Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, Ende Januar 1905


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<undatiert; aus der Woche vor Sprangers Rigorosum am 2.2.1905>
Liebes Fräulein Hadlich!
Wenn ich Sie in dieser etwas stürmischen Zeit nicht ganz ohne Nachricht lassen soll, so muß ich Ihnen von einem noch unaufgeklärten, aber nicht unerwarteten Zwischenfall vertrauliche Mitteilung machen. Die Fakultät hat Paulsens Gutachten beanstandet und sich, nach Angabe eines neuen Pedells (?), dabei auf das Gutachten von Stumpf berufen. Dieser verhältnismäßig seltene und für P. wie für mich fatale Fall hat allerdings vorläufig mit einem Siege unsererseits geendet, insofern Stumpf ungestimmt sein soll und sein Referat abge
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|ändert hat (?), so daß valde laudabile bestehen bleibt (?). Kein Mensch hat dafür eine eigentliche Erklärung. Ich riet zunächst auf Dilthey, und [über der Zeile] es ist kein Zweifel, daß er dabei mit im Spiele ist. Aber wahrscheinlicher ist, daß es sich überhaupt um eine Coterie gegen P. handelt von einer Seite, die seine Sachen prinzipiell beanstandet, was denn in diesem Fall bei der Höhe des Prädikates, der Art des Themas und meinem Verhältnis zu Dilthey, der mit Stumpf befreundet ist, eine besondere Zuspitzung erfahren hat. Diese Sache ist mir ziemlich auf die Nerven gefallen; sie hat mich verletzt, und, da ich nicht weiß, von welcher Seite die Feindschaft
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| kommt, mich für das Mündliche unsicher gemacht. Andererseits aber hat mich der Ärger geharnischt, so daß ich entschlossen bin, mir nichts gefallen zu lassen u. eine scharfe Kontrolle zu führen, wenn mich am Donnerstag Abend mein Schicksal ereilt. Vielleicht erfahre ich von Montag an bei den Besuchen Näheres. Die Frage ist, ob ich bei der seltenen Ehre, in der Fakultätssitzung verhandelt zu werden, eine jammervolle oder eine günstige Rolle gespielt habe. Das erste ist mir wahrscheinlicher, seitdem mir ein Fachhistoriker gesagt hat, ihm wäre nie der Gedanke gekommen, daß man über dergleichen Dinge überhaupt nachdenken könnte. Gewiß hat Stumpf recht: es giebt Leute, die 10 Jahre auf diesem Gebiet arbei
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|ten können und doch noch kein Urteil darüber haben, aus Mangel an Reflexion oder an Persönlichkeit. Indessen scheinen mir die Historiker solange am wenigsten zu einer Kritik berufen zu sein, als sie von der Arbeit selbst noch nicht eine Zeile gelesen haben. Sehen Sie, dies sind die Mächte, mit denen man zu kämpfen hat: konservative Sterilität, Eifersucht und die abgöttische Verehrung des "unendlich Kleinen". Hätte ich doch lieber über die ostpreußischen Zölle gearbeitet, denen neulich sogar ein <ein Wort unleserlich> gezollt wurde, während Arbeiten von der geistigen Breite des Themas: "Goethes Satyros" stolz mit laudabile prangen. Aber genug von diesem Universitätsklatsch.
Aus Klagenfurt wurde ich heute nach Freudenstadt versetzt durch eine Karte, die dies schöne Städtchen tief
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| im Schnee produziert. Es wird ihm doch das Verdienst bleiben, meine Nerven soweit repariert zu haben, daß ich diese schwere Winterkampagne mit [über der Zeile] für mich völlig normalen Kräften und bis jetzt ruhig überstehe. Vielleicht wäres es auch für Sie vorteilhaft, im kommenden Sommer diese Höhenluft, die doch weit kräftiger ist, als die Griesbacher, und weit bequemer zu erreichen, einmal zu kosten? Langweiliger, als in G. und als die Vorbereitung zum mündlichen Doktor, ist es dort wirklich nicht. Wie eine getrocknete Südfrucht komme ich mir vor, im Einmachglas, deren "sueze" gänzlich vermittelhochdeutscht ist und deren Psyche nur noch in physiologischer Psychologie besteht. Meine "Unterschiedsempfindlichkeit" für das Öde ist
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| gleich Null geworden und meine "Reizschwelle" proportional der Reizlosigkeit des Stoffes. Die "mechanische Reproduktion" funktioniert wie eine Claviatur und "die Enge meines Bewußtseins" ist gleich der "Hemmungssumme" aller dieser abscheulichen "Vorstellungen". Meine Träume handeln von der "Modalität der Urteile" und dem "grammatischen Wechsel"; meine Seele dichtet Memorialverse und seufzt in "Obertönen", auf denen das "Phänomen der Consonanz" zuverlässig nicht beruht, weil dies vielmehr ein Prozess der "Verschmelzung" ist. Blutgierige aber bin ich auf Jahreszahlen und mit Leidenschaft erinnere ich mich der Bedeverträge von 1280/3. Hierbei möchte ich Sie doch darauf aufmerksam machen, daß alle Affekte sowohl positiv wie negativ sind, immer ein Urteil voraussetzend, die Stoiker
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| 4, Deskartes 6, Spinoza 3 Affekte gehabt haben.
Lassen Sie aber diesen Blick in meine innere Welt ja unter uns bleiben!
Ihnen wünscht einen kräftigen, fröhlichen Affekt und physiologisch eine gute Gesundheit
Ihr
Eduard Spranger.