Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 15./18. April 1905 (Charlottenburg)


Charlottenburg, den 15. April 1905
Liebes Fräulein Hadlich!
Ich beschließe eine arbeitsreiche Woche, indem ich die Antwort auf Ihren lieben Brief beginne, von der ich noch nicht weiß, ob ich sie nach Heidelberg oder nach Cassel schicken soll. Von geistiger Abspannung merke ich noch garnichts bei Ihnen, und solange Sie Windelbands Präludien mit Verständnis lesen können, dürfen Sie mir auf mein Wort glauben, daß es damit nichts zu sagen hat. Da ich diesen charaktervollen Denker nun schon erwähnt habe, muß ich Ihnen auch gestehen, daß ich es allerdings für möglich halte, daß Sie ihn Ihren bisherigen Anschauungen assimiliert haben, nicht aber so, wie er seiner eignen Absicht nach genommen sein will, und wie er sich z.B. in dem Aufsatz "Kant" und dem: "Kritische und genetische Methode" darstellt. Bloß um den teleologischen Gesichtspunkt in ihre Anschauungen aufzunehmen,
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| brauchen Sie sich nicht dem System einer so transcendenten Weltanschauung, wie Windelband sie will, auszuliefern. Ebenso wenig liegt (in dem kommenden Todestag Schillers etwa?) eine Notwendigkeit vor, diesen "ungeheuren Bruch von Natur und Ideal" anzunehmen. Das ist die alte Zweiweltentheorie platonisch-mittelalterlichen Angedenkens, die in den Tagen der Renaissance und Goethes eigentlich überwunden sein sollte, und die - wie Sie sich vielleicht aus m. Hölderlin erinnern, in Kants Kritik der Urteilskraft ebenfalls überbrückt worden ist. Sie werden nun in m. Arbeit den Versuch ausgeführt finden, der bei Dilthey künstlerische Analyse bleibt, [quer links] Übrigens bin ich Ihnen für diese Anregung sehr dankbar. Sie hat mir gezeigt, wo ich weitere Versuche ansetzen kann. die völlig undenkbare Kluft zwischen Normen und Naturgesetzen zu beseitigen. Giebt es etwa in uns irgend einen seelischen Vorgang, den Sie als bloßen Kausalzushg bezeichnen könnten? Nein: sondern diese Zusammenhänge sind allemal Zusammenhänge von erlebten Werten, (beispielsweise die in m. letzten Aufsatz entwickelten). Es giebt in uns keine mit mechanischer Kraft
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| wirkenden Ursachen, sondern nur Verbindungen, in denen eine triebhafte, zielstrebige Wirksamkeit sich offenbart. So also vollzieht sich der Übergang vom Wert, der im Enthusiasmus erlebt wird, zu dem sog. Stoischen mit einer unbewußten, aber zweckmäßig, d. h. für das Leben wertvoll wirkenden Notwendigkeit. Wollen Sie dies ein Naturgesetz nennen - eh bien. Nun aber tritt in der Norm gar nichts prinzipiell Neues hinzu, sondern, was anfänglich triebhaft wirkte, ist in ein Urteil zusammengefaßt, das diesen Zshg als eine psychologische Gesetzlichkeit ausdrückt, und dieses abgeleitete Urteil wird nunmehr bewußtes Motiv, diesen Prozeß mit bewußter Einsicht zu vollziehen. M.a.W. der eigentlich vitale Charakter der Norm liegt in der unwillkürlich erlebten Zweckmäßigkeit; erst eine spätere Zuthat ist es, wenn ich dieses naturgesetzmäßige Erlebnis jetzt so formuliere: Wenn Du den Endzustand wertvoll findest (was unableitbar ist), so mußt Du auf Grund der Erkenntnis diese naturgesetzmäßigen Zusammenhanges die letztere als Motiv in Dein Innensystem aufnehmen. Die
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| Motivierbarkeit selbst aber ist wieder ein Naturgesetz, das nur von solchen über den ursprünglichen Zusammenhang gestellt wird, die intellektualistisch denken und deshalb das Urteil von seiner lebendig- psychologischen Grundlage loslösen und verselbständigen. Ist das klar? Ich weiß nicht, ob es Ihnen so prinzipiell wichtig erscheint [über der Zeile] wie als mir; aber im Zshg der gegenwärtigen Wissenschaft ist es von außerordentlicher Tragweite. Man kann uns dann keine Werte und Normen mehr zumuten, die gänzlich außerhalb unseres Erlebens fallen, und damit wird Individualität, also Realität gerettet, die sonst verloren geht.
Dies wäre ja nun ein recht scholastischer Anfang. Schieben Sie es bitte darauf, daß ich meine Arbeit bei Gelegenheit der nun vollendeten Correkturen immer wieder durchdenke. Denn ich mache die Erfahrung, daß die Tiefe des Eindringens in den Gedanken selbst beim Autor nie wieder so lebendig ist wie im Moment der Produktivität. Deshalb sind meine Arbeiten für mich selbst
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| immer wie etwas Fremdes, und auch die "ästhetische Stimmung" kann ich mit derselben Intensität wie in der Heidelberger Periode nicht mehr nacherleben. Um so wichtiger, dergleichen real Erlebtes festzuhalten, wie ich es auch in an Sie gerichtete Widmungsversen, die im Papierkorb liegen, ausgedrückt habe. Denn Sie irren, wenn Sie glauben, daß das nicht alles teuer bezahlte, eigene Erfahrung wäre. Phantasie würde dazu nicht ausreichen. So geht es mir z. B. mit dem Bild von Feuerbach, für das ich Ihnen herzlich danke. Ich kann mich erinnern, daß ich die dort ausgedrückten Stimmungen als Kind einmal gehabt habe, diese traumverlorene Selbstentäußerung an den Gegenstand. Sie wollten mir im Schwarzwald dasselbe zumuten und schienen es zu können. Denken Sie an unser Gespräch an dem Wiesendreieck [über der Zeile] in der unbestimmten Gegend beim Neckarhäuser Thal. Jetzt stürmt alles in mir und koncentriert sich, und ich weiß nicht, ob es einen Mann giebt, der dieses Bild in seiner ganzen Tiefe nacherleben könnte. Der künstlerische Wert, den es für mich hat, ist der eines
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| Blickes in eine andre Welt. Und so werden Sie hoffentlich nicht die Empfindung haben, es an einen Unwürdigen verschwendet zu haben.
Dasselbe habe ich an meinem Aufsatz jetzt beobachtet, der mir nur noch als Studienobjekt belangvoll ist, wennschon keine Zeile darin ist, die ich nicht heute noch voll unterschreibe. Aber wieviele haben es geradezu dankbar empfunden, daß darin ausgedrückt ist, was sie selbst dunkel erlebt haben. So hatte vor allem mein Vater das feinste Verständnis für das Ganze, der von Entstehung und Verhältnissen absolut nichts wußte. Und Paulsen, der zum ersten Mal etwas von meinen psychologischen Sachen las, schrieb mir: "Herzlichen Dank für Ihre schöne geschichts-psychologische Studie (!). Ich habe sie mit großem Vergnügen gelesen, sowohl wegen der feinen psychologischen Ausführungen, als um der Tendenz willen." [quer links und Kopf] Auch Geheimrat Münch (vom Kultusministerium) drückt mir mit ähnlichen Worten seine Zustimmung aus und schließt: "Auf dieser Linie müssen noch weitere Angriffe unternommen werden." Prof. Borchardt, bisher sehr skeptisch, sagte mir: Ich sehe jetzt, daß man auf diesem Wege weiterkommen kann.
Mit genau demselben Vergnügen sah und las ich Ihre schöne Karte von Schriesheim, obwohl es mit dem Erleben des Frühlings hier und besonders bei mir sehr dürftig ist. Es ist erstaunlich, wie die Be
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|schäftigung mit politischen Dingen der Natur abseits führt. Die sehr interessant gewordene Altensteinarbeit hat sich mir in der letzten Woche zu einer so tiefgehenden Durchdringung gestaltet, daß sie beinahe fertig ist und ich hoffen darf, 3 Monate nach dem Doktor schon wieder eine Arbeit von neuen Resultaten vollendet zu haben.
Nur geriet Paulsen in eine sehr lebhafte Begeisterung für die alten Kisten in Kochberg, die den Privatnachlaß des Ministers enthalten, eine angeblich höchst fruchtbare Entdeckung von mir. Ich muß aber gestehen, daß ich über solche von Kügelgen als Petrefakten bezeichneten Manuskripte sehr kühl denke und schon aus äußeren Gründen kaum in der Lage sein werde, in Kochberg darin herumzuwühlen. *) [Seitenende] *) Diese Ansicht scheint sich jetzt bei mir zu ändern.
Es ist mir gelungen, eine Abhandlung von Dilthey zu erwerben, die immer nur einem engen Publikum zugänglich sind u. nur ausnahmsweise verkauft werden. Wenn Sie Interesse dafür hätten, um des Stils und der Tendenz willen einen Blick hineinzuthun, könnte ich Sie Ihnen zur Ansicht schicken.
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18. April.
Die schöne und sinnige Überraschung, die Sie meiner Mutter bereitet haben, hat auch mir einen sehr freudigen Sonntag bereitet. Denn erstens ist hier noch absolut kein Frühlung, und zweitens gestattet mir mein Naturalismus, an Blumen aus Heidelberg noch etwas ganz Besonderes zu finden. Der Dank meiner Mutter wird meinen Zeilen auf dem Fuße folgen, die ich leider für heute schließen muß, weil ein unglaublicher Trara um mich ist u. ich dabei noch eine Schrift v. Fichte, betitelt "Anweisung zum seligen Leben" (!) - vor Ostern - lesen muß. Den Aufsatz v. Simmel empfehle ich Ihrer frdl. Beachtung. - Ostern werde ich in Treuenbrietzen sein; ich habe das Kursbuch nach allen Richtungen durchstudiert, ob und wie man von dort nach Halle kommt; aber leider ist es noch recht weit und ich kann noch nicht übersehen, wann ich der Promotionsgeschichte wegen in Berlin sein muß. Möglicherweise dringe ich am 4. oder 5. Osterfeiertage bis Wittenberg vor.
Bringen Sie nur eine recht gute Gesundheit und die beste Feststimmung mit nach Cassel, wo ich mich zu empfehlen bitte. Von Herzen wünsche ich Ihnen ein schönes Osterfest und bitte Sie, auch meiner freundlich zu gedenken. Leider ist nun doch mein Osterei so fein versteckt, daß Sie es wohl erst 8 Tage nach dem Fest finden werden. Mit den lebhaftesten Empfehlungen von meinen Eltern und mit herzlichem Gruß. Ihr dankbarer
Eduard Spranger