zu definieren, statt ihn zu ahnen und in dieser Ahnung zu leben. Warum geht man nicht zu Goethe in die Schule? Ich kann zu all diesen Sachen den Zugang garnicht finden und habe als der Jüngere auch kein Recht der Führende sein zu wollen. Fast aber will es mir scheinen, als wenn die Geisteswissenschaften für Hermann ein fremdes Gebiet wären u. er den wiederholt bekannten naturwissenschaftlichen Geist intensiver pflegen sollte, um eine feste positiv-wissenschaftliche Basis zu haben, während er jetzt von bloßen Wünschen aus ein scheinbar wissenschaftliches Weltgebäude erspekuliert. Daß Sie ihm noch nicht geschrieben haben oder hatten, thut mir leid; er hat ganz gewiß ein großes Bedürfnis nach geistigem Verkehr, der ihm - wenigstens was Gleichaltrige betrifft - in C. ganz zu fehlen scheint. Einsame Bäume aber wachsen nicht gerade.
Mir ist es sehr schlecht gegangen in der letzten Zeit. Die Verfassung meines Kopfes ist genau die alte, nur die Verpflichtungen sind größer geworden. Denn die Tage sind vorausberechnet. 6 Kapitel der Arbeit sind fertig. Der Rest muß bis zum 15.XI vollendet sein. Freude an der Sache und das Elend des täglichen Kampfes mit einer Arbeit ist überhaupt das einzige, was Charakter gibt. Als ich noch kein Ziel hatte, betrachtete ich meine Kindheit sentimental; heute ist sie mir ganz fern gerückt. Es kommt mir dann merkwürdig vor, wenn ich von Freunden immer wieder höre, eines hätte ich zugelernt, was ich als Kind nicht gekonnt hätte: das Lachen. Und doch war es mit meinem Vater als Kind nachmittags mit der Droschke nach Pankow und unter den hohen Bäumen v. Linder spielte oder vom Park aus die erstaunliche Stettiner Bahn rauschen hörte . - Heute handelt es sich immer wieder darum: werden die Kräfte aushalten, damit Du Dich diesen Winter endlich freimachst? Die Arbeit wird jeder als einen wissenschaftlichen Fortschritt anerkennen. Beim Mündlichen falle ich durch. Der kluge Hans erscheint mir Laien als - gelinde gesagt - einfacher Kniff. Wer hingeht, blamiert sich eigentlich. Zu Diltheys Geburtstag wollte ich anonym etwas schreiben. 4 Seiten war ich voll Begeisterung; dann fing ich an mich über ihn zu ärgern und hab's gelassen. Er liest übrigens wieder nicht. Ernst habe ich neulich bei guter Laune so ziemlich alle Probleme der Gegenwart, d. h. nationale u. soziale, mit flammenden Worten vorgetragen. Seine kleine Denkmaschine arbeitete sehr eifrig; ich denke, er soll diesen Tag nicht vergessen. Bei liegende Photographien stammen von ihm u. sollen Sie nur an Grunewaldluft erinnern. Er wollte sie - ganz aus eigenem Antrieb - eigentlich Ihnen selbst in tadelloser Ausstattung zuschicken, scheint aber bis jetzt keinen Mut gehabt zu haben. Mir kommt es auf das Objekt an. Wie geht es Ihrer hochverehrten Freundin <li. Rand> u. Frau Mutter? Bitte empfehlen Sie mich auch Ihnen u. seien Sie herzlich gegrüßt
<Kopf>
von Ihrem Eduard Spranger