Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 21./23. Juni 1905 (Charlottenburg)


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Charlottenburg, den 21. Juni 1905.
Liebes Fräulein Hadlich!
Ich hoffe, daß jetzt ein Weg eingeleitet ist und daß Sie uns auch künftig Ihre Hand bieten werden, um auf diesem Wege weiterzukommen.
Auch ich bin an einigen Unebenheiten meines Weges angelangt. Zunächst bei der Gewißheit, am 1. Okt. 1906 unbedingt zum Militär zu müssen. Sodann bei einer Stagnation meiner äußeren Carriere. Bis zum Herbst werde ich diesem Abwarten dadurch ein Ende machen müssen, daß ich mich, wenn bis dahin nichts erfolgt ist, zum Staatsexamen entschließe. Der Freiherr von Stein hat mir durch seinen in persönlich herzlicher Form eröffneten Wunsch, vor nächstem Sommer die Altenstein'sche Sache nicht anzurühren, doch einen Strich durch die Rechnung gemacht. Als Bearbeiter dieses Nachlasses hätte mich vielleicht das Kultusministerium vom Militär reklamiert, und verschiedene Gönner hier hatten in dieser Hinsicht Pläne mit mir, über die ich mich nicht auslassen darf, die aber sehr vorteilhaft waren. Das alles schiebt sich
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| nun um ein fatales Jahr hinaus, währenddessen ich außer einer Rousseau-Auswahl für Diederichs nichts vorhabe. Gegenwärtig bin ich sogar so weit frei, daß ich in Stuttgart wegen philosophischer Manuskripte Hölderlins angefragt habe. Eine mir am Herzen liegende, aber keineswegs erhebliche Arbeit.
Ich bemerke mit Verdruß an mir eine gewisse Sterilität. Und diese hat einen eigenartigen, mir sehr deutlich bewußten Grund, abgesehen von der Thatsache, daß ich nach meiner Diss. eine gleich energievolle Arbeit unmöglich sofort beginnen kann: Ich kann mir die Kunstform nicht schaffen, die zum Ausdruck meiner allgemein philosophischen Ideen erforderlich ist. Die Ideen, um die es sich handelt und die ich irgendwie gestalten muß, beziehen sich auf das Problem der Humanität. Die Sache erfordert einen didaktischen, eindringlichen Vortrag. Schleiermacher und Fichte haben sich der Form der Rede, wenn auch nur fiktiv bedient. Aber die Rede erfordert ihrer Natur nach eine fertige Beherrschung des Gegenstandes, die ich noch nicht erreicht habe, die in meinem Falle auch später wohl nicht erreichbar wäre. Ich muß also eine entwickelnde Darstellungsform wählen. Das Gespräch ist dazu ganz ungeeignet.
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| Plato ausgenommen, vielleicht auch Shaftesbury, sind Gespräche immer nur etwas umständlicher stilisierte Aufsätze gewesen. Bleibt also die Form des Briefes. In dieser Gestalt sind manche meiner Manuskripte an Sie adressiert, ohne daß Sie davon Kunde haben. Aber sie sind nicht glücklich, weil im Briefwechsel der Fortgang des Gedankens eigentlich immer durch die Reaktion des Empfängers gegeben sein muß. Deshalb wirken Schillers "Briefe über ästhetische Erziehung" so schlecht, weil dies doppelpersönliche Moment ganz fehlt, und die Form ist litterarisch eigentlich überhaupt abgekommen. Der bloße Aufsatzstil aber ist für den Gegenstand nicht persönlich und künstlerisch genug; er wirkt auch didaktisch nicht ausreichend, weil man die Zwischenglieder, die man selbst beherrscht, unwillkürlich unterschlägt und so ganz und gar ins Abstrakte gerät. Deshalb hat z. B. meine Dissertation auf Sie nicht gewirkt, weil sie auf die Kunstform verzichtet. Es muß hier irgend etwas Neues geschaffen werden, etwas das zusammenhängender ist, als die bisher von mir benutzte Form des Essais. Vielleicht habe ich mit der alten philosophischen Form der Meditation noch mehr Glück. Dieses Nicht-herauskommen einer Sache, die warm bleiben muß, wenn sie wirken soll, und weit mehr der Unmittelbarkeit als der Abgeklärtheit
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| bedarf, ärgert mich. Denn es macht mich bedenklich gegen die wichtigsten Bedingungen meiner Produktionsfähigkeit.
Trockenheit, diese Sommerplage, hält mich durch und durch gefangen. Ich kann nicht einmal etwas Gutes lesen. Bisweilen habe ich das Gefühl, als wenn ich die menschlichen Verhältnisse, soweit sie auf dem Wege der Theorie zugänglich sind, nun in ihrem Zusammenhang übersähe; also Blasiertheit, wenn Sie so sagen wollen. Oder anders ausgedrückt: Mangel an lebendiger Berührung mit der Welt. Sp habe ich eine Einladung Paulsens zu einer Dampferpartie, die die Professoren und Honoratioren v. Steglitz heut unternahmen, aus Abscheu vorm Tanz abschlagen müssen. Einen Dichter brauchte ich, der mich mit ähnlicher Macht packte, wie s. Z. Hölderlin. Aber unter den Dichtern kursiert viel klägliches Volk. Mit einer Latte, eine Harfe, einen bunten Band sind sie zufrieden. Einen Sonnenuntergang, einen Mondschein, etc. etc., mehr findet man bei deutschen Lyrikern selten. Meine Balkonlampe signalisiert ein Gewitter. Ich will für heute schließen, in der Erwartung eines großen Genusses.

23. Juni.
Berlin steht inzwischen unter Wasser; aber ich kann nicht sagen, daß die Trockenheit bei mir abgenommen hat. Ich würde den vorstehenden Unzufriedenheitspsalm nicht einmal an Sie ab
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|senden, wenn ich irgend zu etwas anderem fähig wäre. Zwei Briefanfänge ruhen bereits im Papierkorb. Da Sie einen Brief erhalten sollen, müssen Sie mit diesem Prosaischen Dritten schon vorlieb nehmen, um so mehr, als die Beilage allerlei Gemüse bringt, was die Jahreszeit bietet. Es giebt hier so sehr viel, was auf mir lastet und mich eben durch das halb Kleinliche dieser Ärgereien, die sich unablässig summieren, keinen Augenblick frei werden läßt. Dabei bin ich unausgesetzt thätig, spinne tausend Fäden an, um meine Lage zu verändern, und habe eigentlich ununterbrochen allerhand Correspondenzen in allen Teilen Deutschlands zu laufen, von denen ich erfrischende Constellationen erwarte. Dabei hüpfen meine Nerven bei jedem Gewitter und meine Stimmung hüpft mit; kurz es ist um auf die Akazien zu klettern. Aber genug davon.
Glauben Sie eigentlich, daß irgend ein Mensch fähig ist, logisch zu denken? Mir wird das immer zweifelhafter. Für die höhere Fragen des Lebens läßt uns unser Intellekt so gut wie völlig im Stich. Jede Philosophie kann auf Grund ihrer ersten Voraussetzungen am Faden der Logik weiter argumentieren. Aber diese ersten Voraussetzungen selbst sind ganz und gar gefühls
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|mäßig. Das sehe ich jetzt bei Medicus, dessen Fichte mit mir zusammen bei Reuther und Reichard aud dem Ei gekrochen ist. Absolut keine Familienähnlichkeit. Der Verleger zwar will mit beiden Geschäfte machen; aber M. kann keinen Satz bei mir, ich kaum einen bei ihm gelten lassen. Das richtige Antipodentum. Und woher dies? Mein Standpunkt gestattet mir, einen tiefsinnigen Satz Jacobis zu citieren (der an etwas, das ich Ihnen schon früher schrieb, anklingt), den aber die Philosophie [über der Zeile] Fichtes als die Phil. "der" Überzeugung nie anerkennen kann:
"Die ursprüngliche Energie der Meinung ist die Energie des Lebens selbst; ihre Gewalt die Gewalt der Wahrheit, die, in die Zeiten verhüllt, unwiderstehlich die Zeiten regiert."
"Die höchsten Grundsätze, worauf sich alle Beweise stützen, sind, unverkleidet, bloße Machtsprüche, denen wir - blindlings? wie dem Gefühl unseres Daseins! – glauben."
Wer mir dies zugiebt, ist mit mir einig. Es ist etwas Willensmäßiges, etwas nach der Richtung "der Phantasie" mannigfach Schillerndes, wovon wir ausgehen, und die Unendlichkeit der Widersprüche, die manche ertragen, ich Nicht-Metaphysiker nicht ertrage, martert
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| den rein verstandesmäßigen Menschen langsam zu Tode. Auch diese Klage könnte ich ins Unabsehbare ausdehnen; seien Sie glücklich, daß Sie nicht darunter leiden. – Es fehlt unsrer gegenwärtigen Philosophie an 2 Dingen: an Feinheit des Evidenzbewußtseins und an Kenntnis der unumstößlichen Resultate der Einzelwissenschaften. Wo aber, wie bei Stumpf, dies nicht fehlt, fehlt – die zusammenhaltende Persönlichkeit. Beide Erfahrungen zusammen machen mir die Humanitätsfrage zum Grundproblem. Hoffentlich kehrt mir die Heiterkeit und Freiheit des Geistes dafür zurück.
Sehen Sie, so geht es mir mit allen Arbeiten, die ich fremden Urteilen unterbreiten muß, noch ehe ich eine Ahnung von dem Ausfall dieses Urteils habe: "Was kann dieser Mensch darüber sagen, der darunter nicht gelitten hat, der bloß mit seinem Gedächtnis arbeitet, ohne formgebende Kraft, ein bloßes Notizengerippe." Auch ich bin treu und gewissenhaft im Sammeln des Materials; aber wenn der Moment des Producierens gekommen ist, dann arbeite ich nicht mehr, sondern es arbeitet in mir, das Bewußstsein um die Constitution einer Generation, an deren Kom
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|men ich glaube, ein Bewußtsein, das mir die Unterhaltung mit Älteren darüber bisweilen wertlos erscheinen läßt. Obwohl meine Kraft noch immer größer gewesen ist, als ich hoffte, ist sie im Verhältnis zur Größe der Aufgabe verzweifelt gering. Auch Troeltsch ist an dieser versagenden Kraft gescheitert.
Sie gehen einen schönen Sommer entgegen. Möge er gesund für Sie sein. Wahrhaft freue ich mich darüber und darauf, daß Sie Oesterreichs Besuch annehmen wollen. Ich schätze ihn, trotz seiner ästhetischen, modernen Neigungen, unendlich. Mitte oder Ende Juli sind Sie gewiß noch daheim?
Byron lese ich eben mit Genuß. Oesterreichs und meine Bekannte Frl. Dr. Maria Reich predigt uns Fichte als das Himmelreich in ihren gründlichen Worten. Wann wird unsre Zeit Eignes haben?
Meine Eltern empfehlen sich Ihnen herzlich. Bitte grüßen Sie Frl. Knaps von mir und seien Sie selbst herzlichst gegrüßt von
Ihrem
Eduard Spranger.