Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 3. März 1905 (Charlottenburg)


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Charlottenburg, den 3. März 1905.
Liebes Fräulein Hadlich!
Der Frühling macht wüste Köpfe, weckt die Lust ins Weite, und wenn man draußen ist, ist man zu bequem zum Laufen. In dieser gänzlichen Anarchie und Auflösung meiner Gemütskräfte traf mich Ihr mit Ungeduld erwarteter Brief, der mir endlich einmal wieder von Ihrem Ergehen und Thun Kunde gab. Im Grunde rollt doch jeder ohne Unterlaß wie Sankt Diogenes sein Faß, und es ist schön, wenn man in dieser Entwicklung, die Goethe schön Spiraltendenz nennt, wenigstens ein kleines Stückchen vorwärts kommt. Wenn ich denke, daß ich noch vor 2 Jahren von einem Sonnenuntergang überwältigt werden konnte, der mich heute erfreut, aber eigentlich doch meinen Zielen und Werten ganz fremd ist! Ein wichtiges Stück Gedankenarbeit habe ich an meiner Philosophie der Werte geschafft; aber die Sache u. Begründung
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| ist jetzt so kompliziert, daß außer mir wahrscheinlich kaum jemand es ganz in seine Überzeugung aufnehmen könnte, weil der ganze Umkreis dessen, was ich als wissenschaftlich nicht möglich in langer Arbeit erkannt habe, unausgesprochen bleiben muß. Der Fundamentalsatz ist der: Erlebte Werte sind letzte Grundbestandteile der uns im Bewußtsein gegebenen Welt; ihre gegenseitigen teleologischen Beziehungen können z.T. herausanalysiert werden; das Erleben von Werten überhaupt aber kann nicht deduciert werden. Aber genug davon.
Der Hauptgrund, weswegen ich umgehend schreibe, ist das Pflichtbewußtsein, mich der dreimal aufgetragenen, sehr herzlichen und dringenden Grüße von Frl. Mauderer zu entledigen. Vielleicht ist es ihnen auch ein Trost, daß das Steglitzer Kunstinstitut in der Zwischenzeit schon verschiedene Male "verkracht" ist, was ich der Wahrheit gemäß nach Bericht nicht ohne kindliches Erstaunen mitteile. Frl. M. hat mit Frida Schanz zusammen ein Bilderbuch hergestellt, in dem shilouettenhafte
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| Tiere gar merkwürdige Erlebnisse und Gemütsbewegungen haben. - Der Gesellschaftsabend am Dienstag schien Oesterreich und mir besonders zugedacht zu sein. Die Familie besonders empfing uns mit unverdienter herzlicher Teilnahme. Paulsen selbst - ich kann mir nicht helfen, hat eine ungewohnte stille Melancholie, die jedoch nicht uns oder mir gilt. Bei Tisch - was in 4 Jahren noch niemals geschah - hielt er folgende kurze Ansprache: Wir haben diesmal 2 junge Doktoren unter uns - es sollten eigentlich 3 sein, Herr Nohl fehlt leider. Das neue Jahrhundert beginnt mit einem erfreulichen Aufblühen der Philosophie. Junge Kräfte treten auf, um die Aufgaben fortzuführen, die das Alter nun bald aus der Hand sinken lassen muß (Oho der Frau Professor, neben der ich saß!) - sie werden sich in den nächsten Wochen in das Album der Fakultät einschreiben, aber ich zweifle nicht, daß sie sich in das größere Album der Geschichte der Philosophie einschreiben werden." Aus dem Munde eines Mannes, der weder aktive noch passive Feiern liebt, sehr viel; und doch habe ich leider ein zu feines Gefühl, um nicht zu merken, daß er,
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| speziell bei mir eine gewisse Divergenz merkt, die von Dilthey kommt. Zum Gespräch kam ich leider garnicht, weil ich als Hauskapelle fungieren mußte.
Ihr Bruder Kurt hat trotz allem und allem ein sehr glückliches und beneidenswertes Naturell. Es thut mir jedenfalls sehr leid, daß er mir keine Gelegenheit gegeben hat, ihn in diesem Semester zu sehen. Herman dürfte weniger glücklich sein, und ich sehe keinen Weg, ihm zu helfen, als Strom und Fülle von Gesellschaft, von lauter verschiedenen, recht subjektiven Naturen. Geschrieben habe ich ihm vor einer Woche, kann aber leider nicht so wie Sie den Zugang zu seinem Gedankenkreise finden. Im geheimen gestanden bin ich froh, daß ich mich nicht mehr mit ihm pauke.
Tröltschs amerikanischer Vortrag ist in der That recht deutsch. So was künstliches gedeiht nur hier. Es wird mich sehr interessieren, Ihre Gedanken darüber zu hören. Sein "Absolutheit des Christentums" 1901. entspricht noch ganz meinem Standpunkte, wie ich überhaupt sehr viel Gemeinsames mit ihm habe.
Turgenjeffs Väter und Söhne empfehle
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| ich Ihnen, besonders auch das Nachwort.
Meine Altensteinarbeit ist schon weit fortgeschritten, und noch habe ich nicht die erste Korrektur der Dissertation. Daß diese natürlich angenommen ist und das Prädikat: documentum doctrinae et acuminis valde laudabile erhalten hat, zu deutsch "sehr gutes Zeichen von Gelehrsamkeit u. Scharfsinn" hatte ich Ihnen doch schon im Januar geschrieben. Woher diese Zweifel?
"Goethe und Jacobi" ist ein sehr flüchtiges Produkt. Ich zögere, es drucken zu lassen, weil es 1) von München aus (wegen Überfüllung) abgelehnt worden ist 2) weil möglicherweise Zwischenglieder fehlen, die mir bekannt sind, die ich daher nicht deutlich zu fühlen vermag 3) weil es sehr banal ist. Nur stilistisch scheint es mir besser als meine früheren Arbeiten. Wie denken Sie darüber?
Auch über Windelbands Präludien möchte ich mehr hören. Ich halte sie für den klassischen Ausdruck eines möglichen Standpunktes, der übrigens sehr schwer oder von Nicht-Kant-Kennern eigentlich garnicht zu verstehen ist. Wie man von Heidelberg aus einmal über mich urteilen wird, bin ich sehr begierig zu er
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|fahren. Aber bis es so weit ist, ist das gewiß für mich jedenfalls total abgestanden.
Im ganzen würde ich mich augenblicklich auf Hamlet - Schopenhauer - Mephistopheles' Seite neigen. Die Sehnsucht nach einem offiziellen und - einigermaßen dotierten Auftrag ist bei mir jetzt recht groß, die Aussichten recht klein.
Was machen sie in Schwetzingen für Erfahrungen? Was macht die Kunst, die farbenreiche, die die Welt des Auges mit menschlichem Sinn belebt und die Natur sprechen lehrt, als wenn sie wir wäre?
Meine Mutter, die übrigens ebensowenig gnädig Frau ist als ich Dr., läßt Ihnen recht herzlich danken. Ihrer Freundin empfehlen Sie mich bitte vielmals. So wollen wir sehen, ob uns der neue Frühling wieder einmal reicher macht, als wir hofften! Mit den besten Empfehlungen von meinen Eltern und mit herzlichen Grüßen
Ihr
Eduard Spranger