Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 24. November 1904 (Charlottenburg)


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Charlottenburg 2, den 24.XI.04.
Liebes Fräulein Hadlich!
Der Verstand ist ein Schalksknecht. Wenn er Ihnen rät, nicht zu schreiben, so werden Sie dadurch nichts anderes erreichen, als daß ich Ihre Antworten nicht mehr abwarte, sondern Ihnen schreibe, wann mir das Herz rät. Sollte dann der Verstand nicht mehr ganz auf der Höhe sein, so rechnen Sie es der täglichen Arbeit zu, aus der ich mich doch so gern durch freiere Äußerung erhebe. Soeben habe ich nämlich, darin dem seligen Hamann gleichend, den Abschnitt meiner Arbeit über Lamprecht zum 6. Male umformuliert. Er gehört zu den
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| unfaßbaren Modernen, die 6 Standpunkte nebeneinander haben, und hat man sie wirklich objektiv dargestellt und kritisiert, so ist man so grob geworden, daß es nicht stehen bleiben kann. Sein neuestes Werk "Moderne Geschichtswissenschaft 1905" ist unglaublich reich an Geist von jener gefährlichen Sorte, die Stoff giebt, ohne aufzuklären, zu bereichern und zu festigen. Dies sind die eigentlich unsaubern Geister unsrer Zeit, die Häckels (Welträtsel- Häckels) unter den Historikern, die uns darbieten, was bei einer etwaigen Analyse etwa herauskomen könnte, wenn man diese etwa für richtig halten sollte. Paulsen ist ein klein wenig in diese Sachen verliebt, weil sie biologisch klingen, und es soll
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| in Deutschland mehr Leute geben, die der Biologie mehr glauben als der Psychologie.
Seltsam, daß man in dieser durch u. durch biologischen Welt ein so persönliches Leben führen kann, und daß das Centrum der Welt uns doch so merkwürdig nah bleibt - im lieben Selbst. Es ist auch sehr wenig Neigung vorhanden, einem fremden Selbst dasselbe Recht einzuräumen, das man "selbst" beansprucht, nämlich subjektiv zu sein. Hat man die gemeinsamen Seiten allmählich selbstverständlich gefunden, so fängt man an sich über den Rest zu ärgern, und das ist der kritische Zeitpunkt, durch dessen Überwindung ein Verhältnis erst fruchtbar werden kann.
Es ist ein merkwürdiges Geschick,
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| daß mir jetzt partout in allen Gesellschaften "Alt Heidelberg" vorgesungen wird. In allen mögliche Kompositionen, vom Schönen zum Abscheulichen, daß man bisweilen schon deshalb ins Neckarland reiten möchte, um dem schlechten Gesang zu entgehen. Die jammervolle Rolle, die ich in manchen solcher Cirkel spiele, gehört auch zu dem Kapitel, wie subjektiv alle Wertempfindungen sind. Besonders in diesen Tagen - 4 vor dem Einreichen - sind die Tischgespräche äußerst erhebend: was für ein großer, unvergänglicher, merkwürdiger, widerwärtiger Mann Wagner gewesen ist.
Die philosophische Lage des Nichtwissens über Ihre Pläne lassen Sie mich recht reichlich auskosten. Sie arbeiten den Umständen fleißig in die Hände, die
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| mir jede ideale Erhebung jetzt unmöglich machen, wenn mir nicht die Quelle am Zollstock so manches zu erzählen wüßte, was mich fröhlicher stimmt. Aber es ist in mannigfachem Sinne so, daß wir aus papiernen Bechern den perlenden Trank des Lebens trinken müssen; man wird den Beigeschmack nicht los. Wir modernen Menschen sind unendlich reich; aber da wir uns selbst nicht verstehen, geht es uns wie dem Millionär, der sein Geld nicht in reale Werte umsetzen kann. Daher auch die persönlichen Schranken des Verstehens, an deren Niederreißung ich mein Leben lang arbeiten werde. Denn erst aus dem Verstehen kann eine wirkliche Bewertung der persönlichen Ziele folgen. Und damit hängt es auch
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| zusammen, daß so viele Kräfte brach liegen, weil sie weder die Art ihrer Wirksamkeit kennen noch andre sie ahnen. Dies scheint mir auch der Kardinalfehler Ihres Naturalismus, daß Sie nur den Kreislauf sehen, während mir der unausgesprochene [über der Zeile] Obersatz alles Lebens die Teleologie, d. h. ein Hindrängen auf einen Zweck ist. K. E. v. Baer, dessen Schriften ich neulich las, und Reinke, den ich lesen will, scheinen mir daher die Naturwissenschaftler der Zukunft zu sein. Den ersteren möchte ich Ihnen besonders empfehlen. Hoffentlich habe ich Ihnen damit keine Bären aufgebunden.
Damit endlich mal was zur Absendung kommt, schließe ich
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| mit herzlichem Gruß und den besten Wünschen für Ihr Wohlergehen.
Ihr
Eduard Spranger.