Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 15. Dezember 1904


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15.XII.04.
Liebes Fräulein Hadlich!
Wenn ich Sie noch in Heidelberg erreichen will, werde ich wohl eilen müssen mit meinem Beitrag zur Reiselektüre. Mögen Sie vor allem in froher Gewißheit über eine günstige Wendung in Ihrem Leiden diese Reise antreten und noch zuversichtlicher von ihr zurückkehren! Nur hierüber hoffe ich, auch aus C. von Ihnen eine kurze Nachricht zu erhalten. Auch sonst wünsche ich Ihnen für diese Ferien von Herzen alles Glück und frohe Stunden.
Bei mir muß ich leider ein allmähliches Austrocknen konstatieren. Dezember und Januar - dies allein teile ich mit Goethe - waren mir
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| von jeher gefährlich. Dazu kommt die langweilige Arbeit für das mündliche Examen, die zwar nicht gerade im Memorieren, aber doch in Extensität statt Intensität besteht und auf Spaziergängen, wo ich sonst am meisten arbeitete, nicht gefördert werden kann. Trotz alledem geht es mir besser als in den zwei letzten Jahren, so daß ich wenigstens mit diesen Dingen vorwärtskomme.
Über das Thema des Naturalismus, glaube ich, sind wir durchaus längst einig. Sie wissen, daß ich ihn als Ausdruck Ihrer persönlichen Wertrichtung liebe und verstehe, wie Sie meinen Subjektivismus in gleichem Sinne gelten lassen. Nur wissenschaftliche Theorie ist alles beides nicht. Giebt es hier auch keine scharfe Grenze, so werden Sie doch gewiß nicht bestreiten, daß 1) die
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| Gesetzlichkeit für große Sphären des Lebens noch nicht nachgewiesen ist; u. 2) daß das von der Naturwissenschaft ausgebildete Begriffsmaterial möglicherweise (für mich sicher) nicht ausreicht für die wissenschaftl. Behandlung der geistigen Welt. Das letztere ist eine Frage der Erkenntnistheorie. In die müssen Sie nun wohl oder übel hinein (freilich nur um wie Faust wieder hinauszustreben), und da ich Ihnen Kant nicht zumuten willen, so habe ich die Epochemachende Rede v. Helmholtz in freilich vergilbtem Originalgewande für Sie ausfindig gemacht, mit der Bitte, sie gelegentlich im eigentlichsten Sinne zu studieren. Sie war mein Anfangsstudium, als ich die Riemann-Helmholtzsche Theorie d. Raumes noch für den Kernpunkt der Philosophie hielt. Als ich sie neulich nach 4 Jahren wieder durchlas, fand ich, wie wenig ich das eigenste
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| der ganzen Sache damals verstanden hatte. Sie ist nun mittlerweile veraltet und steckt nach den Ergebnissen der Psychologie (physiologischen) voll von Fehlern, über die wir später vielleicht reden können. Sie ist auch in d. phil. Terminologie nicht immer einwandfrei, scheint mir aber trotzdem noch immer die koncentriersteste und glücklichste Darstellung des Problems. Nur müssen Sie bitte bedenken, daß sie nur mit einer ungeheuren Phantasiearbeit gelesen werden kann und daß man wegen der erforderlichen Erzeugung von Abstraktionen nur sehr langsam vorwärts kommt.
Übrigens ist es für den Historiker interessant und für den Philosophen erhebend, daß genau dieselben Gedanken schon 1772 von Hemsterhuis in der Lettre sur l'homme et ses rapports geäußert worden sind.
Man hat Helmholtz Neukantianer
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| genannt. Sehr mit Unrecht. Er ist vielmehr ausgesprochener Psychologist.
Soviel im voraus. Sie werden das Gefühl haben, daß derartige Untersuchungen der Lösung der Weltanschauungsfragen nicht um einen Schritt näherführen. Daraus leite ich den Bankrott der naturwissenschaftliche Methode in den Fragen der eigentlichen Lebensgestaltung ab. Diese kann nur aus einer Analyse der thatsächlich auf diesem Gebiet vorhandenen Produktivität Gewinn ziehen. Geschichte, höhere Psychologie und eigne Gestaltungskraft sind die einzigen Mittel dazu. Speziell den Nachweis, was die ersten und zweiten Faktoren liefern können, glaube ich geführt zu haben. Das Kriterium zwischen Luftgebilden und wirklich tiefgründigen Lebensanschauungen liegt allein in dem Maße von Realität, daß[über der Zeile] s sie in sich aufnehmen
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| können. Das Auswahlprinzip, das hierbei nötig ist, weil kein Mensch die ganze Realität umfaßt, habe ich als einen Zweig der Phantasie bezeichnet. Paßt Ihnen der Ausdruck nicht, so nennen Sie es produktiv-kombinierendes Lebensgefühl oder wie Sie wollen. Hegel, der Metternich der Philosophie, nahm viel Realität in sich auf, die ich durchaus anerkenne. Nur seine Methode, die Dialektik, ist absolut irreal. Sie geht hervor aus einem unsrer Zeit im ganzen Umfang nicht mehr zugänglichen eigentümlich ästhetisch-psychologischen Zustand. Sie kennen als Künstlerin und aus Schleiermacher den Moment völligen Einsseins mit dem Objekt. Als ich noch so sinnlos war, zu komponieren, durchlebte ich in Momenten der Produktion als eine geradezu pathologische Extase ein
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| Gefühl, in dem ich mit [über der Zeile] gewissen Klangvorstellungen so weit zusammenfiel, daß das Ichbewußtsein völlig verschwand. Wir sprachen in H. schon einmal über pathologische Zustände*) [Fuß] *) d.h. abnorm gesteigerte Fähigkeiten. im Zshg mit der Philosophie. Identitätsphilosophie und Ästheticismus hängen innig zusammen u. sind mir in ihrer Grundgemütsverfassung völlig durchsichtig.
Die Mitteilungen aus dem Brief habe ich mit Dank, aber mit geringer Freude gelesen. Die Einrangierung in das Fach Idiota-imbecill., die mitleidige Identifizierung von Anschauungen, die teils auf Grund tiefer Erfahrung, teils durch ernste wissenschaftliche Arbeit ohne "Gefühlsdusel" gewonnen sind, mit abnormen Krankheits- u. Schwächezuständen hat für mich - das kann ich nicht verschweigen, - etwas überaus Empörendes und bedeutet für mich den Abschluß der Diskussion. Ihre An
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|merkungen stimmen mit meinen Briefen völlig überein. Von Beweisführung finde ich bei den Äußerungen über Identität keine Spur, sondern nur eine völlige Fremdheit gegenüber der Problemlage. Die gegen Dilthey gerichteten Pfeile treffen im Grunde die ganze gegenwärtige Philosophie. Solch ein Esel ist er doch wirklich nicht, daß er ganz eigne Wege ginge. Wenn er reicher ist als die andern, so sind doch seine Probleme und Argumente dieselben wie die seiner Zeitgenossen, und es gehört ein großes Stück unerfahrenen Mutes dazu, soviel glänzende Männer einfach als kranke Naturen zu bezeichnen.
Verzeihen Sie mir, wenn ich lebhaft werde. Aber den Hochmut der Hegelschen Philosophie könnte ich nicht hinnehmen, ohne ein andrer zu scheinen, als ich bin. Diesen Schein möchte ich vor keinem Menschen auf der Welt tragen, am wenigsten vor Ihnen.
Es ist verdrießlich, wenn sich die Menschen ganz in ihre spekulative Natur
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| zurückziehen. Sie ist und bleibt ein Armutszustand gegenüber dem, was jedem warm im Blute kreist. Alle meine Wünsche ziehen mich aus der bloßen Reflexion heraus, weil ich das Irreale des stofflosen Denkens mehr als alles andere fürchte. Deshalb ist es für mich jetzt eine trübe Epoche, weil ich keine Zeit habe, neue befruchtende Verbindungen zu suchen. Nur der tägliche Umgang mit der Geschichte kann dafür entschädigen.
Ob die vermutete Gleichheit zwischen den Gesetzen der Kristallbildung u. der Musik sich bestätigt, weiß ich nicht. Jedenfalls war es mit eine der Wurzeln meiner Philosophie, als ich mir als streng materialistischer Primaner die Frage vorlegte, ob die Verhältnisse, die den Gehörnerven als schön erscheinen, auch für den Sehnerven schön sind und umgekehrt. Aus umständlichen Zeichnungen und Berechnungen lernte ich, daß das nicht der Fall ist.
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| Ein umfangreiches Manuskript: "Formale Ästhetik" ist mir deswegen wertvoll, weil es mich ein für allemal von solchen Vereinfachungstendenzen abgebracht hat. Eine Symphonie von Beethoven werden Sie im Ernst nicht mit Kristallen vergleichen wollen. Das "Largo" von Händel, einer der harmonisch einfachsten Musikstücke, ist übhpt nicht in eine übersehbare mathematische Schematisierung zu bringen; und wenn es gelänge, hätten Sie immer nur den Ohrenkitzel und nicht den Geist.
Welch ein Reichtum des Wirklichen und welche Armut in unsern Mitteln, es zu erfassen! Jeder Ausdruck dafür ist - nicht bloß d. Naturalismus - eine Herabminderung unsrer Lebendigkeit zugunsten ihrer Intellektualisierung. Hegel, der Fuchs, war schlau genug, seine Logik deshalb gerade an das Irrationale der elementaren Logik anzuheften. Sie sagen aber selbst: was ist damit erreicht. <li. Rand> Mit den herzlichsten Wünschen für Ihre Gesundheit, Emfpehlungen v. m. Eltern <re. Rand> und Grüßen an die hochgeehrten Ihrigen, bes. Ihren Bruder Ihr E.S.