Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 21. Juni 1905


Notizbuch

Für Frl. Käthe Hadlich aus dem Zeitstrom abgeschöpft.
Einfälle eines Grunewalddenkers
am 21. Juni 1905 mit einem Heidelberger Bleistift im Sande geschrieben
Jedes Menschen eigne Natur und Lebensbedingungen sind individuell; daher ist jede persönlich-sittliche Lebensgestaltung nicht ein Produkt des Denkens, das immer nur mit dem Allgemeinen arbeitet, sondern ein Produkt der Kunst.
Es giebt Menschen, in denen die Kunst der "ethischen Produktivität" besonders entwickelt ist. Ihre Ausdrucksform ist nicht ein System, sondern ein Kunstwerk von typischer Bedeutung. (Wilhelm Meister, Faust.)
Die philosophische Ethik ist, wenn sie hochsteht, eine Kunstlehre des sittlichen Schaffens. Daß es Menschen giebt, die ein solches Bedürfnis nie empfinden, beweist ihren sekundären Charakter. Aber jede Produktivität bildet sich höher durch Reflexion.
Humanität ist ein Ausdruck für ein vollendet gestaltetes Leben. Sie ist immer zugleich national und individuell, intellektuell und moralisch bestimmt. Sie ist der höchste Punkt des Wertbewußtseins, zu dem das Leben, dessen Natur durch und durch Zweckmäßigkeit ist, zu gelangen vermag.
Humanität entwickelt sich nur in der Liebe und durch die Liebe. Sie ist - nach Plato und Fichte - der durchgehende Affekt aller Lebenskräfte. Ohne Aneignung und Betrachtung fremder Standpunkte entsteht keine Humanität.
Die Liebe besteht aus 3 Grundtrieben: Sie ist vorwiegend physisch, ästhetisch oder rein geistig. Im zweiten vermählen sich die beiden anderen. Daher ist die metaphysische Bedeutung der ästhetischen Neigung am rätselhaftesten und tiefsten.
Jede Natur hat etwas Pädagogisches; das ist nichts andres als der Bildungstrieb, der in ihr selber lebt.
Wer in einer selbstgeschaffenen Welt lebt, begreift nicht, daß andre in der ihnen aufgenötigten das Dasein ertragen.
Ideale machen unglücklich, wenn sie nicht aus einer nüchternen Kenntnis der Welt entspringen. KH
Es ist der Wert der Geschichte, daß sie zugleich ernüchtert und begeistert.
Produktive Menschen können nur wenig lesen; und das ist ein Beweis für den individuellen Charakter der Produktion. Die litterarischen Niederschläge vergangenen Lebens reichen nie an die Intensität ihres eigenen heran.
Klassische Produktivität umfaßt das ganze Leben und giebt daher allen etwas. Die heutige litterarische Arbeit führt nur zur Sektenbildung. Auf jede klassische Periode folgt eine Vorbereitung u. Zersplitterung der Kultur, die fortan umfassende Leistungen unmöglich macht.
Jede geistige Ausbildung ist einseitig; aber sie muß Raum haben für die Aneignung immer neuen Stoffes. Dann ist sie der Anlage nach allseitig.
Es giebt keine unbedingte Reinheit des Willens. Das ist der Sinn des Christentums, daß das Bewußtsein der Sündhaftigkeit den Glauben an das Höhere in unsrer Natur nicht zu ersticken vermag.
Geistreich über das Leben reflektiert haben viele; es gestaltet, nur wenige, es in systematischer Verkürzung gezeigt, zu viele.
Systeme sind kurzlebig, weil sie von dem Wandel der Begriffe abhängen. Lebensanschauungen aber sind ewig, weil ihnen der Begriff nur Symbol eines Tieferen ist.
Aus dem gleichen Grunde ist Musik über alle Zeiten erhaben. Nur sind nicht immer alle Gefühlsseiten in uns gleich herrschend.
Aus der Musik schöpfen wir historische Belehrung, so wie sie selbst nur historisch verständlich ist.
Auch das Genie vermag an dem, was es in begeisterten Stunden unbewußt produziert hat, in nüchternen Momenten buchstabierend zu lernen. Deshalb behalten Genies mehr Naivität als die eigentlichen Arbeiter.
Jeder Mensch enthält in sich keimhaft alles Menschliche, also auch Tausende von Menschentypen. Auf dem plötzlichen Übergang von einem zum andern beruht ein großer Teil des Komischen.