Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 24. März 1905 (Charlottenburg)


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Charlottenburg 2, den 24. III. 05
Liebes Fräulein Hadlich!
Es giebt Naturen, die jeden Augenblick von sich die intensivste Lebensäußerung verlangen, die das, was vielleicht an stillen Frühlingsabenden an Gefühlen und Gedanken über uns kommt, zum Maßstab des ganzen Daseins machen und unzufrieden sind, wenn die Dinge nur so ihren ruhigen, alltäglichen Gang gehen, dem keine tiefere Wirkung abzugewinnen ist. Da ich selbst zu diesen Naturen gehöre, kann ich Ihnen keinen Vorwurf daraus machen, wenn es Ihnen ebenso geht. Wer möchte nicht mit Gewitter und Schneesturm die Natur genießen, ihr auch in diesen heroischen Momenten nahe sein - und doch ist es eine Thatsache, daß man sich dabei erkältet. Dieser nüchterne Gesichtspunkt, d.h. froh zu sein, wenn man mit hochgeschlagenem Rockkragen aus
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|kommt, ist eigentlich doch die Regel unsrer Existenz. Wenn Stunden kommen, wo die Fülle der Receptivität oder Produktivität uns überwältigt, die Erinnerung in uns gewaltig wird, und das ganze Rätsel des Lebens vor uns auftaucht und uns mit einem unnennbaren, gegenstandslosen Schmerz erfüllt, dann haben wir den intensivsten Genuß unsres Daseins, aber sicher nicht den bleibendsten und darum wahrhaft beglückenden. Wenn Sie hingegen von Schwetzingen kommen in dem Bewußtsein etwas erreicht zu haben, d.h. mit der Kunst einen höheren Samen in junge Gemüter gelegt zu haben, oder wenn Sie, ihm unbewußt, für Hermann etwas gethan haben, was ihm seinen Weg leichter macht, oder für Ihre Freundin - ich meine, daß damit ein stiller Glanz sich über das Leben breitet, der tiefer wirkt als jene so verführerischen, aber trügerischen Stunden,
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| die uns nur dann fördern, wenn wir sie nach dem leider so verachteten, allein beglückenden Tagewerk genießen. Dies nun, daß dieser Drang nach Leben, d.h. Bethätigung in Ihnen nicht schwindet, ist allerdings IhrWille. Aber wir sagten schon einmal, daß man seinen eignen Willen als Ganzes nicht wollen kann, und so behielte ich denn wieder recht, daß in dem, wie wir uns selbst erleben, die einzige und tiefste Offenbarung über das All liegt. Schwindet Ihnen nicht der Glaube, dieses Gefühl, das Ihnen scheinbar sich selbst offenbart, in Wahrheit aber Ihnen Ihre tiefste Verkettung mit dem Ganzen offenbart, jemals in irgend einem Bilde lebendiger auszudrücken, als Ihnen dies Gefühl selbst enthüllt? Der Gedanke, daß Sie das Gefühl, das Sie mit Ihrem Vater verbindet, unter irgend einem naturalistischen Bilde ausdrücken könnten, kommt mir so unmöglich vor, daß ich ihn nie
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| ernst genommen habe, sondern ihn - als ein Selbstmißverständnis gedeutet habe. Und wozu die Bilder für ein in sich selbst gewisses, kräftiges Erleben? So ist auch jede Geschichtsphilosophie nur ein unzulängliches Bild für das rein innerliche Erlebnis, daß unser Eingreifen in historische Zwecke nicht sinnlos ist, womit ja, nach der heutigen Lage, unser ganzes Leben sinnlos würde.
Wenn Hermann am Montag kommt, so grüßen Sie ihn bitte herzlich von mir. Natürlich ist diese Hauslehrerstelle für ihn an sich kein Gewinn. Aber ich fasse diesen Plan so auf, daß er nach bestandenem Examen die willkommene Gelegenheit, in Ihre Nähe zu kommen und gleichzeitig eine gut dotierte Stelle zu bekleiden, dazu benutzen wird, um bei Windelband seinen Doktor zu machen und sich an ihn näher anzuschließen. Er würde gewiß seine Examensarbeit über Hegel dazu benutzen können
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| und so ein Ziel erreichen, das bei sofortigem Eintritt ins Seminar nicht mehr nachzuholen ist. Sollte er diese Absicht nicht haben, oder die Stelle nicht wirklich gut dotiert sein, so - meine ich - würde Ihre liebevolle Uneigennützigkeit ihn gewiß nicht in diesem Entschluß bestärken. Gern aber denke ich mich hinein, daß H. mit W. in ein gutes Verhältnis kommt und, wenn er seine Arbeitsmethode noch ein klein wenig ändert, die großen Vorteile benutzt, die ihm als enragierten Philosophen Windelband für eine rein wissenschaftliche Carrière bieten könnte. Da aber möchte ich sagen: Schnecke, Panpecke, steck Hörnerchen raus! Fort jetzt mit dem einsamen Vergraben in sich selbst und hinein in den frischen Zug, den die Wissenschaft unter Windelband nimmt, dem ich zwar keineswegs beistimme, aber die allergrößte Hochachtung zolle. Könnten Sie ihm diese Idee injizieren, ohne den Ursprung zu nennen, so würde er gewiß einen glücklichen Griff thun, der ihn mindestens zum Doktor u. hoffentlich weiter
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|führt.
Auch ich werde möglicherweise eine Hauslehrerstelle annehmen, die mir weitere Privatarbeiten ermöglicht. Die Hoffnung, dies Jahr wieder über Heidelberg zu reisen, spricht auch dabei mit, wozu ich aber die grenzenlose Opferwilligkeit meines Vaters nicht gern annehmen möchte.
Meine Arbeit ist bereits bis zum 5. Bogen, also über die Hälfte fertig. Reuther u. Reichard sind mit wahrem Feuereifer dahinter, und zu meiner Freude ist bereits, wegen unerwartet hoher Vorausbestellungen, eine Vermehrung der Auflage um 200 Exemplare beschlossen worden. Dies gilt natürlich nur dem Thema, nicht dem Autor. Ich selbst habe die Kritik über die Arbeit längst verloren. Oesterreich aber meint, sie wäre überaus schwer verständlich, weil er nicht gewöhnt sei, daß jeder Satz etwas Neues sage. Sie werden hier einen völlig anderen Stil finden, den ich absicht
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|lich auf eine größere Ruhe u. Bestimmtheit zu stimmen suche. Möglicherweise ist das Ganze noch vor Ostern fertig.
Die Correkturen greifen meine Augen sehr an; dazu die viele Archivarbeit, die mir zwar sehr interessante Handschriften von Hegel, Humboldt, Hardenberg, Niebuhr etc. in die Hände bringt, aber auch zeigt, daß die Philosophie der Minister ebenso dürftig ist wie die Politik der Philosophen. Übrigens habe ich in dieser Angelegenheit mit einem Nachkommen der Frau v. Stein zu korrespondieren gehabt.
Augenblicklich beschäftigt mich eine Arbeit über die "Kontrastbewegung der Generationen", die im wesentlichen auf eine psychologische Umbildung der Hegel' schen Dialektik hinausläuft.
Stumpf hat keineswegs etwas gegen mich gehabt, was ja eben die Sache so rätselhaft macht. Übrigens ist das Ganze für die Zukunft ohne jeden Belang.
Mit Ernst L. verbindet mich kein näheres Verhältnis mehr; es war ein absoluter Mißgriff.
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| Allerdings empfinde ich das Bedürfnis nach persönlicher, herzlicher Wirksamkeit sehr; aber so scharf ich die Jugend beobachte, ist mir bisher keiner aufgefallen, der mir ein tieferes Interesse abgenötigt hätte. Wenn nun schon das Gesicht so wenig Hoffnungen erweckt, was soll man sich vom Geist versprechen?
Daß Sie an Windelbands Präludien etwas finden, wundert mich sehr. Allerdings halte ich sie für sehr hervorragend, aber eben sosehr Ihrer Natur heterogen. Ich kann mir nicht denken, daß Ihnen vor allem die Problemstellung natürlich erscheint? Wie finden Sie den Hölderlinaufsatz, den Sie Hermann gegenüber früher auf meine Rechnung schrieben? Ich halte ihn aber psychologisch garnicht für richtig.
Großen Genuß habe ich an der Lektüre Fichtes, den Sie sich doch auch einmal ansehen sollten. Er gehört zu den Überzeitlichen.
Und zum Schluß die Feder! Wie kommt sie in den Naturalismus? Könnte ich Ihnen ein ungefähres Gefühl davon
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| geben, wie tief ich dieses Dunkel, das uns umgiebt, verehre. Denn aus ihm strahlt Gewißheit auf unsre besten Kräfte, und wir genießen das Glück, scheinbar selbst zu erschaffen, was wie eine mystische Andeutung in uns liegt und durch tägliche Arbeit zu immer größerer Klarheit geläutert wird. Diese Selbstgewißheit kann mir kein äußeres Ereignis rauben. Mit Goethe sage ich: Wir - können nichts machen, als was wir machen; der Beifall ist eine Gunst des Himmels. So rein und deutlich, als möglich, auszusprechen, was in mir lebt, in der Hoffnung, daß auch andre dies empfinden könnten, das ist das ganze Geheimnis meiner Philosophie, die keine andre Autorität kennt, als menschliches Leben in seiner Breite u. Fülle. Mag alles auch in subjektiver Verkürzung erscheinen, so doch nicht ohne Perspektive. Der Drang, der in mir lebt, mich wirklich auszusprechen, ist so groß und gefähr
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|det so sehr meine wissenschaftliche Vorsicht, daß auch ich fragen muß: Ist das mein Wille? - Wer viele Menschen gesehen hat in der kleinen oder großen Sphäre ihres Daseins, der glaubt nicht mehr an die Herrschaft des Begriffs, auch nicht des Symbols, sondern er taucht unter in die lebenswarme Flut und begnügt sich zu sagen: So fand ich es; so sah es aus in seiner Niedrigkeit, so in seiner Glorie; nun wählt selbst, welchem Wege ihr folgen wollt. Und wie ein Soldat, der auf dem Marsch ist, immer den Feind entgegen, aber nie dem unendlichen Trieb Genüge thuend, erfüllt mich eine nie endende Ungeduld, das Bewußtsein der unendlichen Aufgabe; diese Kraft kann in mir erlahmen: andere werden sie neu empfinden. Deshalb fühle ich mich ganz wie ein Künstler gegenüber dem endlosen Stoff, nicht wie ein Philosoph, der anschei
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|nend so gern im System ausruht. Die neue Aufgabe aber ist, das ganze Innenleben der Zeit auf einen Ausdruck zu bringen, und diese Aufgabe hat ihrer Natur nach nie eine Grenze. Mit Glück empfinde ich es, wenn Sie mich auf diesem Wege begleiten, und sähe so gern auch Hermann wie Oesterreich u. manchen andern mit mir auf gleichem Pfade. Noch lieber aber zeigte ich Heranwachsenden das Panorama, wie es sich einmal in meinem Kopfe malt. Diese Hoffnung aber ist noch vergeblicher.
Und so schließe ich auch diesen Brief, der seiner Tendenz nach, vor Ihnen kein Geheimnis meiner Sehnsucht zu verschließen, ebenfalls unendlich ist, im Bewußtsein unsrer wunderbaren, über alle Mitteilung erhabenen Übereinstimmung.
Mit Empfehlungen von meinen Eltern - meine Mutter war einige Tage krank - grüße ich Sie herzlich.
Ihr Eduard Spranger