Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 23. Mai 1905 (Charlottenburg)


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Charlottenburg, den 23. Mai 1905
Liebes Fräulein Hadlich!
Es geht mir zwar wie Ihnen, daß ich fürchte, keinen vernünftigen Brief zustande bringen zu können. Aber da Sie selbst reklamieren, so werden Sie auch Nachsicht haben.
Was mir in der Zwischenzeit alles Unschönes begegnet ist, davon will ich lieber keine Schilderung entwerfen. Vergessen und weiterstreben ist da meine Maxime, und außer einer starken nervösen Überreizung, wie ich sie lange nicht gehabt habe, ist wirklich nichts Objektives zurückgeblieben. Aber vom poetischen Duft des Lebens verfliegt unmerklich immer mehr. Aber warum sollen Maitage nicht kühl sein? Wenn man dann strenger gegen sich und andere wird, so ist dies nur die Consequenz solcher Erzieher.
Aber ich wäre ungerecht, wenn ich nicht [re. Rand] Beiliegende Karte eines hervorragenden, vereinsamten Gelehrten, die um Ihrer Liebe, Wärme u. stilistischen Eigenart willen interessant ist, bitte ich, mir bei Gelegenheit zurückzuschicken
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| auch für vieles Schöne dankbar wäre. Ich wünschte, ich könnte Ihnen die Briefe zeigen, die mir bisher auf die Zusendung der Diss. oder der vollständigen Schrift geschrieben worden sind. Als ein Zeichen davon, wie sich meine Gedanken u. Person in andern spiegeln, wie jeder, der sich damit befaßt, auf eine bestimmte, ihm angemessene individuelle Seite den Ton legt, sind sie für mich die erste und köstlichste Belohnung für meine Mühe. Paulsen steht natürlich an Herzlichkeit oben an. (Und Stumpf selbst fehlt ganz: dies erklärt manches!) Kügelgen, der seit 10 Jahren kein philosophisches Buch genießen konnte, hat sich ganz hineinversenkt und versichert, seine eigne historische Praxis wiedergefunden zu haben. Prof. Borchardt drückt seine Zufriedenheit in kräftigen Flüchen aus. Schmoller, der für uns in Berlin an persönlicher amtlicher Stellung und wissenschaftlich ein Abgott ist, schrieb mir ganz beglückt und hob den Kontrast hervor gegen einen jungen "strebsamen, zartfühlenden Journalisten", der ihm ein Zeitungsblatt zugesandt habe, in dem zu lesen
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| stand, daß er seine Vorlesungen nur bis zur 6. Stunde ausgehalten habe: er hätte ja gar keine entschiedenen Ansichten. Zugleich sandte er mir einen Separatabzug einer eignen Besprechung von Breysigs neuestem Werk. Dieser Erfolg ist für mich um so größer, als ich Schmoller, der keineswegs zugänglich ist, bisher garnicht kannte. Hans Georg Meyer, Münch, D. Dr. Kind äußerten sich gleichfalls anerkennend, am glänzendsten aber Franz v. Liszt, der bereits nach 2 Tagen die Sache durch gesehen hatte und hervorhob, mit welcher Sicherheit ich meinen Weg suche und zu finden weiß. [über der Zeile] Prof. Hintze bedankte sich persönlich und sprach längere Zeit im Seminar, natürlich ohne Namennennung und daher nur mir verständlich, über den Gegenstand. Verzeihen Sie, wenn ich Sie mit diesem Bericht langweile: aber diese "sichtbarlichen Zeichen" sind natürlich für mich von großer Wichtigkeit; denn daraus allein kann man entnehmen, ob man etwas angestrebt hat, das auch für andre so oder so wertvoll zu werden vermag. War es doch von vornherein nicht meine Meinung, sondern nur Stumpfs Meinung,
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| daß es sich hier um eine Dissertation*) [li. Rand] *) Oesterreichs eben erschienene Dissertation ist in ihrem Mut für unsre Sache ein glänzender Beitrag! für die Visitenkarte handeln sollte. Dilthey, Troeltsch, Eduard Meyer, die auch noch die vollständige Arbeit erhalten haben, stehen bisher aus. Dilthey wird wahrscheinlich - aus sehr verständlichen Gründen - schweigen. Ich sah ihn bei der Schillerfeier; er ist ein innerlich und äußerlich gebrochener Mann; mag er sich auch über manches in meinem Brief gefreut haben, so sieht er doch, daß die Zeit über ihn persönlich hingeht, und über das Fortleben seiner Gedanken mag er selbst skeptischer denken als seine Schüler.
Nun sollte ich Ihnen eigentlich von unsrer glänzenden Schillerfeier erzählen. Aber die Zeit rollt rasch. Wer weiß noch, was vor 14 Tagen geschah? Ich selbst habe einen Ausflug zu Ihnen unternommen und als Reiseführer Julius Wolffs "Recht der Hagestolze", das ich bisher nicht kannte, gewählt. Aber ich kann diese früher von mir so geschätzte, lüstern-flache Poesie mit dem ewigen Lächeln und der stets gefüllten Flasche und Schüssel garnicht mehr ausstehen. Und wenn man nun gar im Neckarthal sich beständig krank und
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| mißmutig fühlen kann, worauf soll man hoffen? Es liegt im Wesen meiner teleologischen Seelenauffassung, daß ich behaupte, Sie müssen auf irgend eine Form glücklich sein können, d.h. in dem Maß und Grenzbezirk, wie es der Mensch überhaupt kann. War es ein leeres Wort, das von der selbstgeschaffenen Welt, und sollte die Besorgnis, mit der ich ein fremdes Dasein auf dem Heidelberger Schloß betrachtete und die Sie selbst mir so erfreulich ausredeten doch mehr als ein momentaner Eindruck gewesen sein? Dann muß ich sagen: suchen Sie weiter, bis Sie gefunden haben, was Ihnen gemäß ist. Denn es muß etwas Derartiges in den höheren geistigen Lebensformen geben. Aber jeder muß es selbst finden, wenn er auch aus der Betrachtung fremden Daseins lernen kann, und um so besser, je weiter das gegenseitige Verständnis reicht und je weniger ein kühles wissenschaftliches Interesse oder gar ein System (!)*) [re. Rand] Vielleicht ist Ihnen in m. Arbeit aufgefallen, daß ich unter Philosophie "ein reflektiertes Lebensgefühl" verstehe. in dieses lebendige Schaffen und Bauen einer individuellen geistigen Welt eingemischt wird. Sie sind noch nicht am Ziele,
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| vielleicht noch weniger, als ich es wäre, wenn nicht zu Zeiten die Leidenschaft mich wieder hineinrisse, in das Metaphysische, das immer den gefahrvollsten, nie ergründbaren Abgrund bedeutet. Aber daß ich jede Leidenschaft umsetze in die ihr angemessene That, das bewahrt mich vor der traurigsten philosophischen Verfassung: der Apathie, und ich führe den Kampf eigentlich nicht mehr gegen die Leidenschaft, sondern gegen die Hemmnisse, die die Weltordnung der Durchführung unsrer Thaten setzt. So werden Sie finden, daß die Leidenschaftlichkeit, die jeder große Erzieher hegte, Plato, Pestalozzi, Fichte, nur im thätigen Kampf um solche Ideale erträglich wurde, mochte das Ideal selbst auch noch so fern und unverwirklicht bleiben. Und was jedem Erzieher die Stellung seiner Aufgabe gegenüber so unendlich schwer macht, ist das, daß er raten will, ohne gefragt zu sein, daß er ein fremdes Leben führen will, das zu seiner eigenen Führung ein unermeßliches Vertrauen hat - und in allem gern nur sich selber bestätigt <unleserliches Wort> wünschte.
Der tägliche Umgang mit Fichte, dem Unbeugsamen, hat mir das alles so recht deutlich gemacht. Ich fände kein Ende, sollte
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| ich Ihnen die Fülle neuer Einsichten, die ich an ihm gewonnen habe, nur von Ferne andeuten. Sein Glück war das, daß er, wie jeder Metaphysiker, gegen logische Widersprüche blind, taub, geruch-, gefühl-, geschmacklos war. Darum fühlte er sich in einer Haut sehr wohl, in der wir heute vor Zweifelsqualen vergehen würden. Mit dem Bewußtsein dieser Widersprüche des Lebens, und mit dem Bewußtsein, daß der Kampf gegen sie ein unendlicher ist, zu erziehen, ist eine Aufgabe, die nur von starken Naturen, die die Psyche durch und durch kennen, ertragen wird. Aber auch nur gleiche Naturen empfangen von solchem Bemühen etwas Fruchtbares. Leichter hat es, wer mit dem protzigen Anspruch auf absolute Einheit aller Widersprüche beginnt. Aber er wird sich mit der Logik, dem Leben u. der Wissenschaft auf gleiche Weise entzweien. Paulsen unterhielt sich neulich mit mir über Hegel; aber ich will Ihnen nicht verraten, was er mir sagte. Es war unendlich schön.
Bezüglich der Kinderfürsorge bin ich Sozialist. Wenn es von Amtswegen geschieht und die aufopfernden Kräfte sich finden, ist es ideal. Als Privatsache getrieben ist es schön und ehrfurcht
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|gebietend, aber noch nicht ideal. Ich weiß nicht, wie es in Heidelberg ist. Mit Schrecken aber denke ich an den hiesigen Kinderhilfstag, wo an jeder öffentl. u. privaten Thür von jungen Damen wie ein Thyrsosstab die Klingelbüchse geschwungen wurde und wie - in Kants Rechtsphilosophie - Gott weiß was für Motive dem guten Zweck dienstbar gemacht wurden.
Ich stecke voll von Plänen und Gedanken, leider aber garnicht von Geduld. Übrigens wird die - trockene - Altensteinsache weiter verfolgt, weil Paulsen es durchaus will, Münch u. Borchardt zu reden, und weil die besten Habilitationsaussichten daran haften. Ihrem Nachbar Troeltsch habe ich einen Brief geschrieben, den er sich nur auszugsweise hinter den Spiegel stecken könnte. Wenn es ihm aber weniger auf das Persönliche als auf das Wissenschaftliche ankommt, wird er damit nicht unzufrieden sein.
Ob das alles ist - wer weiß? Und alles wäre auch zu viel. Wenn es Ihnen jetzt nur gut geht und Sie sich in Frankfurt bei den jungen "Weisen" frank und frei fühlen, so wird es Ihnen an der Furt zu einem inhaltvollen Dasein, die ich suche und ahne, auch nicht fehlen. Ich bleibe in treuester Verehrung mit Grüßen von meinen Eltern.
Ihr Eduard Spranger