Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 4. Juni 1905 (Charlottenburg)


[1]
|
Charlottenburg, den 4. Juni 1905
Liebes Fräulein Hadlich!
25 ° Reaumur im Schatten, dazu die Aussicht, in einer Stunde Cylinder und schwarzen Rock anlegen zu müssen, um meinen Freund Nieschling, der in seiner Paradeuniform auch nicht gerade zu beneiden ist, zu eskortieren, dies sind die Bedingungen, unter denen ich auf dem Balkon sitze und sch reibe. Aber wenn ich auch nicht hoffen darf, weit zu kommen, so möchte ich doch so viel Anteil an diesen festlichen Tagen haben, daß ich die Geschäftigkeit und Gefühlsleere, die mich nun schon so lange beherrscht und der ich mich nur durch das häufige Gedenken an Sie zu entreißen vermag, für eine kurze Zeit vergesse, indem ich mich mit Ihnen unterhalte. Die Berliner Festlichkeiten gehen nicht ohne Eindruck an mir vorüber. Man müßte nicht Psychologe sein, um von diesem Wogen, Leben und Jubeln der Hundertausende, von der Kraft deutschen Volkes und deutscher Treue, die dabei zu Tage tritt, nicht ergriffen zu
[2]
| werden. Falsche Vornehmheit will uns die Sinnenfreude solcher Prunk- und Schautage verargen, aber wenn ein Goethe sich daran freuen konnte, ist es den Kärrnern wohl nicht zu verwehren. Allerdings habe ich wegen starker Beschäftigung nur einen Akt durch ausdrückliches Warten erkauft: den Einzug des Großherzogs von Baden im Palais des alten Kaisers. Die Kaiserin und die kleine Prinzessin saßen mit im Prunkwagen, gewiß sinnreich und schön. Ich hoffte, daß der alte Herr ans Fenster treten würde, aber leider vergebens. Nur sie lorgnierte die dichtgedrängte Menge und Prinzessin V. L. kam ans Fenster gesprungen, als die Feuerwehr vorbeiklingelte. - Was für eine rätselhafte Macht ist der Staat, wie leben in ihm längst-vergangene Zeiten und wie umfaßt er mit seiner "Fantasie u. Stärke" (Schleiermacher) auch die, die garnichts davon ahnen und wissen wollen!
Für die Schillerrede danke ich Ihnen ebenso herzlich wie für Ihren lieben Brief. Von der ersteren hoffe ich, daß sie mich nicht wie W.s. Fichterede von 1890 14 Tage ausschließlich beschäftigen wird. Diese nämlich, obwohl mit das Beste über Fichtes Staatsphilosophie, enthält
[3]
| Natur der Sache. Ich habe mich ausgeschrieben und kann nichts Neues mehr beibringen. Was denken Sie sich unter "widerlegen"? Wer die herrschende Logik nicht anerkennt, der ist nicht zu widerlegen.*) [re. Rand] *) Also auch Hegel nicht. Meine Stellung zu ihm Kap. 9 (auch Kap. 3.) S. 120 ff. 122. 123. - 126. S. 37 ff. Bloß wird es ihm so gehen, wie dem, der sich eine eigne Sprache erfindet: er wird aus Mangel an Verständigung nicht weiterkommen.
Als Freund endlich konnte ich nicht verschweigen, daß ich es kommen sehe, wie Hermann auf diesem Wege und unter den herrschenden äußeren Verhältnissen nie sein Examen machen wird. Er durfte, nachdem er so weit war, die Karten nicht aus der Hand geben. Es sollte mich freuen, wenn ich mich täusche.
Ein Beleg, daß jeder Brief ein neues Mißverständnis bringt, ist auch der letzte, der beiliegt. II Versuchen Sie, den Gedankengang herauszubekommen und wodurch er etwa bei mir veranlaßt sein könnte: ich kann es nicht. Gleichgiltigkeit werden Sie mir nicht vorwerfen. Ich bin aus der Zeit der langen Correspondenzen heraus und wechsle mit Nieschling z. B. im Jahr höchstens
[4]
| 6 Briefe. Lassen Sie sich zeigen, was ich an Hermann geschrieben habe. Es ist keine Zeile darin, die Sie nicht sehen dürften und die ich nicht noch heute vor freundschaftlichem Gefühl rechtfertigen könnte. Wenn Sie Zeit haben, lesen Sie vom Sommer an durch. Sie werden finden, daß ich immer wieder das meine versucht habe.
Und doch liegt das Rätsel dieses Menschen am Tage: es ist nichts als Einsamkeit. Statt im Kampf mit der wirklichen Welt die individuelle Harmonie zu suchen, die dem Menschen nun einmal allein beschieden ist, wird die Harmonie vorausgesetzt. Dies ist bequemer, aber auch irreal. Es ist der reine Glückszufall, wenn von den realen Erfahrungen einmal etwas hineinpaßt. Ein junger Mensch, der ein System hat, ist überhaupt eine merkwürdige Bildung. Auch in diesem Sinne kann man sagen: "Wer fertig ist, dem ist nichts recht zu machen". Da ich davon überzeugt bin, daß ich [über der Zeile ] Hermann nichts recht machen kann, so habe ich meine Versuche aufgegeben und wünsche nichts als den Frieden. Diese Sache kommt hundertmal vor; wissen möchte ich dabei nur, worauf sich Hermanns Zuneigung zu mir gründet, da er mir ausdrücklich erklärt
[5]
| hat, daß er meine ganze Art, das Leben anzusehen, [re. Rand] nämlich die sog. "Persönlichkeitslehre" für untergeordnet hält, mag er auch in Worten später das Gegenteil gesagt haben. Wie sehr ich Hermanns edle Natur schätze, brauche ich nicht zu wiederholen. Er wird mir nie gleichgiltig werden können.*)[re. Rand] * Persönlich sind wir immer besser fertig geworden, als brieflich. Aber unsere theoretischen Auseinandersetzungen haben in den letzten Monaten einen unerquicklichen Ton angenommen, so daß ich keine Freude daran gehabt habe. Wo in diesem Dilemma der Ausweg liegt, wünsche ich nun ebenso offen und ehrlich von Ihnen zu hören. Mir ist das alles ein Beweis für die Widersprüche des Lebens. Und so bekenne ich zum Schluß gern, daß in meiner Leidenschaftlichkeit und häufigen Gereiztheit einer der Hauptgründe liegt. Wenn ich reifer sein werde, wird es mir möglich sein, einen Menschen kalt und gelassen "bloß" zu verstehen. Heute kämpfe ich für meine Sache und nenne die in erster Linie meine Freunde, die mir ein Gefühl wohlthuender Sicher
[6]
|heit geben und an denen meine innere Gewißheit wächst, gleichviel ob wir so völlig übereinstimmen, wie es bei einem oder zweien der Fall ist, oder gewisse Kanten vorsichtig vermeiden, resp. lächelnd in Erinnerung rufen, oder so grundverschieden sind wie Kügelgen und ich, von dem ich genau weiß, daß er im Grunde seines Herzens immer ein Feind der Philosophie sein wird.
Diese Expektoration auf Ihren eignen Wunsch. Ich versichere Ihnen, daß ich imstande bin, auch von Ihnen (und gerade von Ihnen) die unverhüllte Wahrheit zu hören, ja ich hoffe darauf. Nur in dieser Absicht und in der Hoffnung weiterzukommen, habe ich dies lange Schriftstück aufgesetzt, von dem ich nun atemholend Abschied nehme.
Für heute interessiert mich vor allem das Eine: was Sie für Sommerpläne haben. Ich schrieb Ihnen schon, daß ich garnicht, mindestens nicht weit reisen werde, falls nicht inzwi
[7]
|schen entscheidende Umstände eintreten. Für meine Gesundheit brauche ich nicht viel zu thun, da ich mich jetzt und meistens recht gut fühle. Für mein Seelenleben müßte ich allerdings um so mehr thun. Aber welche Ansprüche an das Leben, wenn gar die Seele etwas abhaben soll!! Aber im Ernst: in freien Zeiten gehöre ich unter die Lebemänner, und je älter ich werde, umso mehr wachsen meine Ansprüche an den Komfort und die Behaglichkeit des Daseins. Ich habe immer nur mit Hilfe künstlicher Anregungsmittel arbeiten können, und die Produktivität versiegt sofort, wenn nicht die Phantasie ihre regelmäßige Anregung erhält, ja ich kann dem Historiker Hintze nicht unrecht geben, der bei sich zu stehen hat: Im Wein liegt die wahre Philosophie, wennschon ich nicht behaupten will, daß alle Weintrinker sie herausgegischt hätten. Statt meiner wird Oesterreich möglicherweise in diesem Jahre Heidelberg passieren. Falls Sie Ihre Ge
[8]
|nehmigung dazu erteilen, wird er Ihnen seine Visite zu machen wagen, um Ihnen meine Grüße persönlich zu bringen. Sie haben die Gabe, durch das Äußere des Menschen hindurchzublicken, werden sich also an seiner nervösen Aufgeregtheit nicht stören. Überdies versteht er etwas von Malerei und bringt es jeden Sommer einmal fertig, mich 3 Stunden in der Kunstausstellung festzuhalten.
Und nun noch einmal, nicht wahr, Sie nehmen mir meine Offenheit nicht übel und werden mir meine Konflikte mit Hermann verzeihen. Wissen Sie doch, daß ich mit meinem Vater auch den dritten Teil des Jahres nicht harmoniere. Windelband habe ich gelesen; aber ich würde gern erst einmal hören, was Sie darüber denken.
Bitte grüßen Sie Fräulein Knaps und Hermann von mir. Meine Eltern empfehlen sich Ihnen vielmals. Ich selbst, an der schönen Sonne mich wohlig wärmend, sende Ihnen meine herzlichsten Grüße. Ihr dankbarer u. getreuer
<li. Rand>
Eduard Spranger.