Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 6. August 1905 (Charlottenburg)


[1]
|
Charlottenburg 2, den 6. August 1905.
An einem Jahrestage.
Liebes Fräulein Hadlich!
Es thut mir leid, daß ich den Anschluß versäumt habe, um Ihnen rechtzeitig glückliche Reise zu wünschen. Möge sie Ihnen gesundheitlich vor allem das Beste bringen, Ihre Nerven eisern machen, Ihr Gemüt sonnig, und das alles für lange Zeit. Hoffentlich höre ich bald, was für einen Anfang Sie gemacht haben. Senden Sie mir gute Nachrichten darüber nach - Eberbach.
Beim Abschluß des dreiteiligen Briefwechsels empfinde ich nicht ohne Betrübnis, daß wir in der hoffnungslosesten Konfusion enden. Sie scheinen andrer Meinung zu sein. Ich habe das Gefühl, daß wir nicht einen Schritt weiter gekommen sind. "Ein großer Aufwand schmählich ist verthan". Nicht einmal das stolze Bewußtsein, da zu stehen, wo wir vor zwei Jahren anfingen, vermag ich zu fassen. Wir sind weiter zurück als je. Sie z.B. - von Hermanns Begriffsmysticismus zu schweigen - injizieren mir anscheinend nach wie vor, daß ich nicht an die Realität der sog. Außenwelt glaube und bekennen Ihren Standpunkt
[2]
| als "Glauben", "Gefühl". An dieser Ecke stehe ich nun seit Jahren, rufe Streichhölzer, Streichhölzer! und gehe mit meinem Standpunkt, der für Ihren Raum bietet, hausieren, indem ich gerade zur Reflexion über diesen Glauben einlade, eine Stufe der Besinnung, die nicht mehr zu überschreiten ist. Wie gut ist es, daß Sie diese Reise unter der Obhut der Theologie vornehmen, wennschon es Theologien giebt, die sich diesen unreflektierten Glauben auch nicht gefallen lassen [Ferner: es giebt auch sogar "Reflexionen von zweifelhaftem Wert". Dergleichen enthält nach einer neuesten Recension m. Einl. zum Hutten, wennschon sie sachlicher und besser sein sollen als die von v. K. Letztere sollen ganz unter dem Hund sein.] Halten Sie es denn für möglich, physische Optik zu treiben ohne Physiologie des Auges? Philosophie aber treibt man, ohne sich selbst zu kennen, fängt das Haus vom Dache an, redet vom Begriff und seinem Leben, ehe man einen Begriff vom Leben hat, und läßt sich von Naturgesetzen beherrschen, die die Energie des forschenden Willens mühsam formuliert hat. Kaum hat der Mensch 2 mathematische Bewegungsformeln gefunden, so wird der ganze Mensch Bewegung und Formel. Und das sehr natürlich, weil doch die
[3]
| Welt so lang und breit ist (selbst Großvater kannte sie nicht ganz) und die Menschenseele so klein, daß garnicht mal im Adreßkalender steht, wo sie wohnt. Bei mir wohnt sie anscheinend im Centralorgan der Offenheit. Denn ich kann Ihnen übhpt keinen Begriff davon machen, wie unterhalb aller Überzeugungskraft das alles für mich ist, wie unendlich aber die Welt, deren Betrachtung mir obliegt, und wie gewaltig der Raum den sie für Menschendinge bietet, wären sie auch so kompliziert gewachsen wie Weltanschauungen und philosophische Systeme. Ich dachte, Sie hätten aus den zahllosen Punkten, die ich Ihnen hier und dort gezeigt habe, Verständnis und Überzeugung gewonnen, daß diese Dinge, von denen ich rede, da sind, lebendig, irrational, ohne begriffliche Verkrüppelung. Gehen Sie doch mit den Hegel'schen Begriffen einmal über die Gletscherwelt des Menschendaseins; nirgends werden Sie sich mit diesem stumpfen Stab festbohren können. Von diesem verdünnten Saft einer Irgendwo-Vernunft kann sich kein Wesen nähren. Der eigentliche Spiritismus ist mir lieber, als diese spiritistische Logik; denn eher möchte ich glauben, daß wir noch einmal etwas von Geistern wissen, als vom Geist. - Dies Gewitter mußte herunter. Es gilt den Standpunkten, nicht den Menschen.
[4]
| Denn die beiden Menschen - darauf vertraue [über der Zeile] ich - sind klug genug, weiterzuleben auch abseits vom System, wo das System nicht mehr paßt. Kommt dabei der Zug zum Entgleisen, so kommt das in die Zeitung. Manchmal aber rutschen einige Wagen so eine Zeitlang auch ohne Schienen fort; dann merken's die Reisenden zwar am Stuckern. Aber sie sagen nichts, weil sie denken, die Schienen sind zwar schlecht, aber immer noch besser als im Sande zu fahren. In diesem Sinne lasse ich's mir ja auch wieder gefallen, wennschon ich nicht einsehe, warum die Technik nicht allmählich bessere Schienen erzeugen soll.
Das also - bitte herzlich - ist ganz anonym in ein fremdes Land gerichtet und gemeint ist selbstverständlich keiner. Aber nun kommt das Persönliche, und auch dies beschäftigt sich diesmal mit - schlechter Psychologie und guter Mathematik.
Sie waren so äußerst liebenswürdig, sich mit meinem Reiseplan sehr große Mühe zu geben, wahrscheinlich ohne zu wissen, daß sie es für einen Querkopf thaten. So'n ganz klein bischen schauerlich wurde mir bloß bei der Brüdergemeinde mit Wald und Wiesen. So viel Gesundheits giebt's ja garnicht! Nicht zum Frühstück ginge ich dahin. Die Schweiz ist zwar kein guter deutscher Boden, aber eher acceptabel. Nur hat es bei meinem Temperament für 3 Wochen keinen Sinn. Im Angeln besitze ich leider gar keine Übung.
[5]
| Unter 5-600 M könnte ich keine Schweizerreise machen. Dies meinem Vater zuzumuten, fürs bloße Vergnügen, wo es Zeit hat, bis ich es in 4-5 Jahren vielleicht selbständig kann, ist mir nicht gegeben. Eine ganz schlechte Psychologie endlich ist die Meinung, daß der Mensch von der Luft leben könne, wäre es auch von Höhenluft. Meinen Sie wirklich, daß das bischen Sauerstoff Wunder thut, wo das Gemüt leidet? Gerade weil ich zu Gemütsdepressionen neige, muß ich das und nichts anderes haben, was ich mir eben gedacht habe. Gehen Sie nach Obstalden, ich gehe ins - Neckarthal. Wenn ich nicht Rhein oder Ahr oder Nahe etc. [über der Zeile] oder Freiburg gewählt habe, so geschah das wieder aus einem solchen Grunde: Ich hoffte Sie - trotz Hegel und der Glaubensphilosophie - zu sehen. Mir scheint, daß das voreilig war, und dafür hätte ich wieder 9 Gründe, wie bei der Kunstfertigkeit, (mit der Sie übrigens auch rechnen*)[li. Rand] *) rein theoretisch: Rundreisebillets sind immer etwas teurer als Rückfahrkarten, wenigstens für Preußen. der erste ist der, daß Sie wahrscheinlich keine Lust haben, meinen harten Bauernschädel in der Nähe zu haben, wo es der feinen Köpfe in Ihrer Umgebung jetzt so viel giebt. Der andere, pardon, der neunte der, daß ich Anfang September hier taufen muß, nicht Wein in Auerbachs Keller, von dem Sie leider schwiegen, sondern meines Vetters Jungen. Soweit, sehen Sie, ist der Glaube verbreitet.
[6]
|
Sehr große Correspondenz und - ich will es gestehen, eine gewisse Kribbligkeit, hat mich nicht dazu kommen lassen, Hermann noch einmal zu schreiben. Er deutete ja auch an, daß er keine Zeit mehr hätte. Und der Schelerplan ist sowieso auf dem Papier stehen geblieben. Jetzt weiß ich seine Adresse nicht; wenn Sie sie wissen, werden Sie so gütig sein, ihn von mir zu grüßen und ihm in meinem Namen einen schönen August, diesen schönsten der Monate, der keine philosophischen Früchte trägt, zu wünschen.
Zum Schluß folgenden Zeitungsausschnitt:
Kurtheater Obstalden.
Heute: Faust: Scene: Wald und Höhle
Personenverzeichnis:
da hat's keine.
Variété Eberbach.
Heute: Faust: Auerbachs Keller.
Personenverzeichnis:
1) Deutsche Menschen u. Deutsches Volkstum.
2) Ein sehnsüchtiger Zuschauer, der verlorener Volksgemeinschaft im Denken u. Fühlen gedenkt und jeden Menschen am Wegrande still, aber mit inniger Liebe u. Freude begrüßt, um an diesem Wohlgefallen für lange Wochen einsamer Arbeit Kraft zu gewinnen und zu wissen, für wenn er es thut.
Am 9. reise ich ab. Sobald ich eine feste Wohnung habe, teile <re. Rand> ich sie Ihnen mit. Mit den herzlichsten Wünschen u. Grüßen von uns allen u. mit der Bitte, mich Ihrer Reisegefährtin u. W. zu empfehlen, Ihr Eduard Spranger.