Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 3. Mai 1905 (Charlottenburg)


Charlottenburg, 3.5.1905
... Sie kennen ja meine Natur von Griesbach her. Ich bin durch meinen Vater verwöhnt. Wenn er zeremoniell sein soll, macht er jedes Mal Fiasko. Aber sein Humor fängt jeden beim ersten Male, wenn man an seiner Natürlichkeit keinen Anstoß nimmt. Daher sind wir immer gleich vergnügt, und es geht auch so.
... Meinen literarischen Ruf denke ich jedoch dadurch zu erwerben, daß ich nichts auf Schiller Bezügliches erscheinen lasse.
... Von Wagner habe ich in letzter Zeit mehreres gehört, und gefunden, daß mir der tiefere Sinn dieser Musik ohne Kenntnis der Wagner'schen Weltanschauung verschlossen bleibt. An diesem Punkte werde ich vielleicht etwas weiterarbeiten. Dann geht mir etwas durch den Kopf über "Die Kunstform der gegenwärtigen Philosophie" (nämlich den Essai, statt Aphorisma, Gespräch, System) und über "die Bedeutung der Wissenschaftsgeschichte für die Erkenntnistheorie".
Das Konzept von Altenstein ist fertig, und, im Rahmen dieser allerdings sehr leichten Arbeit ein Meisterstück historischer Analyse. Es bleibt nämlich nicht ein Satz übrig, den ich nicht aus dem Zusammenhang der Weltanschauung und Literatur jener Zeit ableiten könnte.
... Aufrichtige Dankbarkeit zolle ich meinen Verlegern. Ein solches Verständnis, solche Energie und Geschwindigkeit ist einfach unerreicht, und Sie glauben nicht, wie wichtig das für einen unerfahrenen Autor ist. ....