Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 13. Juni 1905


Biologie der Leidenschaft.

Manchmal nehm' ich ein Buch, von Menschendingen zu lesen,
Freue der Kämpfe mich still, die in den Herzen getobt.
Aber dann werf' ich es fort von plötzlicher Fremdheit ergriffen,
Denn die erkaltete Schrift, hilft sie dem Lebenden fort?
verte.
In mir liegen die Rätsel, die Kämpfe, die Wünsche, die Leiden;
Ach, mein eigenstes Sein deutet ein andrer nur nie!
Und wie beklag' ich es oft, daß die Natur mir, die reiche,
Keine Gabe der Kunst unter den Gaben verlieh.
Hin dann stellt' ich das bunte, noch lebenwarme Gewimmel,
Spräche mit innigster Kraft: Sieh, wie unendlich es ist!
Unergründbar dem Wort, dem Begriff, der gleißenden Schlange,
die als Götze Verstand uns um das Beste betrügt.
Aber nun gab sie ein andres und wohl ein seltnes Vermögen
Mir in den Schoß und sprach: "Damit erkämpfe den Weg!
Sieh dem Menschen hinein in den labyrinthischen Busen
Greife mit mutiger Hand scheidend, entwirrend hinein.
Immer tiefer begehre, "das Menschliche" rein zu durchdringen,
Aber in seiner Gestalt laß es mir unangerührt!
Kein Symbol, kein Gleichnis vernichte den blutwarmen Atem:
So nur geb ich es dir; wahrlich ich gebe dir viel.
Denn wer "das Menschliche" kennt, dem treten des Lebens Bahnen
Immer klarer heraus in das besonnene Licht.
An das verehrungswerte, das uranfängliche Dunkel
Taste nicht; denn in ihm schweigt der verborgene Gott."
So nun that ich, und heiters Glück verblühte mir manchmal,
Schwang ich hoch mich empor über der Irrenden Schar.
Aber die Leidenschaft, der Dämon des menschlichen Herzens, -
Ihr gehorcht ich wie sie, ihr entwand ich kein Wort.
Sehnsucht, Zorn und der Liebe so qualvoll gesteigerte Formen
Brausten in mir: kein Licht hellte den Abgrund nur auf.
Niederwärts, aufwärts warfen sie mich wie ein schimmernder Springquell:
Das war mein einsamstes Leid, das war mein jubelndstes Glück.
13. Juni 1905.