Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 14. Februar 1905 (Charlottenburg)


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Charlottenburg 2, den 14.II.05
Liebes Fräulein Hadlich!
Die Sache mit den angefangenen Briefen an Sie, die sich in meiner Schreibmappe geradezu bogenweise häufen, beginnt mir bedenklich zu werden. Anzeichen von Aboulie, geistiger Zusammenhangslosigkeit! Hoffentlich liegt es nur an dem schlotterigen Nervenzustand, der mich infolge der seltsamen Komplikationen der letzten Zeit befallen hatte, über den ich jedoch durch das Bewußtsein des moralischen Plus bald hinausgekommen bin. Sehr lieblich ist allerdings die Aufgabe nicht, mit einer nun allmählich durch eigne und fremde Kritik zum Überdruß beleuchteten Arbeit handeln zu gehen. Mein erster Verleger war zwar
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| die Bereitwilligkeit u. Geschwindigkeit selbst; er wollte mit mir die Herstellungskosten u. den Ertrag zur Hälfte teilen. Dieses sehr passable Anerbieten wurde mir dadurch problematisch, daß er für die Herstellung u. den Vertrieb den ganz ungeheuern Preis von 1100 M ansetzte. Glücklicherweise erkundigte ich mich bei einer Firma, die überdies den Vorzug hat, phil. Spezialverlag zu sein und an die mir Paulsen in zweiter Instanz eine eventuelle Empfehlung in Aussicht gestellt hatte, rechtzeitig genug, um zu erfahren, daß die Druckkosten nur 600 ca M betragen. Ich brach die ersten Verhandlungen schleunigst ab und setzte mich mit der neuen Firma, NB ohne v. P. eine Empfehlung zu erbitten, in Verbindung. Das Nicht-Rentable philosophischer Ar
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|beiten wurde mir auch hier schwarz genug gemalt. Man machte mir das vorläufige Angebot, 300 M zuzuzahlen und im nächsten Jahr für das ev. Defizit aufzukommen, sowie beträchtlichen Anteil am Reingewinn. Dies ist nun zwar nicht viel weniger als die an erster Stelle geforderten 550 M; dafür habe ich aber die Garantie, daß das Buch auch in die Hände kommt, für die es bestimmt ist. Ich rechne dabei auf frdl. Unterstützung in meinem Bekanntenkreise und bemerke bereits heute, daß es ganz besonders zu Konfirmationsgeschenken geeignet ist, in unaufgeschnittenem Zustande auch zum Verpacken sehr haltbar.
Wie ein Kanarienvogel im Bauer habe ich gestern versucht, ein paar Flügelschläge zu produktiver Arbeit zu machen. Es geht noch ganz nett, aber der alte Schwung, der Mut,
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| auch einmal unwissenschaftlich-persönlich zu werden, ist nicht mehr da. Wenn man Herders Tagebuch [über der Zeile] 1769 liest, welch eine Fülle von Gedanken, unverarbeitet, widersprechend, aber kräftig und anregend. Und dagegen heute diese geistlose Kleinarbeit, die schwunglose Genauigkeit u. die vorgeschriebene Carrière: <Zeichnung: kleiner Kreis> so fängst Du an, dann kommt so <Zeichnung: mittelgroßer Kreis>, dann so <Zeichnung: großer Kreis>, und wenn Dir die Hand zittert, dann endlich kannst Du versuchen, das ganze Blatt vollzumalen. Da kommen dann die nicht fortgesetzten ersten Bände, die immer wieder aufgewärmten, starr gewordenen "vernünftigen" Gedanken! Ich bin gewiß kein Stürmer u. Dränger mehr; die kühnsten Ideen habe ich längst herabgeschraubt. Aber diese Art wissenschaftlicher Arbeit ist geeignet, einem den Verzicht auf sie überhaupt erwünscht zu machen. Jede Opposition gegen dieses in mir festgewurzelte
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| Wertbewußtsein kann nur meine Hartnäckigkeit verstärken. Denn ist dies thatsächlich die Überzeugung unsrer Zeit, so ist es eine Krankheit unsrer Zeit, und jeder, der das empfindet, ist zum Arzt berufen. Mir ist nur rätselhaft, daß Paulsen, der erst so sehr einstimmte und von dem ich anerkennende Briefe über die ersten skizzierten Proben besitze, der das Ganze vor andren gelobt und vertreten hat, neulich sich so seltsam zurückzog.
Gern würde ich Ihnen nun mit Freude berichten, daß Ihr Bruder Kurt gestern bei uns war, wenn ich eine solche Stippvisite von 3 3/4 Minuten als ein bei uns sein bezeichnen könnte. So habe ich weder von Ihnen, noch von ihm noch v. Hermann etwas erfahren, indessen doch die Freude gehabt, ihn wiederzusehen.
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Kügelgen, augenblicklich einer der enragiertesten Hußforscher, sandte mir als Promotionsgeschenk eine sehr seltene u. wertvolle Spottmünze auf Huß aus dem 16. Jhrhdt, ganz in der Form einer Ordensverleihung. Demnächst wird wieder ein von ihm ausgegrabener Hußtraktat erscheinen (Heft 6 der "Zeitgemäßen") den ich mit größter Spannung schon des Titels wegen erwarte: "Von Schädlichkeit der Tradition". Im April endlich erscheint auch mein beim ersten Aufenthalt in Heidelberg geschriebener Aufsatz bei Hoensbroech, der - da ich für dergleichen Arbeiten nie ein Concept anfertige - meinem Gedächtnis schon völlig entschwunden ist und der mich an eine der glücklichsten Zeiten meines Lebens erinnern wird, die um so seltener mehr diesen Namen verdienen, als auch eine Fülle
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| glücklicher Folgen für mich sich an sie geknüpft hat. Damals suchte ich mich von der Fülle unverarbeiteten ästhetischen Lebens zu befreien. Heute aber empfinde ich die Wahrheit des Anfangssatzes: "Ein unwiderstehlicher Drang treibt den Menschen, die Ekstase zu suchen." Warum Leidenschaftslosigkeit, warum keinen aktiven Enthusiasmus? Wie sehr sehne ich mich nach dem reinen Aufnehmen, nach dem höheren Pulsschlag beim Anblick einer freundlich belebten Natur am Rhein, Main u. Neckar zurück, wie es mir die letzten Sommer gewährten. Dieses Freiheitsgefühl nach angespannter Pflichterfüllung, diese Berührung mit Volk und Landschaft und Geschichte, die Möglichkeit einige Wochen mit Freunden zu leben oder über sie und menschliche Beziehungen nachdenken zu können, unter einer Fülle von Offenbarungen und in unge
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|wohnter Allseitigkeit des Lebens, - das alles verdient einen verständigen Nachsatz, daß es nämlich eine verfrühte Februarsonne ist, die auf mein Blatt scheinend dies alles hervorruft, daß statt der würzigen Bergluft mir inzwischen die Cigarette 10 mal ausgegangen ist und daß ich von Ende der Woche an täglich auf dem Staatsarchiv zu arbeiten habe.
Sie aber beneide ich um die Fahrt nach Schwetzingen, von wo Sie im Frühling wohl einmal einen Spaziergang nach Ketsch machen werden (?) oder die Tour nach Rastatt - Sesenheim (?) oder nach dem Kümmelbacher Hof und Hirschhorn und wie die Gefilde der Freiheit alle heißen. Denn daß es Ihnen besser geht, sehe ich mit Freude. Auch mit mir geht es andauernd aufwärts. Die Adresse v. Frl. Knaps, der ich mich zu empfehlen bitte, will nicht in meinen Kopf. Würden Sie die Güte haben, sie mir zu schreiben? Meine Eltern senden Ihnen hochachtungsvolle Grüße. Ich bin in unwandelbarer Dankbarkeit
Ihr Eduard Spranger-Hölderlin.