Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 14. Juli 1905 (Charlottenburg)


Charlottenburg, 14. Juli 1905
Liebes Fräulein Hadlich!
...Was ich Ihnen schon neulich andeutete, ein allmähliches vorteilhaftes Bekanntwerden meines Buches, ist in erfreulichem Wachsen begriffen. Der Verleger sagte mir heute, daß die Nachfrage recht gut wäre, und ohwohl Herr Reuther der liebenswürdigste, geistvollste und vornehmste Verleger ist, den man sich denken kann, so ist das doch eben im Munde des Verlegers bei einem Teilgeschäfte eine seltene Rede. Ferner schrieb mir mein Freund und Gegner Dr. Nohl, der inzwischen sehr reich geheiratet und eine Villa in Grunewald bezogen hat, daß er sich meine Schrift angeschaut habe und daß der Eindruck der "einer ungewöhnlich bedeutenden Arbeit" sei." Er ist in den Hauptpunkten mit mir einig und freut sich des Hiebes gegen die Kantianer. Bei dieser Gelegenheit erwähnte er übrigens, daß eine Zeit lang Aussicht war Windelband nach Berlin zu bekommen. So sehr ich diesen Mann unparteiisch schätze, wäre dies wohl kaum ein Glück für den Fortschritt der Philosophie in Berlin gewesen. Die inhaltliche Produktivität ist bei ihm nicht entfernt so groß wie die historische und rein logische. In dieser Beziehung kenne ich nur Eucken, der aber als Dozent unausstehlich langweilig sein soll. ..... Neulich geriet ich aus Langeweile in ein Publicum von Lasson, holte mir zwar wegen des Zuges ein Fieber nebst Halsentzündung, hatte aber den Genuß, eine geradezu meisterhaft-geniale Vorlesung dieses 72jährigen Hegelianers zu treffen. Wie gerne hätte ich die Wissenschaftslehrer aus Heidelberg und Schwetzingen dabei gehabt. Er sprach zum Schluß über den notwendigen Zusammenhang von poetischer Produktivität und Philosophie äußerst fein und treffend.
Bei dieser Gelegenheit möchte ich über einen der letzterörterten Punkten noch etwas Näheres hinzufügen.
Folgende Wahrheit, die die Hegelianer u. Kantianer, freilich nicht allein, vertreten, müssen Sie sich bitte mal so ca. 8 Tage lang unter der Kastanie am Gaisberg klar machen: daß nämlich alles, was überhaupt ins Bewußtsein tritt (dieser Ausdruck ist falsch, wie Sie sehen werden -) nur in der Form des Subjekt-Objekt-seins auftreten kann. Dies ist es, was wir mit "Bewußtsein" sagen wollen; es giebt nichts jenseits des Bewußtseins, es giebt kein Objekt, das nicht zugleich durch die Unmöglichkeit, jenseits des Bewußtseins zu existieren, Subjekt wäre oder in sich enthielte. Wie es auch kein Subjekt giebt, das nicht unmittelbar in Beziehungen zu Objekten stünde, ja das nicht unter Umständen z. T. sich selbst die Form des Objektseins gäbe. Das nennen nun die Kantianer "das Bewußtsein überhaupt". Fichte nannte es das absolute Ich, Hegel den absoluten Geist. Wenn Sie darüber 8 Tage nachgedacht u. sich diese neue Wahrheit eingeprägt haben, so bitte ich Sie, sich in den nächsten 8 Tagen davon zu überzeugen,
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| daß das eigentlich nichts Neues ist. Dieses Subjekt-Objekt nämlich ist garnichts anderes als das, was Sie bisher vielleicht als Wirklichkeit, oder als Natur im weitesten Sinne bezeichnet haben. Nur das lernen Sie daraus, daß die Existenz einer vom Bewußtsein unabhängigen Natur, die etwa das Bewußtsein erst aus sich erzeugte, Unsinn, resp. nicht nachweisbar ist.
Die weitere Frage ist nun die: in welcher Form ist "das Bewußtsein überhaupt" zugänglich. Antwort: nur in, mit, durch das individuelle psychologische Bewußtsein. In diesem selbst hat alles auch wieder die Form des Subjekt-Objektseins. Aber, wenn Sie in der Phantasie einmal den absoluten Standpunkt damit vergleichen, so finden Sie, daß das psychologische Bewußtsein nur einen Ausschnitt dessen enthält, was einem hypothetischen absoluten Bewußtsein etwa zugeschrieben werden müßte.
Wie kommt man nun auf diese Hypothese eines absoluten Bewußtseins? Dies ist der Angelpunkt. Gegeben ist es nirgend, sondern es ist "aufgegeben". Das heißt: das psychologische Bewußtsein enthält eine potentiell unbegrenzte Aufnahmefähigkeit. Der vorhandene Besitz der Zeit an Lebenserfahrung und wissenschaftlicher
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| Erkenntnis ist nie in ihm vollständig gegenwärtig. Die erste Erweiterung wäre also die vom Individualbewußtsein zum Volksbewußtsein oder Zeitbewußtsein. Können Sie nun von dem etwas Inhaltliches aussagen? Nein, nur soviel, als Sie zum Gegenstande Ihres Individualbewußtseins gemacht haben. Geht nun die Erweiterung noch weiter: zum Bewußtsein überhaupt oder vom Volksgeist zum Weltgeist, so schwindet aller Inhalt; Sie behalten nur noch das Postulat oder das Ideal einer unendlich ausgedehnten Erkenntnis, das als regulative Idee seinen Sinn hat, aber natürlich keine irgendwie verwertbare Einsicht erhält. Wer wird seine Schulden mit Wechseln bezahlen, die erst in der Unendlichkeit fällig sind. Das wäre nun noch nicht schlimm. Das Schlimme kommt erst:
Die Philosophen stellen sich so, wenn sie das Bewußtsein überhaupt proklamiert haben, als hätten sie damit bewiesen, als daß die Welt nun durch und durch Geist oder Vernunft sei. Dies ist aber nicht wahr. Sondern: Bewiesen ist nichts, als daß alles immer die Form des Bewußtseins haben wird oder muß. Der entfernteste Fixstern existiert nicht an sich, sondern nur gebunden an das Bewußtsein. (Nicht des Be
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|wußtseins überhaupt, sondern des Bewußtseins wirklicher Menschen, z.B. der Astronomen oder anderer Völker etc.) Der wichtigste Fall ist die materielle Außenwelt. Jetzt beachten Sie den Unterschied des Bewußtseins überhaupt und des empirischen, psychologischen Bewußtseins. 1) Die Vertreter des ersteren geben sich den Anschein, als wenn für dieses: Bewußtsein und Materie eine völlige Identität wären. Das ist nicht der Fall; sondern auch hier bliebe die Form des Bewußtseins: "Subjekt-Objekt" bestehen. Aber von diesem Standpunkt können wir uns kein Bild noch irgend ein Gleichnis machen. Wir können die besonderen Inhalte dieses allgemeinsten Bewußtseins nicht beschreiben.
2) Das psychologische Bewußtsein abstrahiert natürlich ebenfalls nie von sich selber, gelangt auch nie zu einer von sich unabhängigen Wirklichkeit. Aber was in ihm gesetzt ist, kann nun genauer untersucht und unterschieden werden. Die wichtigste Frage ist die: Ist die materielle Außenwelt und mein empirisches Bewußtsein gegeben in der Form einer völligen Identität? (Jetzt wird es schwierig.) Antwort: allerdings gegeben in der Form einer unbeseitigbaren Zusammengehörigkeit, aber doch nicht als Identität. Nehme ich dieses Bewußtsein nur in dem klaren Bezirk seiner rein intellektuellen Funktionen, so komme ich allerdings nicht zu einer genauen Würdigung des Gegebenen: denn dann muß ich so argu
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|mentieren: Satz des Widerspruchs: Die materielle Außenwelt ist entweder etwas anderes als mein Bewußtsein oder mit diesem identisch. Das erste ist unmöglich, also ist das zweite wahr. Gewiß, sagen die Psychologen, das wissen wir auch. Damit werden wir aber nie über das Wortgeklingel Bewußtsein hinauskommen. Untersuchen wir die inhaltlichen Phänomene dieses Bewußtseins einmal näher, so finden wir: Innerhalb dieses Bewußtseins ist es ein Fundamentalerlebnis, das die Außenwelt von mir trennt. Innerhalb dieses Bewußtseins scheidet sich also das Ich und das Nicht-Ich. Das ist zunächst Erlebnis. Aber durch die kritische Reflexion des Verstandes werden nun die näheren Grenzlinien bestimmt, die Ich u. Nichtich trennen. Mein Leib wird Nicht-Ich. Meine Gefühle, mein Wille, die Sinnesqualitäten werden Ich. Diese Grenzregulierung ist noch lange nicht beendet. Was ist z. B. der Raum: Nicht-Ich, Ich oder beides? Hierbei beachten Sie: Wenn ich von einem X behaupte, es sei nur Ich, z. B. die rote Farbe, so kann ihm immer noch etwas im Nicht-Ich entsprechen, zwar nicht mehr ein "Rot", wohl aber irgend etwas anderes; dieses irgend etwas andere liegt nun keineswegs jenseits des Bewußtseins, sonst wäres es Null. Wie aber soll ich es bezeichnen? Das kann ich nicht anders als daß ich sage: es ist Erlebnis. Von diesem Erlebnis hat die Psychologie allerdings das Rot schon als rein subjektiven Faktor abgesondert. Was übrig bleibt, nennt die neuere Psychologie "Objektivitätsbewußtsein". Also zwar Bewußtsein, aber ohne die Qualität des Ich oder der Subjektivität. Das Verdienst der Psychologie ist, beide Sphären immer schärfer von einander zu scheiden. Sie sehen aber, daß das Bewußtsein als Ganzes nun ein Überflüssiger [über der Zeile] weil selbstverständlicher Ballast wird und vielmehr die scharfe Bestimmung dessen in den Vordergrund tritt: Was ist an diesem "Subjekt - Objekt" Subjekt, was Objekt?
Eine ganz andere Frage aber ist die: Was ist an dem Subjekt individuelles, was ist überindividuelles Subjekt? Ich meine, es gehört gar kein Überlegen dazu, um zu sagen, daß diese Frage einfach nur durch Vergleichung vieler Subjekte beantwortet werden kann. Was Sie materielle Außenwelt nannten, zerfällt nun in einen objektiven u. einen subjektiven Teil. Die Frage der Wissenschaftsgeschichte ist, wieviel <li. Rand> von beiden überindividuell ist. Hierher gehört die Frage der Hallucinationen (individuell.) Sinnestäuschungen (überindividuell)
<Kopf>
Herzlichen Gruß Theoreticus.