Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 25. Oktober 1904


Gedanken

     25. Oktober 1904
Gedankenlos und müde, wie im Traum,
schloß ich den Brief; Adresse "Heidelberg".
Zur Einkehr gibt die Stunde keinen Raum.
Was ist mein Ich? Ein Stück von meinem Werk!
Wie ein Reflex, der an der Sache hängt,
Bin ich mir selbst, und sie allein ist wahr.
Doch als sich ruhend mir der Arm gesenkt,
Und als ich las, - wie seltsam, wunderbar
Schien mir der Name "Heidelberg", der Klang
Wie altvertraut und lieb; mit seinen Türmen
Steigt es empor. Bekannten Weg entlang
Seh' ich mich wallen. Die Gedanken stürmen
Mir wild voraus, und Sehnsucht, Leidenschaft
Und träumerisches Sinnen kehren wieder,
Als wüchse dort mir heimatliche Kraft.
Die Schranken alle zwingt der Geist hernieder,
Und schöne Tage wachen neu mir auf
Voll Sonnenschein, voll Frieden, und wie einst
Fühl' ich mich frei, in frohem Lauf
des Lebens Bahn zu eilen. - Ach, du meinst
Ruhloses Herz, dir selbst entrückt zu sein,
Bei ernster That dich selber zu vergessen.
Gestehe dir die alte Wahrheit ein:
Eng ist der Kreis, den man uns zugemessen,
Und jeder Weg führt in dich selbst zurück.
Wo sich dir Nahrung bot, und Wurzeln schlagen.
Dich ließ ein ungebetenes Geschick,
Da mußt du hin in deinen schönsten Tagen.
Dreifach war mir ein heimatllich Gefild:
Bei Spree und Neckar sei der Ilm gedacht,
Wo Weisheit mir aus tiefsten Bornen quillt;
Noch immer wirkt hohen Greises Macht,
der Leben lehrte, der die Ewigkeit,
die Allheit in des Menschen Brust gebracht,
Zum höchsten Streben Menschenkraft entfacht;
Ihm sei das Edelste in uns geweiht!
So über Raum und Zeit
Und flüchtig Hoffen
Steht uns der Weg ins Unerforschte offen!
E.S.