Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 1. Dezember 1904


Sonett

Warum vergangne lieblich frohe Stunden
Ein Hauch von Wehmut immer uns erfüllt,
Uns keine Stätte, die wir glückerfüllt
Betreten, je von Herzen frei erfunden?
Trennt uns ein Nebel von des Lebens Bild?
Schwand uns die Kraft aus früh geschlagnen Wunden
Zum Leben ja, zum vollen zu gesunden?
Dies heiße Sehnen, wird es nie gestillt?
Vielfältig sind die Blüten der Natur:
Mit gleicher Mutterhand liegt sie die zarten,
die feinen Seelen, die des Leidens Spur
Im tiefsten Busen unverschmerzt bewahrten:
Die schönsten, liebsten sind es ihrer Flur,
Die Blüten, die des höchsten Glückes warten!
1.XII.1904