Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 28. Juni 1905 (Charlottenburg)


[1]
|
Charlottenburg, den 28. Juni 1905.
Liebes Fräulein Hadlich!
Heute werde ich entschieden nicht fertig mit Danken, Erzählen und - Vergnügtsein. Es war ein schöner Tag gestern. Aber nichts hat mich so sehr erfreut, wie Ihr freundliches Gedenken und das wundervolle Geschenk, in dem ich eine neue Seite Ihrer unerschöpflichen Kunstfertigkeit bewundere. Darüber vergesse ich ganz, daß ich es eigentlich nicht dulden sollte, daß Sie sich um mich so große Mühe machen und die Zeit, die Sie zur Erholung verwenden sollten, dafür opfern. Die Freude macht nach meinen Erfahrungen nur zu leicht egoistisch. Deshalbe rede ich nur davon, mit welchem Genuß ich wiederum diese Blumen betrachte, deren Symbolik für mich auch in ihrer klaren Gliederung liegt. Wie wir das ganze Leben nur dadurch schön gestalten, daß wir die Klarheit des Gedankens und der Grundsätze darüber ausbreiten, das
[2]
| spiegelt sich in diesen Blüten, die ich nun täglich bei der Arbeit vor mir haben werde. Sie werden helfen, in verworrenen, labyrinthischen Stunden Klarheit über mich zu verbreiten. Und, was freilich von der Kunst abseits liegt, Ordnung unter meinen Büchern zu verbreiten. An dieser fehlt es immer; nur habe ich eine gewisse Scheu, einem lange empfundenen Bedürfnis der täglichen Praxis jetzt in einer so luxuriösen und geistigen Weise abzuhelfen.
Herzlichen Dank auch für Ihren lieben, gleiche Klarheit atmenden Brief. Gewitterluft bringt mich immer um das ganze Gleichgewicht. Mit den Himmelswolken verschwinden auch die geistigen. Der gestrige Tag unter geschätzten Verwandten und Freunden war für mich ein Tag reinster, ja rauschender Lebensfreude. Es wird Sie langweilen, wenn ich davon erzähle; aber doch einiges wenigstens.
Ich habe in den Jahren 1900 - 1902 etwa sehr viel mit einem jungen Menschenkinde mich abgegeben, das wenig über 12 Jahre alt war, als ich es kennen
[3]
| lernte. Aus der ursprünglich rein pädagogischen Absicht entwickelte sich dann ein näherer Familienverkehr. Ich hatte eine unglaubliche Gewalt über den Jungen, der keineswegs begabt war, aber in allen Dingen des Herzens und Gefühls früh reif und liebenswürdig. Wenn ich ihm irgend ein Buch dedicierte, pflegte ich immer ein paar Verse hineinzusetzen, die keinesfalls poetisch wirken sollten und konnten, sondern nur didaktisch. Auf diese Weise beobachtete ich diese 3 Jahre hindurch seine ganze Entwicklung; dann wurde das Verhältnis lockerer, dauerte noch rein gesellschaftlich fort, nur hatte ich das Gefühl, daß ich alle Macht verloren hatte und daß niemals etwas von mir in ihm Wurzel schlagen würde. Als er mich gestern besuchte, war es mir trotzdem interessant zu sehen, was aus ihm geworden war. Was denken Sie nun? Er liest mir Verse vor voll von der glutvollsten Leidenschaft, nichts Unreifes, sondern vollendet in Form und Gedanken, selbst die Lösungen der Form motiviert, alles musikalisch, alles innerlich, kurz ein Talent, von dem man freilich nicht weiß, wie weit es allein von dem
[4]
| Feuer momentaner Leidenschaft genährt sein mag. Nicht einmal die Originalität mangelte ganz, wennschon Sehnsucht und Meer die wiederkehrenden Grundtöne waren. Ich dürfte mit Freude sagen, daß ich in gewissen Wendungen und aus der Anwendung einer bestimmten, sonst ungebräuchlichen Form die Nachwirkungen meines Umganges erkannte, wenn die Sache nicht eine Kehrseite hätte: die grenzenlose Unmoral und fessellose Sinnlichkeit dieser Gedichte. Ist das Jugend, oder liegt es als eine latente Gefahr für die nicht "formbegabten" Naturen in dem Standpunkt, das Leben reich, voll, unverkürzt, nicht philisterhaft zu sehen, an keinen absoluten Dualismus unsrer Natur zu glauben, unmittelbar mit drin? Dies werde ich am Sonnabend im Zoologischen Garten feststellen, wo ich mir den 18 jährigen Jüngling, der sogar ein Couplet (!) produciert hat, hinbestellt habe. Sollte ich ihm nun sagen, die Gedichte wären schlecht, unreif, sinnlos? Das wäre jene "Standpunktfrage". Ein Moralphilosoph hätte es gekonnt. Ich konnte es nicht; denn ich möchte ihm weiterhelfen und bin nur begierig, wie weit meine Anschauungen das können. Zunächst sagte ich ihm, daß kein vollendeter
[5]
| Dichter würde, wer nicht auch seine Welt mit der Kraft des Gedankens gestaltete und an sich selber arbeitete. Eine zum Gedicht gestaltete Leidenschaft sei noch keine Dichtergabe; und die Liebe wäre nicht die ganze Welt, was freilich der Liebende nicht glaube. Am Sonnabend soll er mir nicht loskommen; da werde ich die alten Herrscherrechte wieder geltend machen, und ich weiß, daß ich das noch immer kann. Erst machte es mich mißtrauisch, daß er seine Produktionen so leicht preisgab und sie sogar mit meiner Hilfe gedruckt sehen möchte. Quod non sagt der Lateiner, aber gerade das kann ein günstiges Zeichen sein. Denn der wahre Dichter dichtet nie für den Tischkasten.
Verzeihen Sie diese Ausführlichkeit einer Ihnen ganz fremden Sache. Aber sie interessiert mich schon um meiner künftigen "Pädagogik" willen, deren Gedanken mich manchmal ganz absorbieren.
Paulsens vorzügliches Bild, jetzt in der Sammlung der Berühmtheiten des 19. Jhrhdts erschienen, würde allmählich ganz unter Rosen verborgen. Kennen Sie die liebevollen Torten der alten Tanten, die kein Mensch essen kann
[6]
| die dritten Aufnahmen der seit 6 Wochen verlobten Vetternbrautpaare? Kennen Sie aber auch das Stadium, wo Väter und Önkel die Commerslieder mitsingen und Freund Ludwig die Festrede auf den "Jubilar" hält, auf deren Inhalt und Gedankengang sich am nächsten Morgen sämtliche Teilnehmer vergeblich besinnen? Hierüber lassen Sie mich einen Schleier senken. Selbstverständlich habe ich mich über Mittag auf ein Stündchen in den Grunewald gestohlen. Beiliegender Scherz soll Ihnen Grüße von dort bringen. Die Unterschrift: "der Wanderer in der Himmelfahrtsstellung" ergänzen Sie wohl selbst. Ich habe eine Abneigung gegen jedes anders als scherzhaft gemeinte Photographieren.
Sehr habe ich mich über das gütige und freundliche Gedenken Ihrer Freundin gefreut, wie jeder Gruß aus Heidelberg für mich eine besondere Weihe hat. Bis ich selbst schreibe, haben Sie wohl die Güte meinen herzlichsten Dank und viele Empfehlungen auszurichten. - Als ich von Cassel kam, schienen Sie eine Art Personenstandsregister mit näheren Urteilen
[7]
| von mir erwartet zu haben und ergänzten diese Urteile - freilich etwas willkürlich - nachher selbst. Da Sie mir von der Anwesenheit Ihres jüngsten Fräulein Schwester in Heidelberg erzählen, will ich nachholen, wozu ich eigentlich nicht berufen bin: schon in diesen wenigen Stunden habe ich den Eindruck bekommen, daß unter all Ihren so innerlich veranlagten Geschwistern sie mir die innerlichste zu sein schien, zugleich aber auch im Besitz einer Gabe und Liebe zu stiller Betrachtung, die wir beide - trotz Feuerbach - schätzen und verstehen. - Wenn Sie Ihrem Bruder Kurt ein wenig Fichte injizieren könnten, z. B. Treitschkes Aufsatz über ihn, den, wenn ich nicht irre, E. Marcks jetzt mit Bismarck etc. zusammen für 50 pf herausgegeben hat, würden Sie ihn aus seiner Reaktion darauf sicher [über der Zeile] näher verstehen. Hermann danke ich herzlich für seinen Geburtstagsbrief. Ich antworte bald. Nur so viel: Unsere Voraussetzung war doch: wir kennen die Methode noch nicht. Finden wir sie also, so ist sie für uns neu. An sich ist sie vielleicht ewig. - Die Hauptsache ist: langsam, klar
[8]
| kurz u. scharf. Ich möchte das Ganze mit Übungen im langsamen Schritt vergleichen. Unser Problem liegt entschieden an dem jetzt mehrerwähnten "Einheitspunkt". Über den soll er mir nicht wegrutschen; achten auch Sie auf Ihr Stichwort "Gefühl"; ich höre es jetzt schon wieder aus verschiedenen Sätzen. Für unsern Zweck brauchen wir Einteilungen u. Distinktionen, und wenn es ganz langweilig ist, dann steht man erst an der Pforte der Philosophie. Was glauben Sie, was für langweilige Studien ich habe durchmachen müssen!
Ich habe jetzt ein Reisebureau. Zwei über uns wohnende Damen beziehen im Juli meine Wohnung in Freudenstadt. Einen Freund, der in Erlangen durch mündliche Leistungen den berühmten Doktor "erlangen" will, schicke ich über Rothenburg, Würzburg durchs Neckarthal nach Heidelberg. Oesterreich, entschuldigen Sie, der weiß gar nicht, was er eigentlich will. Gestern fuhr er über Nürnberg, vorgestern über Stuttgart, vordem über Würzburg; wie kann ich Ihnen einen solchen Gummimann schicken? Das ganze Haus Kantstr. 140 schicke ich beinahe nach Heidelberg (bitte schreiben Sie mir doch, ob
[9]
| um den 8., 9. Juli herum Schloßbeleuchtung ist. Was mich betrifft, so habe ich sehrgeringe Hoffnung. Feste Entschlüsse fasse ich immer erst eine Woche vorher, weil ich Abänderungen nicht liebe. Wenn ich reise, so suche ich natürlich Höhenluft. Also etwa Ilmenau, lieber noch etwas südlicher!! Was ich thun kann, in irgend einer Art oder Form nach H. zu kommen oder zu entweichen, geschieht unter allen Umständen. Bitte halten Sie mich nur von der Zeit Ihrer Reise und ev. Wiederkehr unterrichtet. Neuerdings wird auch die Rhön besucht.
Sie fragen nach weiteren Antworten: Troeltsch hat nicht geschrieben. Es ist ebensowenig ausgeschlossen, daß etwas kommt, wie daß nichts kommt. Hingegen Stumpf. Sehr merkwürdig ist es mir, dass ihm seine Zeit nicht zu schade war, mein Elaborat doch noch einmal zu lesen. Der Ausfall war, besonders weil Stumpf (als Naturwissenschaftler) strenger Determinist ist, ein negativer. Ich teile ihn Ihnen deshalb wörtlich mit:
[10]
|
Berlin 5/6 05.
Verehrter Herr Doctor,
Ich danke Ihnen bestens für die Übersendung Ihrer vollständigen Schrift. Die wissenschaftliche Gesinnung, der Sie in Ihrem Briefe vom 8./V. Ausdruck geben, erkenne ich auch aus der Schrift selbst und freue mich Ihres redlichen Ringens mit diesen schweren Problemen, wiewohl sie für eine Dissertation eben zu schwer sind.
Die sachlichen Bedenken, die ich in der Prüfung mit Ihnen besprach sind mir auch jetzt gelegentlich aufgestoßen, so S. 115 - 116. Die Wertfrage hat mit der Causalfrage nichts zu schaffen und die Einführung des Wertbegriffes S. 116 verwirrt nur. (ego: wie leider viele Realitäten des Lebens.) Ich meine, hierüber hätte Lotze (dessen Ignorierung Ihrerseits mir überhaupt bedauerlich erscheint) Abschließendes gesagt. (glücklicher Philosoph!) Dagegen thun Sie Wundts durch und durch konfusem Relativitätsgesetz wieder zu viel Ehre an. (Wundt, der
[11]
| Geisteswissenschaftler ist, hat wohl seine Gründe zu seiner Formulierung gehabt.) Indessen wird Sie Ihr eigenes lebhaftes Bedürfnis unbefangener Prüfung besser als solche kurzen Bemerkungen zu immer klareren Einsichten führen. Mit den besten Wünschen für Ihre Zukunft
Ihr ergebener
gez. C. Stumpf.
Lotze, der mir unausstehlich ist, werde ich natürlich lesen. Sie erinnern sich, ich schrieb Ihnen einmal etwas über den Zusammenhang, nicht Gegensatz von Normen und Naturgesetzen, den ich für eine meiner besten Einsichten halte. Dagegen richtet sich dies. Gegen wen noch, sehen Sie S. 115/6.
Die "Zeitlosen" habens mir angethan, ich schreibe immer fort, und werfe nur hin und wieder au einen Blick auf die Mausbachblumen, die in der Lichtnüancierung des Metalls immer wieder anziehend auf mich wirken. Nun aber muß ich schon aus Schonung für Sie Schluß machen.
[12]
|
Viele Empfehlungen von meinen Eltern. Grüßen Sie bitte Hermann, Frl. Knaps und empfangen Sie von mir die herzlichsten Grüße.
Ihr
immer dankbarer
Eduard Spranger.