Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 1904


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Jedesmal, wenn ich bei Stumpf zu referieren habe und mir von seinen komplizierten Fragen redlich heiß werden sollte, passiert mir das Malheur, daß sich mir ganz andere psychologische Probleme mit der unvergleichlichen Macht des Lebens aufdrängen, als sie dieser amtlich verpflichtete Psychologe Berlins zu stellen pflegt. Ehe ich Ihren Brief rite zu beantworten Zeit habe, rufe ich Sie zur Hilfe an diesen Reflexionen auf.
Ich habe einmal einen Aufsatz angefangen, in dem ich die Macht der Phantasie mit dem Zauberlehrling vergleichen s[über der Zeile] wollte. Sie gaukelt uns ein Bild von einem Menschen vor, dem er in der Wirklichkeit nicht gleicht, ja nie nahe kommen kann. Eigentlich machen wir aus jedem uns wertvolleren Menschen ein solches Inventarstück unseres Inneren und
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| sind sehr ungehalten, wenn sie einmal das sein wollen, was sie wirklich sind. Dann gewinnt die Phantasie geradezu Macht über uns und wir werden die Geister, die wir riefen, nicht mehr los. Die ethische Gefährlichkeit solcher Dichtung habe ich einmal sehr real erfahren. Trotzdem ist es schwer, den Fehler zu meiden. Und das deshalb, weil immer etwas Wahres darin zusein pflegt, nur daß das Wahre nicht immer voll entwickelt in die Erscheinung tritt. So geht es dem Pädagogen. Er vergißt leicht, daß Anlagen noch keine Eigenschaften sind, und ist oft schmerzlich berührt, wenn das Idealbild, das ihm vorschwebt, noch nicht in der Erscheinung vollendet vor ihm steht. Zwar liebt er eigentlich den
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| knospenhaften, noch gestaltlosen Zustand; aber manchmal ist er Quietist und meint, es könnte alles schon da sein. Das letztere aber erreicht er eigentlich nie. Wie ich schon einmal schrieb, kann er froh sein, wenn es im entscheidenden Augenblick auftritt und wirkt. Er vergißt, daß auch die Kunst der Erziehung eine Kunst der Verstellung ist. Denn der Erzieher darf nie sagen, was er als Ganzes ist, er kann nur einzelne angemessene Artikel ins Schaufenster legen. So sagt Nietzsche: Für deinen Freund sollst du dich am schönsten putzen, und in einem Roman v. Jacobsen heißt es [über der Zeile] ungefähr: "Sie waren sich umso mehr, als sie einander nur die Prunk- u.Wohnzimmer, nicht aber die Badstuben ihrer Seele gezeigt hatten." Der erwähnte Aufsatz ist liegen geblieben, weil ich einsah, daß die Phantasie nie ganz täuscht. Das ist die Wahrheit der Dichtung. Aber trotzdem übertreibt sie. Mein
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| Zögling
, wenn ich so sagen darf, wird mir vielleicht eine Zuchtrute auf den Realismus, wie es schon andere vor ihm gewesen sind. Leider bin ich für das Ideale geradezu übersichtig, und so sehe ich auch nur, wie er mir nahe kommt und unbewußt, und was wichtiger, ohne Zwang der Verhältnisse, sich mir beugt. Dieses Hineinwachsen in meine Anschauungen habe ich theoretisch schon längst in meiner deskriptiven Pädagogik beschrieben, ohne es zu kennen. Der Unterschied der Lebensbedingungen ist in solchen Verhältnissen immer sehr gross und schwer zu überwinden. Hier wirkt eine wunderbare Teleologie. Er bewunderte neulich eine Architektur, die er bestimmt nicht würdigen konnte, nur weil ich sie ihm als vorbildlich hinstellte. Mit den Menschen geht es genau so, nur daß ich selbst oft einen häßlichen negativen Zug habe, der immer noch tiefer wirkt. Wie weit das alles nachhaltig ist, kann ich aus meiner Erfahrung garnicht beurteilen. Aber da es langsam kommt und mein äußeres Benehmen unmittelbar garnicht, eher gegenteilig wirkt, darf ich vielleicht hoffen.