Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 6. Februar 1905 (Charlottenburg)


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Charlottenburg, den 6.II.05
Liebes Fräulein Hadlich!
Für Ihren freundlichen Glückwunsch, dessen ironischen Ton ich durchaus teile, herzlichen Dank. Möge der Weg nach Schwetzingen resp. im Schwetzinger Park, den ich auf ihrer schönen Karte sehe, Ihnen leichter fallen als mein Weg jetzt und in den letzten Tagen war. Auch für ihren lieben Brief danke ich Ihnen, auf den ich Ihnen näher antworten werde, wenn mir die Philosophie weniger verleidet sein wird, als jetzt.
Auch von Hermann erhielt ich heut einen Gratulationsbrief. Ich freue mich über das Fortschreiten seiner Arbeiten, unter denen die Examensarbeiten die geringsten sind. Wie es innerlich
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| in ihm arbeitet, wie er mit Leidenschaften und Reflexion kämpft, lese ich aus jeder seiner Zeilen. Bei mir ist leider so völlige Ebbe, daß ich kaum diese Seiten zu füllen weiß.
Seit 14 Tagen umgiebt mich ein mystisches Dunkel: meine Freunde lassen mich im Stich, meine Feinde drücken mir die Hand - momentan jedenfalls bin ich an allem irre, und habe nur das Gefühl, daß ich mein Nervensystem diesen frdl. Einflüssen nicht länger als Klaviatur darbieten kann. 10 Tage vor dem Examen plötzlich hieß es, kein Mensch in der Fakultät habe m. Arbeit u. ihr Prädikat unterschreiben wollen. Stumpf sollte die Schuld haben. Meine begreifliche Aufregung kämpfte ich mit aller Kraft nieder. Dann bei den Besuchen war Stumpf persönlich unvergleichlich liebenswürdig: nur die Logik in folgenden Worten
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| leuchtete mir nicht ein: Sie sehen sehr elend aus; haben ja auch eine kolossale Arbeit gemacht. Als Dissertation ist das vollkommen unmöglich. Ich: Herr Geheimrat, es war mir ein Herzensbedürfnis. Er: Das sieht man; wir sind ja auch sehr zufrieden mit Ihnen. Nachdem Sie es einmal angefangen haben, haben Sie sich sehr gut herausgeholfen. Sie haben ja kolossal viel gelesen. - Beim Mündlichen waren bis auf Hintze alle Examinatoren überaus wohlwollend. Doch - wie Sie wissen - hatte ich kein besonderes Glück, obwohl ich bei Erich Schmidt u. Paulsen wohl sehr gut bekam. Ein neues Rätsel erwartete mich, als mir der Dekan das Resultat verkündigte. Da standen sämtliche 3 Philosophen parat, mir zu gratulieren, und mit Thränen empfing ich das freundliche Lächeln und den lebhaften Händedruck des alten Dilthey, der ja garnichts mit mir zu thun hatte, und dem ich diesen mir unendlich wertvollen Moment nie vergessen werde.
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Am nächsten Tage wieder freundliche Begrüßung von Stumpf auf der Straße (!), er meinte [über der Zeile] es würde sich schon ein Verleger für m. Arbeit finden. hingegen bei Paulsen in der Wohnung merkliche Erkältung. Das Wort über m. Arbeit, worauf ich 2 Monate mit Ungeduld gewartet hatte, blieb völlig aus; ebenso jede Hilfe für einen geeigneten Verlag der Arbeit, die jetzt nur noch die Qualitäten d. Anfängertums u. d. Erstlingswerkes hatte. Ferner merkliches Verwundern, daß ich das Mündliche nicht magna c. laude gemacht hatte. Schließlich ein ziemlich frostiger Abschied. Dieses Frostgefühl habe ich in den letzten Tagen nicht loswerden können. Wo ich selbst frei von jedem Nummernehrgeiz bin, deprimiert mich diese persönliche Enttäuschung um so mehr, als gerade dort die für mich unerschütterlichen ethischen Qualitäten und Vorbilder lagen. Ich werde einige Zeit brauchen, um damit fertig zu werden. Hoffe ich doch, daß er mir zur
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| Stärkung meiner Kräfte u. m. Selbständigkeit dienen soll. Falls jedoch <Name unleserl.> den Verlag meiner Arbeit ablehnen sollte, würde ich ein Gesuch einreichen, mich von der Pflicht (!), sie drucken zu lassen, zu entbinden.
Betrachten Sie also bitte dies als vorläufige Nachricht; ein Brief soll in den nächsten Tagen folgen, wenn es etwas poetischer u. inhaltvoller in mir zugeht. Da es mir gesundheitlich recht gut geht, hoffe ich bald in neuer Beschäftigung alte Hoffnungen zu vergessen. Über die erwähnten Vorfälle aber bitte sprechen Sie nicht.
Für heute also bitte ich Sie um Nachsicht. Meine Eltern lassen sich Ihnen bestens empfehlen. Ich bin mit herzlichem Gruß
Ihr Eduard Spranger

[] Neulich war ich mit einer russischen Dame zusammen, die in Straßburg mit einer Arbeit über Fichtes Ethik glänzend promoviert hat. Erscheint bei Meyer, Tübingen.