Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 26. Dezember 1904 (Charlottenburg)


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Charlottenburg, den 26.XII.04.
Liebes Fräulein Hadlich!
Verzeihen Sie bitte, wenn ich so lange geschwiegen habe. Weihnachten ist für mich immer die traurigste Zeit des Jahres, und diesmal besonders haben mich die widrigsten Verhältnisse recht verbittert und des üblichen Gleichgewichts beraubt. Aber genug davon, wie Sie leider von Ihrer Gesundheit schweigen. Lassen Sie mich hoffen, daß es die Fülle schöner und wohlthuender Eindrücke in Cassel war, die Sie das Leiden vergessen ließ. Wir sind ja so dankbar für den geringsten Sonnenstrahl.
Aber eine ganze sonnige Welt haben Sie mir durch Ihr gütiges,
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| herrliches Geschenk hervorgezaubert, in dem Moment, als ich es geradezu brauchte. Sie werden zürnen, daß ich über die künstlerische Freude und den ästhetischen Genuß sogleich zu den persönlichen Associationen eilte, die mir diese "unbestimmte Landschaft" so bestimmt, individuell, inhaltvoll und verwandt erscheinen läßt, wie Sie ja auch in Ihren schönen, freundlichen Begleitversen etwas Ähnliches angedeutet haben. Das ist - Verzeihung für den theoretischen Zwischensatz - der größte Fehler der herrschenden Ästhetik, daß sie uns innerhalb des Kunstwerks festhalten will, während es uns doch nur Mittel und Anlaß ist, in schöne freie Weiten zu entrinnen. Welche Wanderungen macht man während einer Symphonie: da ist man
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| König und Kaiser, reitet mit den Elfen durch dunkle Wälder, feiert rauschende Feste, einsame Träumereien, und zum Schluß macht der Komponist Spektakel, damit man merkt: jetzt heißt es aufhören. So haben Sie mich befreit durch ein Bild, das mit meinen schönsten Erinnerungen verwoben ist und das zu mir noch eine ganz andere Sprache spricht, als es zu Ihnen selbst sprechen konnte. Das Wohin - u. Woher, das sehen wir wohl beide nicht. Aber wir sehen in hüglige Fernen, von denen ich Ihnen erst neulich schrieb, und wir wissen, es ist eine Straße, die zum Ziel führt; ist das nicht genug? Warum mahnen Sie mich an den Abschied? Ich bin der Meinung, daß wir diese Straße mit all ihren Windungen bis ans Ziel zu gehen haben. Warum von vornherein an die menschliche Schwäche denken, die
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| manchmal das Schöne zu zerstören liebt? Ist es nicht unser tägliches Bemühen, uns aus der Wandelbarkeit der Launen zu einer fester gegründeten Existenz zu erheben? Gemeinsamer Besitz und gemeinsamer Kampf sind Bindungen, die von selbst nicht zerreißen, mögen sie auch von äußeren Verhältnissen nicht unberührt bleiben. Vergleiche könnten zu vermessen klingen. Und doch meine ich, mehr durch Arbeit als durch Begabung mich soweit über die Masse erhoben zu haben, daß es gewisse Dinge giebt, die nur durch mich geschehen können. Dieses Bewußtsein, das bald das Herz mit stolzer Freude schwellt, bald an dem Maß der gegebenen Kräfte völlig verzweifelt, ist das, was für den Beamten die Vocation ist. Halten Sie es für möglich, daß ich je so unhistorisch werden könnte, zu vergessen, wo und wann mir in einer Zeit gänzlichen
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| Versagens der Kräfte dieses Bewußtsein zuerst verliehen wurde; (?) denn nur der Eingebildete könnte es sich selbst geben. Dies ist ja gerade das, was mich ständig bedrückt, daß ich, neben dem großartigen Vertrauen, das Lehrer und Fachgenossen auf mich setzen, gänzlich auf jene dutzendweise Lebensstellung angewiesen bin, in der oft wochenlang nichts vorkommt, was dem innern produktiven [über der Zeile] Menschen Material geben könnte.
Daß ich dies jetzt besitze, giebt dem vergangenen Sommer für mich eine symbolische Bedeutung. Es ist eine wunderbare Fügung, daß auch ich in den letzten Tagen im Geist oft die Kniebisstraße wandelte. Vor acht Tagen etwa entstanden die beiliegenden Zeilen, (sonst wären sie wohl zu dem übrigen ins Archiv gewandelt), ein ausdrücklicher Protest gegen das, was Sie - glaube ich - gerade an jener
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| Windung über die Leidenschaftslosigkeit der Philosophie sagten. Auch die fünf roten Beeren, die Sie mir als Wegzehrung gaben, haben mir diesen Dienst in den jetzt so häufig verbitterten Stunden noch manchmal leisten müssen.
Schwer aber bedrückt es mich, daß ich weder im stande war noch bin, Ihnen gleichfalls etwas Eignes als Zeichen des Gedenkens zu bieten. Unpersönliche Geschenke sagen so wenig. Vor März wird von meiner Arbeit, von der Sie sich das Ihrige zueignen werden, nichts gedruckt sein. Nehmen Sie einstweilen bitte zu Neujahr eine Nachblüte unsrer klassischen Dichtung, die - wie mir der Dichter selbst schrieb - ein Stück
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| Philosophie in poetischem Gewande ist. Ferner erhalten Sie in den nächsten Tagen von meinem nächsten Fachgenossen u. allernächsten Gesinnungsgenossen Oesterreich einen Aufsatz, der Sie gewiß interessieren wird: "Kant und die Frauen".
Das Mißverständnis der Briefstelle, das ich Ihrem Bruder abzubitten habe, war dadurch veranlaßt, daß mein Briefwechsel mit ihm sich auch gerade um den Primat von Wille und Vernunft drehte. Indem ich die Allgemeingiltigkeit der Vernunft anzweifelte, schob ich auf sie die Schuld aller Veruneinigungen. In Richtungen des Gefühls und Willens finden sich Menschen leichter zusammen, als in Theorien. Darauf schrieb er mir zurück, daß es bei mir am guten Willen allein läge. Da ich nun
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| wie alle Menschen meinen Willen nicht wollen kann, so habe ich vielleicht doch garnicht so unrecht damit, daß meine und der Gegenwart Abneigung gegen Hegel, gegen den man im allgemeinen noch viel schroffere Äußerungen fällt, als ich es wage, nur pathologisch zu erklären ist. In der That liegt wohl etwas Derartiges bei mir vor. Der Pathologische aber will auch leben und so kommen wir nach dem Muster Mendels dahin: Auch Philosophie ist Majoritätssache. - Das Argument v. d. Geisteskrankheit beweist übrigens nichts, weil Sie voraussetzen: die Gehirnmaterie desorganisiert den Geist, während das Umgekehrte viel wahrscheinlicher ist: die teleologisch-psychische Organisation funktioniert in ihren Einwirkungen auf d. Körper nicht richtig. Beides führt nur auf einen Zusammenhang, nicht auf einen Primat. Sie wählen die Materie wegen ihrer Greifbarkeit, ich das Psychische wegen seiner Erlebbarkeit. Und was meinen Sie nun nach Helmholtz über die Materie? Ist sie mehr als eine
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| mathematische Hypothese? Meine Antwort lautet: ja; aber dieses Wesen ist nicht weiter bestimmbar; man soll über die Resultate d. positiven Naturwissenschaft nicht hinausgehen. Sie sind das einzig Gesicherte, alles andere ist unechtes Gold. Deshalb muß ich auch sehr Protest erheben, wenn Sie mich für einen Spiritualisten halten. Ich bin weder Materialist noch Spiritualist, sondern Positivist.
Sehr viel hätte ich Ihnen noch zu schreiben. Aber es kommt bei meiner gedrückten Stimmung (die übrigens nichts mit Nerven zu thun hat) nichts Gescheites heraus. So möchte ich denn nur mit dem herzlichsten Dank für Ihre mir so wertvolle Gabe schließen, und zugleich das Jahr mit noch innigerem Dank für so viele andere, nicht sichtbare Gaben schließen (also nichts von "Reisebekanntschaft" bitte!!) Möge Ihnen das neue Jahr völlige Gesundung und
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| die Erfüllung aller Ihrer neuen Pläne bringen. Denn um sich "Glück zu wünschen", haben wir nun doch schon zu viel Philosophie getrieben. In diesem Sinne deuten Sie bitte die gedruckten Karten zum 1.I.05.
Mit der Bitte, mich bei den hochgeehrten Ihrigen allerseits bestens zu empfehlen, mit den lebhaftesten Empfehlungen von meinen Eltern und herzlichem Gruß an Hermann grüßt Sie herzlich
Ihr dankbarer
Eduard Spranger.
[Fuß] Nach Vollendung dieser Zeilen ist mein Vater wieder krank geworden. Sehr hohes Fieber! Hoffentlich nichts Ernstes.