Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 30. November 1904 (Charlottenburg 2)


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Charlottenburg 2, den 30. November 04.
Liebes Fräulein Hadlich!
Es ist mir nicht leicht geworden, diese Zeilen bis heute zu verschieben. Bitte schließen Sie daraus nicht, daß ich an Ihrem Befinden nicht innig teilgenommen hätte. Freilich kann ich mir von der Tragweite u. Bedeutung Ihrer Erkrankung, trotz des ärztlichen Gutachtens, für dessen Beifügung ich Ihnen herzlichst danke (anbei retour), kein rechtes Bild machen. Aber es ist genug, daß es Sie in den Plänen stört, über die auch ich mich so gefreut hatte. Stattdessen eine langwierige und umständliche Kur - ich verstehe wohl, daß das auf Ihre Stimmung besonders deprimierend wirken muß. Also nach Cassel wollen Sie, wenn ich Sie recht verstehe, nicht gehen?
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| Aber bedenken Sie: "Wer sich der Einsamkeit ergiebt etc." Es kommen doch Stunden, wo man die bisweilen ungern geduldete Fürsorge herbeisehnt. Fürchten Sie dies nicht, um so besser. Dann bin ich auch überzeugt, daß Sie dieser neuen Hemmungen bald Herr werden werden. Sind denn eigentlich - verzeihen Sie meine Unkenntnis - Schmerzen und sonstige Störungen des Befindens damit verbunden, oder - das hoffe ich - sind Ihre gewöhnlichen Kräfte dadurch nicht beeinträchtigt? Wie gern würde ich Ihnen frohen Mut machen; aber Sie haben leider nur zu Recht mit dem Hin- und Herschieben der Fesseln; ist doch auch mir die Freude der Vollendung durch diese unerwarteten Nachrichten getrübt worden. Es ist wahr: jeder ist zuletzt einsam für sich. Aber es ist ebenso wahr, daß wir nur in anderen und durch
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| andere leben. Der Eigenbezirk ist so eng und es bliebe nichts, wenn wir jene Existenzen daraus fortdächten. Gestern fiel mir aus einem Buch, das ich mit in Freudenstadt hatte, ein Zettel entgegen, den ich dort, ich weiß nicht warum, wie und in welcher Laune geschrieben habe. Schroff, aber doch wahr. Als ein Erinnerungszeichen sende ich es Ihnen; es enthält die Quintessenz unsrer Gegensätze und es erinnert mich daran, daß v. K. mir einmal sehr richtig gesagt hat, gerade auf den Gegensätzen von Religion und Philosophie ruhe unsre Freundschaft.
Daß derselbe Name mein Verhältnis zu Hermann kennzeichnet, bestreiten Sie - hoffe ich - zu Unrecht. Jedenfalls waren wir 1903 im Sommer auf dem Wege, Freunde zu werden, und wir wären es wohl definitiv geworden, wenn nicht mir und ihm 3 Monate Trennung
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| dazwischen gekommen wären. Gerade weil es so langsam geht mit dem Freund werden, nicht "aus heitrer Höhe", weil ich ihn solange schon beobachtet hatte und wohl umgekehrt, ehe wir uns näherten, ist nichts daraus geworden. Sie haben Recht: Hermann ist zielbewußter geworden; er scheint seine entscheidende Wandlung durchgemacht zu haben. Aber damit ist eine tiefe Kluft zwischen uns entstanden, wie immer nicht des Willens und Gefühls, sondern des Intellekts, ich kann auf diesem Wege nicht mit ihm gehen. Und da ihn diese Sache ganz erfüllt, so daß in seinen Briefen nicht eine Zeile andren Inhalts steht, weiß ich nicht, was ich antworten soll, ohne ihn zu kränken. Übrigens scheinen Sie vergessen zu haben, daß ich seine Vita objektiv ebenfalls sehr schön, ja in gewissem Sinn bedeutend
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| gefunden habe. Hegel kenne ich zu wenig, um in immanenten Fragen mitreden zu können. Ich komme aber auch, trotz wiederholten Versuchs, nicht in ihn hinein, weil seine Voraussetzungen bereits alles enthalten, was ich ihm bestreite.
Zur Probe:
Encyklopädie § 2. 3. 4.
Der Anfang der Philosophie hat das Unbequeme, daß schon ihr Gegenstand sogleich dem Zweifel u. Streite notwendig unterworfen ist,
1) Seinem Gehalte nach, da er, wenn er nicht bloß der Vorstellung, sondern als Gegenstand der Philosophie angegeben werden soll, in d. Vorstellung nicht angetroffen wird, ja der Erkenntnisweise nach ihr entgegengesetzt ist, und das Vorstellen durch die Philosophie vielmehr über sich hinausgebracht werden soll.
2) Der Form nach ist er derselben Verlegenheit ausgesetzt, weil er, indem er angefangen wird, ein unmittelbarer, aber seiner Natur nach von dieser Art ist, daß er sich als Vermitteltes darstellen, durch den Begriff als notwendig erkannt werden soll, und zugleich die Erkenntnisweise und Methode nicht
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| vorausgesetzt werden kann, da deren Betrachtung innerhalb der Philosophie selbst fällt.
Weil der Gegenstand d. Philosophie nicht ein unmittelbarer ist, so kann sein Begriff u. der Begriff der Philosophie selbst, nur innerhalb ihrer gefaßt werden." etc.
Entweder bin ich also in ihr noch nicht drin oder die Definition ist eine unerlaubte Erschleichung. Hermann behauptet das erste, ich das zweite. Damit sind wir am Ende der Diskussion.
Heute Vormittag habe ich meine Arbeit mit 222 Folioseiten eingereicht, schwere Gebüren bezahlt und Hutten u. Hölderlin beigefügt. Über den ersteren hat die Christl. Welt v. 10. November eine sehr beifällige Recension. Heute flogen mir als Weihnachtsgeschenk Herder u. ein Melanchthonstich zu. Letzteren verabscheue ich sehr. Der erste ist nun glücklich in 4 Exemplaren da.
Ich muß doch noch ein neues Blatt nehmen, um auf H. Nohl zu kommen. Mein Verhältnis zu ihm ist ein unerträglich gespanntes und gegenseitig lauern
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|des. Nicht aus Bosheit, aber aus Phantasie und Herrenmoral tritt er mir überall in den Weg, während wir früher bei Paulsen als unzertrennlich galten. Als wir beide dann anfingen, Carriere zu machen, kam das Rivalitätsgefühl und endlose Reibereien, die mich veranlaßt haben, aus dem Dilthey'schen Kreise gutwillig auszuscheiden, weil ich Ruhe haben mußte. Hoffentlich stört er mein jetztiges Vorhaben nicht. Die Notwendigkeit, Stumpf als 2. Referenten zu wählen, ist allerdings für mich sehr ungünstig. - Das Motto meiner Arbeit lautet: "Der einzelne baut sich seine Welt in dem Maße, als er an den sittlichen Mächten teilhat. Und in dem Maße, als er fleißiger u. gedeihlicher an seiner Stelle für die kurze Spanne seines Lebens baut, hat er die Gemeinsamkeiten, in denen er lebte und die in ihm lebten, gefördert, hat er an seinem Teil den
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| sittlichen Mächten gedient, die ihn überdauern." J.G. Droysen, mein Liebling. In diesem Bewußtsein sollte man sich eigentlich zusammenfinden und nicht durch kleinliche Eifersüchteleien u. Herrschsucht sich das Leben schwer machen. Aber das hängt einmal mit der Universitätsluft zusammen, die mir keineswegs sehr rein vorkommt.
Nun aber lassen Sie mich im nächsten Brief etwas Freudiges hören; ich bin es so von Heidelberg gewöhnt u. möchte ungern umlernen. Inzwischen wünsche ich Ihnen eine glückliche und erfolgreiche Kur und baldige Befreiung von den Fesseln, die Sie von Berlin fernhalten wollen. Denn das wird Ihnen nicht erlassen. Meine Eltern empfehlen sich Ihnen bestens. Mit herzlichem Gruß und Empfehlungen an Frl. Knaps
Ihr Eduard Spranger.