Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 13. August 1905 (Freudenstadt)


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Freudenstadt, den 13.VIII.05. Murgthalstr.
Hirsch
Liebes Fräulein Hadlich!
Verschwommen wie meine Seele werden diese Zeilen. Und doch wäre es mir unmöglich, Sie heute nicht zu grüßen, wo ich - fast unverändert alles am alten Platze finde, der für mich so bedeutungsvoll geworden ist. Da ich nicht arbeite, so wissen Sie ja, daß sich hier mein Leiden und meine Seelenqual nur fortsetzen kann. Wie viel ist anders geworden in einem Jahr; so heimatlich man mich aufnahm; wie viel ferner liegt Griesbach als Obstalden als Griesbach. Ich bin anders geworden, Sie sind anders geworden - und hier lebt alles ruhig, gleich fort. So schön es ist, auf ein vollendetes Werk zu blicken: ein Stück Schaffensfreude und Poesie und Lebensglück und Lebensintensität geht damit fort, wird starr: es steht gedruckt, man kann es kommentieren. Aber das Glück, das ich genoß, in Ihrer Nähe, auflebend, Mut schöpfend,
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| das steht nirgends, als in mir, und wie einst 1901 Kügelgen in Bacharach muß ich Ihnen jetzt von dieser Stelle zurufen:
"Sie waren es, die alles mir belebt:
Ihr Bild ist eng in diese Zeit verwebt".
Deshalb sollen Sie mir auch nichts totmachen: dies Gefühl, das dem Moment und seiner Inhaltsfülle Ewigkeit leihen möchte, ist Religion. Kein kalter Glaube ewiger Gesetzmäßigkeit kann mir diesen Zustand, der halb Ahnung, halb Wunsch, halb Wille u. Gewißheit ist, umdeuten und rationalisieren. Nur aus solchem Glauben und Gefühl entspringt befruchtende That, und es giebt keine große Lehre, keine große Wahrheit, die nicht aus einem großen Leiden geboren wäre. Aber ich kann es nur immer wiederholen: Unsere Zeit ist zu wissensstolz und zu wenig christlich. Ich habe auf der Reise eine Scene erlebt, die mehr wert war als eine Predigt. Ein Professor aus Wien
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| (etwa 40 Jahre) in unsrem Coupé reist in seine Heimat nach Schefflenz. Er erzählt von allem was da los ist, vom Wald, vom Wein, von seiner Schwester u. deren Kindern. In Seekach steigt er aus und es empfängt ihn - sein Vater. Da drängten sich alle an das Fenster, um das zu sehen, und es war keiner, der nicht geweint hat. - Ich bin kein altes Weib; aber das wird mir immer gewisser, daß ein Mensch, der nicht mehr hat, als sein Wissen, doch nur ein armer Sünder ist, bei allem Kultus der Vernunft und der demonstrierten Gottheit.
Also nicht wegrationalisieren, sondern klären, bewußt machen soll man das Gefühl, und so hoffe ich auch von der einsamen Trauer, die mich jetzt erfüllt, eine Bereicherung meines Denkens und meiner Thätigkeit. Denn die Frage, die damit unverzüglich für mich gegeben ist, lautet: Wie kann ein Mensch dieses Da
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|sein überhaupt ertragen; wie muß er es deuten, wie gestalten, wenn er es leben will? Sie sehen, daß mein Wahrheitsbegriff hier ganz andrer Art ist, als der übliche. Er ist bestimmt durch den Zweckgesichtspunkt. Wenn mir dies nicht schon vorher klar gewesen ist, so ist es mir im Würzburger Dom dies Jahr unwiderlegbar aufgegangen. Die Wahrheit des Katholizismus ist unvergleichlich groß.
Aber weg damit! Vielleicht freut es Sie zu hören, wie weit ich mit meinen Studien über Volkstum gediehen bin. In nähere Berührung kam ich:
1) in Offenburg mit einem total besoffenen Kerl
2) in Schiltach mit 24 tabakrauchenden Arbeitern
3) Hier in der Linde mit einem Berliner, der echter als echt war: "Ick brooche keene frische Luft. Mir jeht's allenthalben jut." Hoffentlich geht es Ihnen ebenso. Ist es sehr schön dort? Es that mir sehr leid, daß ich Frl. Knaps gestern in H. nicht traf. Ich <li. Rand> bin daher nach 3 Std. wieder abgereist. Herzlichen Gruß Ihr E.S.
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