Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 16. August 1905 (Freudenstadt)


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Freudenstadt, den 16. August 1905
(Mittwoch 1904 Griesbach!)
Liebes Fräulein Hadlich!
Ihr Brief vom 9./12. August ist mir über Eberbach hierher nachgesandt worden. Es thut mir unendlich leid, wenn mein vorletztes Schreiben Sie verletzt hat. Um Verzeihung bittend erkläre ich feierlich, daß ich Ihnen Ihren Standpunkt nicht nehmen, am allerwenigsten aber Ihre Ruhe nehmen will. Dies beides ist so gewiß, daß ich mir die Aufnahme meines Briefes nur aus einer gewissen subjektiven Verfassung erklären kann, die eben das ist, was ich sehr harmlos und doch gewiß scherzend, die gegenwärtig zwischen uns herrschende Unklarheit nannte. Letztere ist nur durch die Begriffsphilosophie in unsern Briefwechsel hineingekommen. Denn es war doch wohl nicht unsre Absicht, die mittelalterlichen Kämpfe über die Theorie des Begriffs zwischen Heidelberg und
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| Berlin fortzuspinnen. Ihren Naturalismus fand ich sehr schön, abgesehen von dem einen Moment, wo er um diese Ecke herumguckte. Ich finde ihn noch sehr schön und bin sogar so hoffärtig zu glauben, daß mir dieser Standpunkt in zahllosen Abstufungen und Gestalten innigst bekannt ist, habe hin und wieder versucht, Sie auf Spinoza, Giordano Bruno, Goethe, Schelling, Hölderlin, Herder etc. aufmerksam zu machen u. freue mich auf den Augenblick, wo mir der langsame Verlag v. Dürr es ermöglicht, Ihnen das Hohe Lied dieser Philosophie: Shaftesburys Rhapsodie aufmerksam [über der Zeile] bekannt zu machen.
Wenn ich hin und wieder mit kleinen Haken und Spitzen dagegen vorgehe, so werden Sie mir das nicht verübeln. Erstens dient jeder Kampf zur Belebung und Belehrung und zweitens habe ich Ihnen längst gesagt, daß Ihr Naturalismus nicht ganz echt ist, daß dieser Standpunkt bei Ihnen Grenzen hat. Gelegentlich waren Sie geneigt, mir das zu glauben, gegen
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|wärtig aber bereiten Sie mir diese Freude nicht, was an der Sache nichts ändert. Ein Prediger in der Wüste soll sich aber den Unglauben nicht verdrießen lassen. Obwohl Sie also das alles von mir schon tausendfach gehört und gelesen haben, will ich es Ihnen von einer anderen Seite zeigen, natürlich gefaßt, daß Sie das, wie es eben jede Weltanschauung macht, nachher in Ihrem Sinne umdeuten werden.
Zu diesem Zweck muß ich Sie in das Gebiet der Ästhetik hineinführen, ein bisher von uns unbetretener Boden, von mir aus Mangel an Begabung. Doch habe ich nicht verfehlt, Ihnen mit das Beste, was darüber existiert, in der Schrift: "Sokrates und die Ethik" vorzulegen. Ich habe Sie um Ihr fachmännisches Urteil nicht gedrängt, weil mir bekannt ist, daß die Formulierung des Verf. vielfach seine Gedanken verhüllt.
Sie stehen also in Obstalden Ihren Bergen gegenüber. (Mir scheint fast, Sie glauben, ich hätte etwas gegen O? Ich, der ich selbst Griesbach in der Erinnerung mit Poesie um
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|kleide!) Was Sie da erleben, ist zunächst ein Stück Selbstentäußerung. Es ist mehr als ein Bild, wenn ich sage: Ihre Seele breitet sich aus über diese Landschaft. Aber mit diesem einfühlenden Beleben der Natur verliert nun die Seele selbst etwas von ihrer individuellen Beschränktheit. Es entsteht ein Mischmasch, ¾ Sie selbst, ¼ Natur. (Sie nennen es schlechtweg "Natur", ich sage: da haben wir die ästhetische Wurzel Ihres Naturalismus.) So also vorwärts: "Dem Schnee, dem Regen, dem Wind entgegen" O nein! sondern es kommt ein Punkt, wo Sie haltmachen, wo plötzlich statt des froh hingebenden Genießens ein schmerzlicher Kampf entsteht, wo Sie um Ihre Existenz ringen mit diesen - Bergriesen! (So schreiben Sie selbst.) Warum das? Natur ist Natur, was machen die paar Meter Unterschied? Aber Sie machen einen Unterschied: Sie sprechen hier auch schon nicht mehr von Schönheit, sondern von Erhabenheit. Was ist das Erhaben? Es ist das, was die Seele zu erdrücken droht, wo sie alle sittliche Kraft, alle Energie ihrer Selbstbeherr
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|schung koncentrieren muß, um sich nicht zu verlieren an dies Unendliche. Sie wird auf sich selbst zurückgeworfen - und was nun kommt ist, daß sie eben etwas erlebt *) [re. Rand] *) auf so was zu achten, erfordert einsame Übung.. Ich biete es Ihnen dar zum Nachleben. So geht es allen denen, die nicht geborene, ganz konsequente Naturalisten sind. (Ich wüßte keinen.) Diesen Zustand haben Burke, Kant und Schiller beschrieben. - Was haben die Berge mit Ihrer Individualität zu thun? Warum macht das tief religiöse und sittliche Erlebnis, das sich daran knüpft, Ihnen diese Berge fremd und unheimlich? Warum kommen Sie zu dieser Natur doch nicht mit dem innigen Vertrauen, mit dem der Mensch zu seinem Gott kommt? Warum wollen Sie Reservatrechte haben? - "Aber die Natur ist ja auch allgütig um jedes Einzelleben besorgt." - Wie Sie das glauben können!!! Nicht die Natur, die wir erleben, sondern die transcendente, die wir dichten, indem wir unsre liebsten Leiden und unsre geheimsten Träume in sie hineinlegen. Warum aber sollen wir die nicht auch wo anders hinlegen? Haben Sie nicht eben selbst er
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|lebt, daß Sie hinausstreben über das Gesetz, über das Unindividuelle? Das wird tot gemacht. Dann kommt eine Stille und Ergebenheit, die unter andern Symbolen dasselbe ist, was die Ergebenheit der Christen in Gott.
Nun habe ich wieder mein Bestes gethan, auseinanderzuwirren, was sich in der Seele selbst in Gemengelage befindet. Ich habe Sie eingeladen, mit mir Psychophysik des Auges zu treiben. Sie aber wollen blind bleiben. D.h. wenn Sie das Wort abstreiten, so werden Sie nun wieder schreiben: "Ja, aber in der Natur, da haben alle Gegensätze, alle Wirklichkeiten Raum. Warum soll nicht dies in ihr gesetzt sein, warum nicht auch jenes." Das mühsame Separationswerk werfen Sie wieder in einem Topf!
Wie kommt das? Das ist, um fortzufahren, der künstlerische Bautrieb, dies Harmonisieren, Hineinprojizieren, Identifizieren u.s.w. Ich wundere mich des Todes, daß Sie nicht merken, daß Sie darin mit Hermann ganz einig sind. Ich aber bitte
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| Sie beide: Forscht doch einmal der Struktur dieser Gebilde nach, seht doch einmal zu, aus welchen Elementen sich der Panlogismus u. der Naturalismus zusammensetzen - "Nein, das wollen wir nicht, das wollen wir nicht, das ist so, das bleibt so." Gut, aber wer die Symbole so behandelt, der ist ein Dogmatiker. Habeat sibi; es kommt die Klippe, an die er anläuft. Aber auch das wird er nicht merken, denn er deutet eben als gewiegter Symboleschmied alles um. So legen Sie fleißig und munter jeder neuen Erscheinung den alten Text unter. Vortrefflich; es hat mancherlei Religionen gegeben. Warum soll es neben den Bibelgläubigen nicht auch die Naturgläubigen geben? Nur habe ich gefunden, daß der Mensch, solange er betet, nicht arbeitet. Da liegt die geheime Gefahr, und man braucht nicht Anhänger Hegels zu sein, um immer mehr und allmählich immer schroffer abzuweichen.
Zum Schluß noch ein Wort über mich. Es wird Ihnen lächerlich vorkommen, daß ich um so ein bischen Standpunkt so viel Geschrei erhebe. Sie müssen aber bedenken, daß ich nichts anderes habe als diese Glut derart über das Leben nachzudenken, daß der Gedanke selbst auf das
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| Leben gestaltend zurückwirken kann. Ob ich das vermag und wie weit ich dazu berufen bin, gehört so wenig vor unsre Competenz wie die Frage, ob der Krüppel ein Recht zum Dasein habe. Es giebt aber einen Punkt, von dem an jeder seinen eignen Weg geht. Mit Hermann bin ich nach vielen Versuchen wissenschaftlich an diesem Punkte. Denn ich kann wohl mit ihm diskutieren; aber ich kann nicht für ihn lesen. Ich habe einen gekannt, der Tannhäuser für die schönste Oper erklärte, er hatte aber noch keine andere gesehen, weiß nicht, ob er nicht wollte. "Glücklich wer sich vor der Welt ungestraft verschließt". "Einen" Freund, mit dem er genießen kann wird Hermann immer an mir haben, vielleicht einen ganz unsoliden. - Dies ist in der Sammlung meiner Beichten gewiß die 25. Sollte mir auch nicht verziehen werden, so hoffe ich doch herzlich, daß durch meine Schuld Ihnen nie wieder Unruhe bereitet werde.
Ich habe hier das reine Schreibbureau, weil mir die privaten u. geschäftlichen Sachen von 1 Woche gestern nachgeschickt worden sind. Ich habe daher
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| das Vergnügen, Ihnen zum Schluß noch meine neue Tinte vorzustellen, mit der es sich auf diesem miserablen Bogen noch einmal so abscheulich schreibt. Es thut mir leid, daß Sie mit dem Fuß Unglück gehabt haben. Hoffentlich wird es bald besser. Mir geht es hier unendlich wohl. Zunächst im Hause. Eltern, Kinder, selbst der zierliche Dackel waren höchst erfreut. Dann in der Linde. Verkehr habe ich viel und fast zu viel Correspondenz. Ich schwelge jetzt geradezu in einem Zustand absoluter Gefühlsbalance. Anfang September treffe ich mich vielleicht mit Oesterreich in Freiburg. Am 3. drängt man mich zur Taufe. Und da noch 2 Hochzeiten in Sicht sind, kehrte ich am liebsten garnicht heim.
Daß Sie De Profundis lesen, wundert mich. Ich habe gesundere Kost: W.v. Humboldt, Briefwechsel mit Schiller und Briefe an eine Freundin. Außerdem Rousseau, der die Poesie des waldigen Mittelgebirges entdeckt hat, während Saussüre der erste Anbeter des Hochgebirges war. Hier sehen Sie die historischen [über der Zeile] Grenzen Ihres Ästhetici - pardon: Naturalismus. 1900 habe ich einen Aufsatz geschrieben über das dem modernen Menschen eigentümliche Gefühl der Wanderlust.
Vor kurzem habe ich entdeckt, daß Charlottenburg, Kantstr. 141 ein philosophischer
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| Schriftsteller wohnt, der meinen Feldzug gegen Rickert teilt. Ich habe mich brieflich mit ihm bekannt gemacht.
Sie werden genug haben von mir. Also Schluß. Sollte dieser Brief Übergewicht haben, was ich momentan nicht feststellen kann, so bitte ich Sie ernstlich, mich davon zu benachrichtigen. Bitte empfehlen Sie mich Frl. Knaps. Herzliche Grüße
Ihr
Eduard Spranger.