Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 17. Dezember 1904


Wie manches mal, wenn mir die Arbeit ruhte,
Hat traurig-frohes Sinnen mich erfaßt:
Daß fern von mir auch heut der Neckar flute,
Der mir gerauscht zu glücklich freier Rast.
Da möcht' ich fröhliche Gedanken spinnen
Vom Nord zum Süd wohl übers weite Land,
Da möcht' ich mir und dem Geschick entrinnen
An das des Alltags rauhe Macht mich bannt.
Vielleicht, wenn Schwarzwaldtannen um mich rauschen,
Ein frischer Wind mir um die Schläfen fährt,
Verlern' ich es, dies ängstliche Belauschen
des innern Ich, ob es der Pflicht willfährt.
Zu eignen Daseins eigenem Gefühle
Sehn ich mich hin. Wann schlägt die Stunde je,
daß aus der Leidenschaften Kampfgewühle
Feuriger mir der Schaffensgeist ersteh'?
Dann aus der Lebensflut mit vollen Maßen
zu schöpfen, aller Ängstigungen frei,
Und Bahn zu brechen, wo ich auch der Straßen
Mich wende, daß es allen offen sei:
Dies dacht' ich, müßte mir der deutsche Süden,
Nach dem von Kindheit heimlich ich gesehnt
Zur Reife bringen; dies nur hat dem Müden
In Winterszeit lustvoll das Herz gedehnt.
17. XII. 1904