Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 24./25. Juli 1905 (Charlottenburg)


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Charlottenburg, 24. Juli 1905.
Liebes Fräulein Hadlich!
Die Complikation der politischen Verhältnisse bedingt einen beschleunigten Depeschenwechsel. Zwar soll heute Abend, abspannungshalber, nur Persönliches zur Sprache kommen; aber die Complikation ist da. Seit einiger Zeit lese ich aus Hermanns Briefen, was Sie gesagt haben, aus Ihren, was Hermann gesagt hat; er hegelt allmählich ein wenig, und im ganzen finde ich, daß in Baden eine kräftige Metaphysikindustrie emporblüht. Diese Pflanze liebe ich nun zwar weniger als Waldmeister - Gott sei Dank ist meine Nase besser als meine botanischen Kenntnisse und überdies mußte ich an einen Hegelianer denken, der bei der Paulsenschen Bowle behauptete, der Maitrank wecke in ihm Üdäen - Sie wissen, in mir auch, aber andere, schönere - aber kurz:
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| deshalb keine Feindschaft! Sieht man doch, wie es aus lebendigen Menschen und ihrer persönlichen Stellung zur Welt entsteht - mehr habe ich nie behauptet. Die Sache mit dem Bewußtsein denken Sie sich zu einfach. Was thut's? Vielleicht habe ich morgen Zeit, darauf zurückzukommen. Hermanns letzter Brief ist allerdings vortrefflich klar, so klar, daß ich diesmal leichte Mühe habe, seine Thesen anzufechten, was ich leider aus rein logischen Gründen immer noch muß. Auf logisches Gebiet nämlich würde die Diskussion in ihrer Fortsetzung hinüberspielen.
Nun also das Persönliche: Ich habe einen Plan entworfen, der zunächst bloße Idee ist, über den ich jedoch Ihren Rat gern hören möchte. Sie wissen, daß ich schon im vorigen Jahr den mittleren Schwarzwald gegenüber dem Neckarthal ziemlich eintönig fand. Das Neckarthal also steht noch immer auf meiner Liste. Ich dachte in erster Linie an Eberbach, ev. an Hirschkorn. Sind Sie nun wirklich der Meinung, daß das Klima dort (130 m allerdings nur) so mild ist, daß man von einer Kräftigung
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| durch die Luft nicht reden könnte? Ich brauche keine eigentliche Kur, weil ich mich nicht mehr krank fühle, würde aber natürlich gern ein Plus aufspeichern. Wenn dies in Eberbach in etwa 3 Wochen möglich wäre, während welcher Zeit ich nichts zu arbeiten beabsichtige, so würde dies für mein Gemütsleben entschieden erfrischend sein. Sonst würde ich an einen Höhenkurort in Thüringen (Elgersburg, Ilmenau oder ä.) gehen, allerdings mit dem Bewußtsein, mich an diesen schon einmal mit Mühe ertragene Orten zu langweilen. Ich rechne dabei so: wenn Sie am 6.VIII etwa Heidelberg verlassen und ich am 16.VIII dort eintreffe, daß wir uns dann ungefähr um den 4. - 6. September herum in Heidelberg noch sehen könnten. Sollte dies zu Ihrem Plan nicht passen, so würde ich vielleicht auf den Neckar verzichten. Ich habe so einen unbestimmten Gedanken, dann etwa im Winter einmal zu Universitätszwecken auf 8 - 10 Tage nach H. zu kommen; das schwebt mir nur so vor. Sie werden verstehen, daß ich mir in dieser Hinsicht prinzipiell keine eignen Dispositionen
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| anmaße. Mein Vater ist zwar apriori andrer Ansicht als ich; pflegt mir dann aber jeden Entschluß zu erleichtern. Der späte Termin wird wahrscheinlich in erster Linie bei ihm auf Widerstand stoßen. Deshalb wüßte ich gern die Zeit Ihrer Rückkehr etwas genauer. Ich selbst könnte ja jederzeit fahren, bin aber für den August, um nachher in Berlin nicht noch eine Hitzeperiode durchzumachen. Sie sehen, das ist beinahe so verwickelt, wie das Bewußtsein überhaupt.
Vielleicht haben Sie Gelegenheit, über Eberbach etwas in Erfahrung zu bringen. Ich erinnere mich eines Hôtels am Neckar [über der Zeile] Krone?, das mir relativ gefiel. Ich würde mich diesmal sogar in Pension verkaufen, falls ich sehe, daß nicht bloß Mannheimer da sind. Oder ist weiter aufwärts eine empfehlenswertere Stadt (Dorf darf es nicht sein)?
Oesterreich sitzt längst in der Schweiz. Dies weiß ich von Paulsen. Zu einer Karte hat sich dieser traurige Ethiker noch nicht aufgeschwungen; hingegen hatte er trotz meiner wiederholten Versicherungen, daß er dessen nicht mehr würdig sei, die Absicht, Ihnen auf der Rückreise seine Aufwartung zu machen. Hin ist er über Nürnberg gefahren, weil da Bilder hängen sollen. Er hoffte, mit mir ev. in H. zusammenzutreffen.
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| Er würde dann wohl schon nach E. kommen müssen. Ihnen wollte er sich gestatten, persönlich Nachricht zu geben. Sie wissen aber, daß der Philosoph auf Reisen immer ein komischer Anblick ist. Ein andrer sehr lieber Freund von mir, der im Vorbeifahren in Erlangen promoviert hat, war gestern in Heidelberg. Ich habe es aber für richtig gehalten, ihm nur Empfehlungen an das große Faß mitzugeben. So aufrichtig ich ihn schätze, wäre er Ihnen nicht interessant gewesen.
Vielleicht freut es Sie, daß ich Ihnen von meiner Schrift wiederum gute Nachricht geben kann. Ich bin erstaunt, daß sie so schnellen Erfolg hat, und noch mehr verwundert, mich in kurzer Zeit in meinen Kreisen als bekannten Autor zu sehen. Von allen Seiten erfahre ich, wie sie in Berlin bereits verbreitet ist. Paulsen hatte neulich seine helle Freude daran, daß ihn ein rumänischer Doktor darum ersuchte, ihn mit mir bekannt zu machen. Dieser wieder war von Geh. Rat v. Liszt auf meine Arbeit aufmerksam gemacht worden. Liszt sagte ihm, er hätte sie "sehr eingehend" gelesen. Kurz bei der letzten Gesellschaft in Steglitz hatte ich
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| den Eindruck, der mir durch Paulsens ganzes Wesen bestätigt wurde, daß ich in der Philosophie angefangen habe, einen Namen zu besitzen. Dies hängt nun auch damit zusammen, daß die politischen Probleme des Ostens, in Rußland, Rumänien, Oesterreich etc., ein ungeheures philosophisches Bedürfnis erzeugt haben. Die russischen Reformer kommen geradezu um der Simmel'schen Philosophie [über der Zeile] willen nach Berlin, wie sie auch bei Rickert in Freiburg sehr zahlreich sein sollen. Obwohl nun das historische Moment allen diesen radikalen Köpfen sicher nicht behagt, sind sie genötigt, sich mit ihm auseinanderzusetzen. Und da greifen meine Ausführungen einigermaßen bewußt in die gegenwärtige Problemlage ein. Der Rumäne hatte entschieden von mir nichts gelernt, während ein Italiener, wie das aus der Lage des Landes verständlich wird, meinem Prinzip viel näher stand. Es ist erstaunlich, wie z.B. das russische Studienbedürfnis an gewissen wichtigen Partien, wie der Verfassungsgeschichte, Jura, selbst Nationalökonomie blind vorübergeht und sich ausschließlich der Simmel'schen Philosophie hingiebt.
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| Und doch bin ich überzeugt, daß ein einziges Publikum bei Hintze sie unendlich weit mehr belehren würde.
Die Kehrseite der Sache ist nun die, daß ich in weiteren Publikationen, die nicht mehr unter dem Schutze der Unbekanntheit vor sich gehen, sehr vorsichtig sein muß. Ich habe vor einigen Tagen aus großem persönlichem Kampf heraus einen stark polemischen und gewiß zeitgemäßen Aufsatze über das Ver Primat des wirklichen Lebens vor jeder Wissenschaft geschrieben; aber ich traue mich noch nicht damit heraus. Persönlich vielleicht mehr darüber. Eben kommt mir die Idee, mich wegen statistischen Materials über die russische Studienbewegung in Deutschland einmal mit Schmoller in Verbindung zu setzen.

25.VII.
Eine große Novität hat der Juli nun doch gezeitigt: Prof. Alois Riehl aus Halle ist zur Entlastung Diltheys nach Berlin berufen worden. Dieser Herr - Positivist - soll verschiedene philosophische Ansichten aus Halle mitbringen. Mein Geschmack ist es gerade nicht, aber man
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| man muß abwarten. Er ist ein großer Feind aller Metaphysik, und würde selbst einen Standpunkt meiner Art wohl nur als "künstlerische", nicht als wissenschaftliche Philosophie gelten lassen. Hoffen wir, daß meine Kunstfertigkeit auf ihn einen guten Eindruck macht.
Nun käme die bewußte Bewußtseinssache. Als Glaubensbekenntnis lasse ich Ihren Standpunkt gern gelten. Kritisch hingegen ist er erfreulicher Weise nicht, Sie haben also Hoffnung, trotz des Mangels einer zutreffenden Metaphysik und Erkenntnistheorie weiter zu leben. Offen gestanden halte ich von all diesen Reflexionen, sofern sie sich nicht unmittelbar an das Verfahren einer Einzelwissenschaft anschließen, nichts. Sodann aber giebt es natürlich hier genau so gesicherte Resultate, wie in der Physik. Letztere stehen in Büchern. Daß Sie in diese Bücher nicht hinabsteigen, finde ich über die Maßen erfreulich. Hingegen bei Hermann ist es mir doch immer bedenklich, daß er so gänzlich unfähig ist, ein Buch von anderem Standpunkte zu ertragen und - zu lesen. Das ist natürlich ebenfalls Voraussetzung jeder wissenschaftlichen Diskussion. Solange dies nicht geschieht, sondern jene Abneigung herrscht, haben wir eben einen Gefühlsstandpunkt, keinen wissenschaftlichen. -
Wenn ich nun nicht irre, waren die 8 Tage unter d. Kastanie noch nicht um. Zur Rache für Ihre Erkenntnistheorie bekommen Sie jetzt in jedem Brief eine These in Pillenform. Die erste lautet wiederum: Durchdringen Sie sich mit der Einsicht, daß Sie über nichts reden können, was nicht Thatsache Ihres Bewußtseins ist, daß Sie also für jedes X, das etwa unabhängig von diesem Bewußtsein existieren oder ihm korrespondieren sollen, einen Beweis erbringen müssen. Unter Bewußtsein verstehe ich natürlich (aber meine verehrten Wissenschaftlehrer) nicht mein Bewußtsein, sondern menschliches Bewußtsein, aber darin auch nicht nur d. Erkenntnismäßige, sonder zugleich das Willens- u. Gefühlsmäßige. Wenn Sie ja sagen, bekommen Sie die nächste Pille. - Bitte grüßen Sie Frl. Knaps und <li. Rand> Hermann vielmals von mir. Über die Eberbacher Sache schreiben Sie mir vielleicht eine Karte. Die besten Empfehlungen von m. Eltern <Kopf> u. herzlichen Gruß von Ihrem Eduard Spranger.
[re. Rand,S.6] Wissen Sie etwas über das Mathildenbad in oder bei Wimpfen?
[li. Rand,S.7] Meine Reisewünsche hoffe ich Ihnen noch nach H. senden zu können.