Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 11. Juli 1905 (Charlottenburg)


Charlottenburg, 11. Juli 1905
Meine Sachen florieren hier gegenwärtig in unerhoffter Weise. Meine Altensteinarbeit hat bei Prof. Hintze, der mir persönlich in keiner Weise wohl will, einen großen Erfolg gehabt. Er hat sich sehr dafür interessiert und ordentlich in die Sache hineingearbeitet, vieles sehr fein, anderes natürlich stark verkehrt gefaßt. Er bot mir sogar an, das Ganze in seiner eigenen Zeitschrift "Forschungen zur brandenburgisch-preußischen Geschichte", dem angesehensten Fachblatt, zu drucken. Dort würde es also, wenn auch vielleicht erst zu Ostern 1906, erscheinen. (Die Zeitschrift erscheint nur zweimal jährlich). Um Raum zu sparen, habe ich so lange gekürzt, daß ich hoffen darf, ein Muster präzisester Fassung geliefert zu haben, eine Arbeit, die mir freilich eine sehr unerquickliche Woche bereitet hat. Trotz der geradezu künstlichen Kühle, die sich der Herr Redakteur mir gegenüber bewahrt, hat er doch mit Paulsen eingehend darüber gesprochen. Die andere Sache ist mir noch wichtiger. Prof. Simmel, mit dem ich persönlich in gar keiner Verbindung stehe und der im allgemeinen gar keine Literatur erwähnt, hat meine Dissertation in seiner Vorlesung empfohlen. Wie weiß ich nicht; aber ich erfuhr es durch einen befreundeten Bibliothekar, der auf die häufige Bestellung der Schrift hin Nachforschungen anstellte. Da Simmel in Gegensatz zu Stumpf ein Kenner der Sache ist, freut mich diese Anerkennung ungemein.
Warum die Musik historisch ist, werden Sie verstehen, wenn Sie Beethoven-Sonaten sich von der ersten bis zur letzten vorspielen lassen, d. h. Sie werden die letzte nur verstehen, wenn Sie die früheren kennen. Ebenso kann man die Auflösung der Form durch Wagner nur würdigen, wenn man diese Formen selbst begriffen hat. Sie hängen noch wie die Blätter, die die Blüte umhüllt haben, rudimentär auf allen Seiten herab. Meines Erachtens ist auch ein unrhythmischer Vers nur dann berechtigt, wenn er gleichsam dadurch entstanden ist, daß der seelische Inhalt über die musikalische Form hinausgewachsen ist und sie unterjocht hat. Z. B. die Hymnen an die Nacht von Novalis. Unter musikalisch verstehe ich dabei natürlich nicht den genau gezählten Takt, sondern den ganzen Tonfall. Bei den griechischen Versen ist das besonders interessant. - Wieviel interessantes ließe sich über Musik noch reden; aber die langweilige Schreiberei! Und die Gefahr des - Lapsus. Das Eine darf ich sagen, daß meine Weltanschauung mit der 9. Symphonie Beethovens geradezu zusammenstimmt, an der ich Psychologie und mehr gelernt habe: Das Emporringen von dem dunklen, willensmäßigen Chaos der Menschenseele zu dem klaren, artikulierten, von einer großen geläuterten Leidenschaft erfüllten Dasein. Das ist wahrer Idealismus, weil er auf dem Wege entstanden ist, in dem ich mich K.H. (Käthe Hadlich) übereinstimme.
Diesen Mangel hoffe ich nun durch das Eindringen in das lebendige Wesen des Humanitätsgedankens abzuhelfen, und ich habe Paulsen dies bereits als Thema meiner Habilitationsarbeit angekündigt. Er sagte - sichtlich interessiert - das ist eine unendliche, weit umfassende Sache, dieselbe Wendung, die ich einen Tag später von Hintze bezüglich des Plans einer Darstellung des - Altenstein'schen Kultusministeriums hörte!! Mein Gegenwärtiges Rousseau-Studium ist eine Vorarbeit dazu. Bisher habe ich daraus gelernt, daß man über Menschen nicht moralisch urteilen soll, wenigstens nicht mit dem Anspruch objektiver Geltung. Dieser Mann war wahrhaft gemein, aber mit dem feinsten stittlichen Gefühl begabt, kurz eine pathologische Erscheinung. Hier müßte nun der psychologisch veranlagte Mediziner seine größte Kunst entfalten. Der Allerweltsmöbius hat das nicht getan. Auf diesem Gebiet erwarte ich von Oesterreich Hervorragendes.