Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 23. Februar 1905 (Charlottenburg)


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Charlottenburg 2, den 23.II.05
Liebes Fräulein Hadlich!
Mit großer Freude ergreife ich Gelegenheit, Feder und Papier, um einmal einen speziell Ihnen gewidmeten Festtag zu begehen, an dem ich aus der Ferne von Herzen teilnehme. Daß ich unter dem farblosen Ausdruck Geburtstagswünsche etwas mehr verberge als aus den üblichen Worten Gesundheit, Glück, Zufriedenheit hervorleuchtet, liegt daran, daß wir nun einmal Armut und Reichtum unsrer Sprache gleich unverdient mitmachen müssen. Was hat das -"Wünschen" eigentlich überhaupt für einen Sinn, als daß wir sagen wollen: wenn ich die Welt zu regieren hätte, würde ich sie Ihnen so schön wie denkbar gestalten: so ist meine Gesinnung.- Also, da
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| einmal philosophisch gesprochen sein soll, so wollen wir uns bemühen "die alten Zaubersprüche zu verlernen", und ich begnüge mich folglich damit, zu konstatieren, daß meine dankbare Verehrung und so gesinnte Hinneigung zu Ihnen nicht aufhören soll.
Beiliegendes sehr bescheidenes Erinnerungszeichen enthält m. E. wirklich gute Philosophie. Besonders der erste Aufsatz ist ein Meisterstück. Zudem ist das Ganze ein getreues Abbild des von mir so verehrten Mannes. Die Widmung hingegen ist Ihrer Überzeugung gewidmet, also nicht ganz die meine, aber mir nicht minder verständlich als der Pessimismus, den jeder Mensch in dem Sinne haben muß, daß er höhere Werte erlebt, als Natur und Menschheit ihm verwirklicht zeigen. Sie müssen Ihren Spinozistischen Kreislauf unbedingt aufgeben und den letzten Schelling'schen Vers unbedingt beherzigen,
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| um den derjenige, der historisch denkt, nicht herumkommt. Kap. 9 u. 10 meiner jetzt im Druck befindlichen Arbeit werden Ihnen meine näheren Ansichten darüber sagen. Reuther u. Reichard beabsichtigen, die Schrift sehr schleunig herzustellen. Soviel Mühe mir die Korrekturen machen werden und jetzt schon die unglaublichen Dekanatszöpfe bereiten, so ist diese Sache für mich doch bereits in dem Grade abgethan, daß für meine Auffassung die Darstellung veraltet ist. Dies nun hängt zusammen mit den 3 neuen Themata, die mich z. Z. beschäftigen. Nr. 1 wird auf dem Geheimen Staatsarchiv ausgebrütet und betrifft die Denkschrift des Ministers Altenstein v. 1807, die mit einer mich geradezu aufregenden Deutlichkeit zeigt, wie die Frz. Revolution den Politikern plötzlich ein historisches Bewußtsein geweckt hat. Die Schelling'sche Philosophie rückt dadurch in ein neues Licht und es zeigt sich zum ersten Mal die Bedeutung derselben für die Stein-Hardenbergsche Reform.
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| Der Schelling'sche - sich in Harmonie auflösende Gegensatz v. Notwendigkeit u. Freiheit kann geradezu identifiziert werden mit dem Gegensatz von Jena und der Reformarbeit! Das 2. Thema betrifft den Nachweis, daß der Bruch in der "Kritik der reinen Vern." Kants auf einem juristischen Denkfehler beruht, der der Methode des Naturrechts entstammt. Das 3. Thema: heißt "Zur theologischen Geschichtsauffassung" und knüpft an Tröltsch an, dessen sehr dunkle "Absolutheit d. Christentums" ich soeben im eigentlichen Sinne studiert habe. Es handelt sich hier um eine Spezialanwendung meiner Arbeit auf die theol. Geschichtsauff, in der mir Ritschl u. Kügelgen vorangegangen sind. Letzterer hält am Sonntag eine Probepredigt in Stuttgart, wo er geschmackvoller Weise in d. Hölderlinstraße wohnt.
Vielleicht interessiert Sie es, beiliegendes älteres [über der Zeile] d. h. auf älteren Arbeiten beruhendes Ms. einmal zu lesen, das allerdings nur wirken kann, wenn man die entsprechenden Stellen in Goethes
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| Werken nachliest. Dann hat es auch eine sehr persönliche Beziehung auf uns. Da ich leider keine Abschrift besitze, senden Sie mir es vielleicht gelegentlich zurück.
Gestern (bis heute) war ich auf dem Festkommers zu Adolf Wagners 70. Geburtstag. Ich bin noch ganz erfrischt von dem Wesen dieses Greises, dem es gelang, was 700 Jünglinge nicht zustande brachten - nämlich Stimmung in eine äußerlich zusammengewürfelte Schar zu bringen.
Nun aber will ich Sie dem Nachmittagskaffee nicht länger entziehen. Ich habe nur noch die lebhaftesten Glückwünsche meines Vaters hinzuzufügen, allenfalls auch die Nachricht, daß Oesterreich am Montag nach einem harten Strauß mit Stumpf Doktor cum laude geworden ist, und schließe mit herzlichen Grüßen
Ihr getreuer
Eduard Spranger.