Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 12. November 1904 (Charlottenburg)


Charlottenburg 2, den 12. Nov. 1904
Liebes Fräulein Hadlich!
Erinnern Sie sich des feucht-nebligen Morgens, als wir oberhalb von Griesbach saßen und die Wolken sich um die Berge schmiegten, von freier Rheinebene kommend, dem schwäbischen Hochplateau zustrebend - nur wir saßen mitten drin in den Bergen, wo alles sich staut und fän <?> kein Blick sich aufthut und Bergketten verschleiern, daß es freiere Länder giebt, wo Menschen sich scharten zur Erholung, die noch unfreie waren als wir und es doch nicht so deutlich empfanden? Damals hatte ich das Gefühl, das ich schon aus Heidelberg mitgenommen hatte und mir in Hausach melancholische Stunden bereitete, daß für Sie der Tolstoische Moment gekommen war, wo Sie einen entscheidenden Schritt thun mußten, wenn Sie aus dem bedrückenden Bergwinkel hinauswollten in freie Luft. Freiheit aber ist nichts anderes, als das Gefühl eignen Lebens, eines Handelns, für das unsere Natur geschaffen ist. Sie ist kein Indeterminismus, sondern ein Anpassungsvorgang, in dem die inneren Reaktionen den höchsten Grad von Stärke, dessen sie fähig sind, erreichen. Sie sehen, ich werde scholastisch, auch wo ich mich freuen will. Daß Sie diesen entscheidenden Schritt nunmehr und zwar so schnell und energisch gethan haben, erfüllt mich mit Zuversicht und der allerherrlichsten Freude. Am allerschönsten aber finde ich es, daß Sie sich, wie ich gestern von Frl. Mauderer erfahren habe, für Steglitz entschieden haben. So werden wir, d. h. meine Eltern und ich, auch diese glückliche Wendung mitgenießen dürfen. Freilich, Sie verlassen Heidelberg, Sie verlassen den Naturalismus, aber Sie gewinnen an Aktivität, und das ist realer. Die Atmosphäre in Steglitz ist dem sehr günstig. (D.h. nicht nur bildlich, es ist auch das reizendste Wohnen dort in nächster Gegend von Berlin und garnicht einmal teuer). An Philosphie und Theologie finden Sie so viel, daß Sie auf mich mit Verachtung herabblicken werden. Nr. 31 in der Fichtestraße wird der Gott als Weltseele bewiesen, Nr. 34 der, der von außen stößt. Hoffentlich geht es Ihnen dann nicht so wie den Töchtern von Prof. Schäfer, die immer noch mit Sehnsucht an Heidelberg denken und gestern zu meiner großen Freude zweistimmig das Lied: Alt-Heidelberg sangen, in das ich aus ebenso voller Seele wie festgeschlossenem Munde einstimmte. O wie sind doch die Schicksale so bunt! Welche Fülle von Wandlung seitdem ich vor Ihrem Onkel zitterte und mit Hermann Marken tauschte. Sie werden mich in einem desolaten Zustande finden. Denn Ende Januar kommt meine stillste Stunde, nämlich das Doktorexamen. Ob sie auf Taubenfüßen kommt, wie Nietzsche meinte? Ob es überhaupt glatt geht? Ich zweifle nicht an mir, aber die unglücklichen persönlichen Konstellationen nehmen mir alle Zuversicht. Und wo sollte man Zuversicht überhaupt nähren? Freundschaft und Vertrauen sind Annäherungswerte, keine rationalen Zahlen. Erfahrungen dieser Art stimmen mich jetzt so vielfach nieder. Denn gesundheitlich habe ich nicht zu klagen. Eine vorübergehende Reizung kam nur auf allzu intensive Hingabe an Robert Schumann, den Denker unter den Komponisten. Wie kann ein Freund Interesse daran haben, mir zwei äußerst günstige Recensionen meines Hutten, den einzigen Lohn für diese sonst verlorene Arbeit, zu sekretieren? Warum quält mich der andere mit Dingen, die er von meiner ganzen Natur nicht verlangen kann? Warum mutet er mir zu, den Unsinn einer "lebendigen Dialektik" in infinitu zu diskutieren? Aber genug davon. Ich habe mit Problemen und Schwierigkeiten zu kämpfen gehabt, die meine ganze Kraft in Anspruch nahmen. Aber ich bin durch und arbeite keinen Strich weiter daran. Mit der Abschrift der 1. Hälfte von
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| 100 Folioseiten habe ich begonnen. Die 2. Hälfte von ebensovielen werde ich per Schreibmaschine anfertigen lassen. Paulsen gab mir gestern noch Bücher dazu, die 1905 erscheinen. Ich bin aber der Meinung, daß ich aus 1 oder 2 Werken mehr nichts Erhebliches dazulernen kann, und lasse der Sache jetzt ihren Lauf. Die beiden Referenten werden das Opus gewiß sehr seltsam und vielleicht dégoutable finden. Es ist doch eben ganz Dilthey; dieser aber ist für mich nicht zugänglich; und wenn er es für mich wäre, so doch nicht für Paulsen.
Diese persönlichen Verhältnisse nehmen mir definitiv die Hoffnung auf eine Privatdocentur. Es war vielleicht falsch von mir, mit einer Arbeit zu beginnen, die so ziemlich alle lebenden Philosophen vor den Kopf stößt. Daß die Zukunft mir recht geben wird, bezweifle ich nicht. Wo ich aber meinen Wirkungskreis finden soll, ist mir ganz schleierhaft. Dazu kommt nun noch, daß Dilthey neuerdings die Arbeit, die ich vollendet
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| habe, selbst in Angriff genommen hat. Sollte er unerwartet diesmal schnell arbeiten, so bin ich depossediert. Endlich ist der erste Teil (Kap.I.) meinem intimsten Freunde, der alle Schritte mit mir gemeinsam gemacht hat, als Examensarbeit gegeben worden. Er kann also eigentlich bloß umformulieren, was bei mir bereits steht. Dies alles veranlaßt mich zu der größtmöglichen Beschleunigung, die unter Umständen ein Malheur beim Mündlichen zur Folge hat.
Gleich nach dem Examen soll ich dann ein Gutachten des Ministers v. Altenstein, Mitarbeiters v. Hardenberg, auf dem Archiv auf seine phil. Grundlagen hin untersuchen. Es ist mir dies eine sehr willkommene, wennschon mühsame Aufgabe. Denn ich muß mit der Möglichkeit rechnen, daß ich mich künftig ausschließlich der politischen Philosophie widme. Ich hätte dann in ganz Deutschland nur
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| 2 Konkurrenten (Stammler, Jellinek) und könnte ev. durch die Regierung eine Förderung erwarten, die mich von der Coterie der Philosophen unabhängig macht.
Noch niemals habe ich mich den Schwierigkeiten nach allen Richtungen hin so wenig gewachsen gefühlt, wie jetzt. Ein Mensch, wie H. Nohl, drückt mich durch seine Genialität einfach nieder; ich zweifle manchmal, ob dies auf redlichem Wege überhaupt möglich ist. Er hat alles gelesen, und meine Receptivität ist so überaus gering.
Um so mehr sollte es mich freuen, wenn Ihnen alles nach Wunsch gelingt und wenn Ihnen ein leichtes Herz beschieden ist. Was wird aber Ihre Freundin sagen? Aber Sie selbst finden ja hier Ihre Brüder und außerdem alte Freundinnen vom Fach. Frl. Mauderer allerdings scheint die Absicht zu haben, zum Musikdirigenten umzusatteln. Gestern habe ich
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| fast den ganzen Abend unter ihrer Leitung gespielt. Für Paulsen aber ist Musik ein "Nichtseiendes", oder nach anderer Terminologie, etwas durch die Unwirklichkeit seines Begriffs Gesetztes und daher in sein Gegenteil umschlagend sich selbst Aufgebendes.
Eine Sehnsucht nach Freiheit ist in mir, die ich nicht aufkommen lassen darf. Manchmal möchte ich reisen, weit weg. Aber dann fällt mir der "Wanderer" ein.
Leben Sie recht wohl und rüsten Sie sich zum Abschied von Heidelberg, den ich mitfühlen werde, wie Sie selbst. Meine Eltern senden Ihnen die lebhaftesten Empfehlungen. Ich bitte Sie, mich Frl. Knaps zu empfehlen und bleibe
mit herzlichem Gruß
Ihr
Eduard Spranger
[Fuß] Die neuesten Schriften v. Tröltsch (voll v. Grobheiten gegen Dilthey u. m. Freund v. K.) sind sachlich ganz konsternierend. Er ist eben kein Historiker, was er schreibt, lebt nicht; so entsteht ein Kant, der auf beiden Füßen lahm ist.