Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 31. Dezember 1904 (Charlottenburg)


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31.XII.04
Auch wenn ich nicht schreibe, denke ich an Sie! Da ich aber in der Silvesternacht diesmal ganz allein zwischen meinen Büchern auf die konventionell geheiligten 12 Schläge warte, ist es mir möglich, zugleich an Sie zu denken und zu schreiben.
Man soll einen Menschen nie nach einzelnen Symptomen, sondern nach seiner Ganzheit beurteilen.
Wir sollen unsern Wert und unser Leben nie nach einzelnen Momenten beurteilen.
Es giebt Stunden so tiefer Melancholie, daß unser ganzes Dasein vor uns versinkt und wir uns fast greif
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|bar dem Nichts gegenüber fühlen. In solchen Momenten sind wir aus dem Zusammenhang unsres Ich herausgerissen. Gleichviel, ob sie uns die Ewigkeit oder das Nirwana vorspiegeln: beide sind für den Lebenden gleich unwahr.
Die Zeit ist unser Glück und unser Unglück: der Boden unsres Wirkens und der Vertraute unsrer Thorheiten: Bald möchten wir sie ungeduldig zur Eile antreiben, bald sie flehentlich zum Verweilen bestimmen. Aber das Schicksal, das uns beherrscht, ist mächtiger als unser Wille, an dem vor allem das merkwürdig ist, daß wir ihn nicht wollen können. Aber da wir Zuschauer unsrer selbst sind, nehmen wir in der Reflexion über unsre Triebe Partei. Dieser höchste Richter in uns - dies ist Kants tiefster Gedanke -, ist der Punkt, an den sich alle Geheimnisse der Welt anheften.
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Indem wir uns selbst erleben, erleben wir eine Abstufung der Lebenswerte. Dies ist das einzige, was das Dunkel um uns erhellt. Auf einen sprachlichen Ausdruck gebracht, heißt es Philosophie. Aber das Wort enthält immer weniger als das Erlebnis.
Produktivität ist die höchste Verfeinerung des Sinnes für erlebte Werte. Doch erleben wir durch das Medium unsrer eignen Natur auch vergangnes Menschentum. Je tiefer und doch persönlicher diese Reproduktion, um so wahrer und daseinsfähiger das eigne Produkt.
Christus nennen wir deshalb Gottmenschen, weil er diese Sphäre am tiefsten zu belauschen verstand. Die Predigt kann nichts andres wollen, als uns selbst tiefer verstehen lehren. Philosophische Systeme aber wollen uns bisweilen gegen einzelne Töne dieser Klänge taub machen, um sich [über der Zeile] dem Verstande besser zu dienen.
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Wenn manche Menschen sich ganz verständen, würden sie vor sich selbst erschrecken. Es giebt aber konventionelle Schutzwälle, die dies verhindern. Ihre Bedeutung besteht darin, daß sie ein noch tieferes Verständnis der Menschennatur kondensiert enthalten, als der einzelne es sich zu erringen vermöchte.
Die Unverständlichkeit einer Philosophie sollte immer nur in der Tiefe ihres erlebten Hintergrundes, nicht in der Dunkelheit der Formeln beruhen. Denn wo man das Wort nicht durchschaut, wie will man den Geist erfassen?
Die Berührung mit dem Unerforschlichen ist um so enger und intensiver, je weniger man das bewußte Streben darauf richtet. Der Mystiker von Profession vergißt über dem Fragezeichen das Problem.
Was wir thun sollen, ist in jedem Moment in unserm gegebenen Zustand mit unzweifelhafter Deutlichkeit angezeigt. So oft wir dem nicht gerecht werden, sprechen wir vom Gewissen.
[li. Rand,S.4] Was also ist gewisser als das Gewissen (vgl. Sokrates und Fichte.)

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Liebes Fräulein Hadlich!
Meine Begierde, Ihnen zu schreiben, ist bisweilen so groß, daß ich selbst den Formfehler, einen halben Briefbogen benutzen zu müssen, weil keine andern mehr da sind, nicht scheue! Es drängt mich zunächst, Ihnen für Ihren lieben, wohltuenden Neujahrsbrief und die Beere, die trotz ihrer leuchtenden Farben eben doch nicht Original ist - wissen Sie, was "Echtheit" für den Historiker bedeutet? - herzlichst zu danken. Daß ich Silvester ganz Ähnliches gedacht habe, ist vorsichtshalber gleich protokolliert worden (s. Beilage.) Warum aber rutscht die Gesundheit immer in das Postscriptum? Lassen Sie mich nicht fürchten, daß sie darum auch ein Postpositum bedeute. Haben Sie in Cassel geeignete Behandlung gefunden, und wie sind die Fortschritte? Dies bitte nächstes Mal als Leitartikel!!
Mein Vater hat wieder 8 Tage an der Influenza gelegen. So leicht die Krankheit Gott sei Dank war, bedeutet
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| Sie doch für einen 66jährigen alten Herren wieder einen großen Kräfteverlust, der besonders schwer zu ersetzen ist, wo über die Diät niemals Stimmeneinheit zu erzielen ist. Da ich wegen d. Jahresschlusses die Geschäfte m. Vaters mit zu erledigen hatte, habe ich Ihnen zu Neujahr leider nicht ausführlicher schreiben können; doch auch ohne dies wähle ich lieber Stunden besserer Concentration, die augenblicklich noch fehlen. Meine eignen Arbeiten kommen erst am späten Abend an die Reihe.
Heute vormittag erfuhr ich etwas, das ich Ihnen mit der Bitte anvertraue, es vorläufig unter uns zu lassen. Der Pedell versicherte mir mit Grabesstimme, Paulsens Gutachten wäre "furchtbar großartig", was er andachtsvoll 3mal wiederholte. Wenn nun Stumpf es großartig furchtbar finden sollte, wird mir das erste wenig nützen.
Ihr Urteil über Oesterreichs Aufsatz würde mich sehr interessieren. Von Hermann erhielt ich einen Neujahrsbrief, der mich wirklich in die heiterste Stimmung versetzt hat und den ich so schleunig wie möglich beantworten werde. Es muß wohl eine solche Luft in Cassel wehen. Wenigstens wünsche ich Ihnen <li. Rand> allen das und schließe für heute mit d. herzlichsten Grüßen Ihr Ed. Spranger