Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 18./19. Januar 1905 (Charlottenburg)



Eduard Spranger an Käthe Hadlich. (Handschriftlich)
Charlottenburg, 18. I. 05
Liebes Fräulein Hadlich!
Unser Briefwechsel gestaltet sich mehr und mehr zu einer Gemeinschaft des geistigen Lebens, in der mich jede Lücke und fehlende Mitteilung beunruhigen würde. Ihr heute erhaltener Brief spinnt so viele Fäden an, daß ich - nach langer Zeit - wieder einmal in größerem Gesichtskreise lebe. Um mit der Frauenfrage zu beginnen, so beruht die Ähnlichkeit des Stiles auf persönlichster Gemeinschaft der Gedanken. Er stammt aus meinem Humanitätsaufsatz, nur zum kleinsten Teil von Dilthey, mit dem wir überhaupt viel zu sehr identifiziert werden. O. hat mit D. genau dasselbe Schicksal gehabt, wie ich; es ist etwas in uns, das über ihn hinausstrebt, nur daß O. mehr von Simmel hat als ich, d. h. moderner ist. Meine Stellung zu der Sache ist die, daß die rein geistige Frauenfrage seit der Romantik, die auf Goethes Schultern stand, gelöst ist. Das Neue der heutigen Bewegung ist mehr sozialer u. wirtschaftlicher Natur, kann aber nur von der Frau, die damals geschaffen worden ist, gelöst werden, sofern dabei ethisch-pädagogische Kräfte mitspielen. Das Ideal der Frau kann nur von der Frau geschaffen werden. Intellekt u. Aktivität, die männliche Aufgabe, wäre ein endloser Kriegszustand ohne die produktive Anschauung der Frau, die das geistige Band besitzt, durch das jene beiden Kräfte erst verständlich werden und Harmonie empfangen.
Dies nun ist die Grundidee meiner Philosophie: nicht in mir und meinem Weltbilde die gesamte Realität zu vermuten, sondern lernend und verehrend zu anderen Lebensformen aufzuschauen und erst in dem All des so Erfahrbaren die höchste Form der Besinnung über Menschenleben überhaupt zu erwarten. Dies will ich Ihnen experimentell aus meinem jetzigen Zustande beweisen. Ich habe in meiner Arbeit nachgewiesen, daß jede Philosophie, die den Zweck der geschichtlichen Entwicklung in den idealen, absoluten Endzustand verlegt, mit dem Gefühl von Eigenwert des gegenwärtigen Daseins in einen unlöslichen Widerspruch gerät, der seine Unwahrheit beweist. So koncentriert sich jetzt meine Ungeduld auf die Absolvierung des Examens: meine tägliche Arbeit ist nur Mittel zu diesem Zweck. Nun merke ich, wie diese ganzen Tage in ungesundem Maße an ihrem Eigenwert einbüßen. Der Tag giebt mir an Lebenwerten nur so viel, daß er geschäftig abläuft, um mich von jenem ersehnten Ziel nicht mehr zu trennen. Dies wäre nicht der Fall, wenn, wie beim Schriftlichen, der Wert der Arbeit zugleich in ihr selbst läge. Denken Sie sich nun als absoluten Zweck des Lebens das Doktorexamen, oder, was dasselbe ist, das Zusichselbstkommen des Geistes, die Erringung eines absoluten, allgemeingilten Zustandes: wie abscheulich und inhaltsleer, ja, bei der Unerreichbarkeit des Zieles, hoffnungslos wäre das Dasein, nicht wahr? Das kann nur eine Afterphilosophie sagen, der es gänzlich an Blick für das eigentliche Erlebte und Reale fehlt, abgesehen von ihrem Mangel an Kenntnissen. Denn Hegels Phil. verhält sich zur Geschichte, wie Zahlenmystik zur Mathematik. Dann werden Religion, Gefühl, wirtschaftlich Existenz, Bürger, Bauer, Edelmann u. König nichts gegen den Alleinbesitzenden Philosophen. Sollte es nicht vielmehr umgekehrt so sein, daß er der Arme ist, während die anderen Wissenschaft, Leben, Glück besitzen? Dies ist für mich keine Streitfrage, übhpt kein wissenschaftliches Problem, sondern eine Frage persönlicher Erfahrung und Erziehung. Glauben Sie nicht, daß ich früher auch mit dem Kopf durch die Wand gerannt bin? Aber ich habe die Wand stehen lassen und den Kopf gebeten, gefälligst zur Thür hinauszugehen. Dieser Besitz erwirbt sich nur im Verkehr mit Menschen, und ich bin wirklich oft recht ärgerlich, nicht als Systematiker, sondern als Mensch, daß man das nicht thut, daß man z. B. sich für keinen Laien der Theologie hält, weil man sich 2 Monate mit spekulativer Religionsphilosophie beschäftigt hat. Aber ich vermisse das Lernenwollen, wie ich überhaupt manche Lektüre für viel zu rasch und flüchtig halte, um daraus Gewinn zu erziehen. Dies ist der entschiedene Grund, weswegen ich das Aufblühen Hegels allenthalben mit - nur jetzt noch unthätigem - Ärger sehe, so auch die Habilitation des Herrn Emil Lask in Heidelberg, der nicht bloß Jude, Rickertianer und gänzlich unfähiger Historiker (obwohl geistvoller Gelehrter), sondern auch ein völlig improduktiver Mensch ist, während in s. Protektor Windelband unter der üblen Theorie ein großer Historiker und ein persönlicher Ethiker schlummert. Also ist es Kampf, was mich erwartet, und meine Aussichten auf Habilitation sinken, wenn ich mir meine Starrköpfigkeit in diesen Dingen vorstelle.

19.I.
Heute morgen schreibt mir Kügelgen: "Wissen Sie, wir mir diese Hegelianer vorkommen? Wie die Insassen der Hauff'schen Gespensterschiffs, welche nur Schatten und Schemen sind, die nachts immer wieder zurücksegeln, so daß sie nie das feste Land erreichen" - und nun kommt es noch gröber. Ich aber muß in die englische Verfassungsgeschichte zurückkehren; daher verabschiede ich mich von Ihnen mit dem lebhaften Wunsch, daß mindestens mit dem Frühling, auf den wir ja alle sehnsüchtig warten, Ihr Leiden auch ganz verschwunden sein möge.