Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, Februar 1905


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<nach Sprangers Rigorosum am 2.2.1905>
Liebes Fräulein Hadlich!
Der Kopf wirbelt mir etwas von den komplizierten Verlagsverhandlungen und der endlosen Briefschreiberei, die mir die geradezu zahllosen Gratulationen auch von den fernstehendsten Seiten aufnötigen. Ich versuche mich zu befreien, und, indem ich meine Lebenslage überblicke, finde ich mich bereichert durch Kenntnis der Welt und der Menschen. Das gänzlich Widerspruchsvolle beider mildern zu wollen, ist ein vergebliches Bemühen. So wird mir auch die Zufälligkeit meines Ansatzpunktes klar. Der Glaube, daß uns Philosophie vor allem not sei, begegnet bei mir längst einem gefährlichen Zweifel. Selbst daß sie ein Ferment oder ein Moment des Ganzen sei, würde ich bezweifeln, läge nicht heute mehr als jemals die Aufgabe [über der Zeile] vor, die Widersprüche der Wissenschaften oder schon der Berufe mit einander zu versöhnen. Diese Aufgabe aber muß gelöst werden, soll nicht das Gefühl inhaltloser Verzweiflung allent
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|halben die Oberhand gewinnen. So etwas als Dissertation zu versuchen, ist kühn, frech, "ungeeignet". Also verzichte ich auf diesen Titel, denn das Urteil Documentum Doctrinae et acuminis valde laudabile war am Ende nur Dithey aus der Seele gesprochen. (?) Ein solcher Widerstand nun der "Ungläubigen" kann nicht irre machen. Denn was die Alten nicht mehr oder noch nicht empfinden, dämmert vielleicht in einer jungen Generation als unabweisbares Lebensbedürfnis heran. Wenn also auch augenblicklich die Nachfrage nach Maurern größer zu sein scheint als die nach Bauplänen und Bausteinen, so möchte ich doch keinen Bau sehen, der nur von Maurern ausgeführt wäre, d. h. keine Geschichtsauffassung, die in den Archiven zur Welt gekommen ist. Darin liegt das Unwissenschaftliche meiner Arbeitsart, worin ich ihren meiner Natur spezifisch angemessenen Wert erkenne. Bei Hermann
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| geht dieses Bestreben noch viel weiter; denn er schätzt nur die Baupläne, denkt aber garnicht an die Bausteine, so daß ihm eine sehr schöne historische Arbeit gerade jetzt kein Vergnügen macht. Wie sehr ich diesen Standpunkt verstehe und wie tief dieses Kämpfen seine ganze Natur durchschüttert - dies beides würden Sie nicht ahnen, wenn Sie selbst so ruhig wären, wie Sie bisweilen zu vorgeben. Aber was in Briefen steht, ist noch immer nicht der Mensch selbst - das weiß ich von Hölderlin, über den mich Erich Schmidt sehr nett geprüft hat. Die Schwierigkeit ist nun die, von den Alten so viel zu lernen, als nötig ist, und doch nicht die Gewißheit des eignen Herzensdranges aufzugeben; denn sobald man den nicht mehr versteht, ist man in Gefahr, dem Skat, Stammtisch und dem Maurertum zu verfallen, die alle 3 ihr Gutes haben, nur daß sie mich an die deutschen Freien erinnern, die ihre Freiheit aufgaben, um den Acker bestellen zu können und keine
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| Kriegsdienste leisten zu brauchen. Das nämlich ist immer ein Zeichen alternder oder gehemmter Kultur, wenn der Stoicismus siegt, statt zielbewußter, warmer Arbeit für eine bestimmte, noch so individuelle Lebensform, der natürlich das künstlerische Maß für das ethisch Lebensfähige nicht fehlen darf. Dieser Standpunkt wieder hat nur dann einen Sinn, wenn wir uns für Führende mit erzieherischen Rechten und Pflichten halten dürfen, wenn eine Nachfrage nach solcher harmonisierenden Produktivität besteht. Verliert man den Glauben an die Existenz eines solchen Bedürfnisses in weiten Kreisen, so hat die Selbstkultur u. der Selbstgenuß allein keinen Wert mehr. Denn es ist ein alter Satz: Was nicht wirkt, ist nicht. Darin wieder liegt eingeschlossen eine gefühlsmäßige Geschichtsphilosophie, die bei Herder, Hölderlin, Schelling so weit ging, daß sie den Bildungstrieb schlechthin für eine Fortsetzung des Organisationstriebes in der Natur erklärten. Man braucht nicht ausdrück
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|lich so weit zu gehen. Denn derartige metaphysische Vorstellungen sind in ihrem praktischen Wert gleich: Der Gedanke einer "Erziehung des Menschengeschlechts" besagt dasselbe in andrer Form. Aber davon frei werden, hieße eine Pflanze sein, die ihre Wurzeln in den Flugsand senkt, um keine Wurzeln zu haben, die länger sind als der Stengel. Selbst der kleinste Halm braucht nahrhaften Erdboden zum Gedeihen; ein Lehrer braucht keine Geschichtsphilosophie zu schreiben: er hat sie. Diesen im Beginn des 19. Jhrhdts u. schon früher auftretenden Gedanken eines Zusammenhangs von Natur- u. Geschichtsphilosophie denke ich demnächst weiter zu verfolgen.