Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 18. August 1905 (Freudenstadt)


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Freudenstadt - Les Charmettes
Den 18. August 1905
eingedenk!
Herbarium: Könnt' eine Seele je sich ganz enthüllen,
Uns müßte Grausen vor dem Abgrund füllen.
So aber strahlt in mildem Dämmerlicht,
Was sie mit Schönheit schonungsvoll umflicht.
Liebes Fräulein Hadlich!
Das wäre ja unendlich schön, wenn doch noch ein Zusammentreffen möglich wäre. Ohne Ihren Plänen vorzugreifen, will ich Ihnen erzählen, wie ich mir meine Rückreise gedacht hatte. Bis zum 31.VIII incl. bleibe ich längstens hier. Am 1.IX wollte ich zur Ausnützung meines Kilometerheftes von hier direkt nach Freiburg fahren, dort aber nur 3 Stunden bleiben, um schon Abends in Heidelberg zu sein. Bei dieser Gelegenheit hoffte ich ev. mit Oesterreich zusammenzutreffen und mit ihm bis Heidelberg, ev. nur bis Appenweier gemeinsam zu reisen. Den 2.IX. wollte ich in Heidelberg zubringen und am 3.IX am liebsten direkt nach Berlin fahren.
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| An diesem Tage sollte nun allerdings schon die Taufe sein. Falls aber meine Eltern nicht aus andern Gründen m. Rückkehr vorher wünschen sollten oder sonst etwas Unvorhergesehenes dazwischenkäme, würde ich nur zu diesem Zweck meinen Aufenthalt nicht abkürzen, wiederum aus dem von Ihnen verworfenem Motiv, weil ich nicht will. Oder auch, wenn Ihnen das lieber ist, weil man dergleichen Belästigungen des reisenden Publikums nicht subventionieren soll. Selbstverständlich hätte ich dann am 2.IX. bei Ihnen angeklopft.
Diese Pläne aber haben durchaus nichts Bindendes, um so weniger, als sie mir ev. selbst zu strapaziös sind und ich Oe. auch in Berlin am Nollendorfplatz treffen kann. Jede Bestimmung Ihrerseits würde sofort zum Bruch des oesterreichischen Bündnisses führen. Die große Güte, mit der Sie mir ein Zusammentreffen auf der Durchreise Singen - Offenburg in Aussicht stellen, ermutigt mich zu näheren Fragen. Wenn Sie von
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| Zürich 8.25 oder von Schaffhausen 9.37 fortfahren, so treffen Sie damit einen Zug, der über Schwetzingen nach Mannheim (3.00.) geht. Wenn Sie, um dies zu vermeiden, etwa geneigt wären, eine Mittagspause zu machen, so würde ich mir gestatten, zu Ihrem Empfang am Bahnhof zu sein. M. W. kämen Triberg, Hornberg und Hausach in Betracht. Da die Zeit wahrscheinlich doch zu kurz sein würde, um die Sehenswürdigkeiten der beiden ersten Orte ruhig zu genießen, wage ich es, Sie auf Hausach, das im besten Sinne nichts bietet, aufmerksam zu machen. Wenn Sie 12.20 eintreffen, könnten wir vielleicht in dem unmittelbar am Bhf. gelegenen, nach meiner vorjährigen Erfahrung guten, wennschon nicht luxuriösen H Bahnhofshôtel dinieren, oder, was vom Wetter abhängt, im danebenliegenden Garten. Danach könnten wir etwa ¼ Stde zu der fürstl. Fürstenbergischen Ruine emporsteigen, wo wir von einem "Wiesenviereck" aus das Kinzigthal sehr hübsch überschauen, oder an der Kinzig entlang nach Wolfach (4 km.) oder an der Gutach entlang nach Hornberg gehen.
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| (Letzteres sonnig u. weit, aber interessant u. malerisch.) Wenn Sie dann um 5.14 weiterfahren wollen, so sind Sie um 8 Uhr in Heidelberg. Ist das zu spät? Ev. gestatten Sie mir, mit Ihnen zu fahren, je nach näherer Verabredung bis Offenburg (um nach Freiburg zu fahren) oder bis Heidelberg. Für Triberg oder Hornberg würde der Abstand der Züge derselbe bleiben. Dies einige provisorische Ideen. Die definitive Gestaltung hängt von Ihrer Entscheidung ab. Ich bitte Sie, wenn es überhaupt möglich ist, über den 1. oder 2. Plan gleich eine endgiltig Bestimmung zu treffen. Eine nähere Adresse wüßte ich allerdings für unvorhergesehene Zwischenfälle u. aus anderen Gründen gern. Damit Sie sehen, wie sehr mir die Sache am Herzen liegt, füge ich gleich die Schweizer Marke bei. Letztere finde ich nämlich soeben auf meinem Tisch. Es ist nicht anders möglich, als daß sie aus dem Couvert Ihres letzten Briefes herausgefallen ist. Doch enthalte ich mich jeder Kritik. Sollte sie etwa auch für das Herbarium bestimmt
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| sein? Herrn Enzian freute ich mich bei dieser Gelegenheit kennen zu lernen. Bisher kannte ich unter diesem Namen nur einen dicken Kanzleirat an der Universität.
Wenn ich nun anfangen wollte, von den 3 herrlichen Sonnentagen und herrlichen Mondnächten hier, von den 62 Automobilen und dem Weißherbst von 1904, von meiner tierischen Faulheit zu schwärmen, so würden Sie das wieder als einen persönlichen Angriff auf Obstalden auffassen. Stattdessen will ich lieber schelten, daß Sie nach so kurzer Zeit wieder eine Rundfahrt beginnen, was nie zur Erholung dient. Deshalb wählt man eben einen Ort, der für 3 Wochen Abwechslung genug bietet: Gestehen Sie mit mir, wir sind beide problematische Naturen, und was uns heute gefällt, gefällt uns deshalb morgen noch lange nicht. In Ihren Briefen lese ich bisweilen mehr als drinsteht. Und das ist das Recht des Briefes, der den Moment verherrlicht. Er hat die Intensität, aber auch die Labilität des Momentes. Deshalb gehört er ins Feuer; von Abschriften ganz zu schweigen!!
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| Nur das eine schmerzt mich tief: die nicht weichenden Leiden, von denen Sie mir schreiben. Sind demgegenüber nicht 3 Wochen viel zu wenig? Sollte es nicht möglich sein, da Sie sich doch psychisch guter Ruhe erfreuen, durch einen längeren Aufenthalt hier einen wirklichen Aufschwung zu erzielen? Mir ist kein Fall bekannt, in dem sich nicht solche leichteren nervösen Zustände nach einigen Monaten geregelten Lebens gebessert hätten. Wenn Sie mir also schrieben: ich komme nicht, sondern bleibe noch 14 Tage hier, so würde ich mich sehr freuen. Wenn Sie aber kommen, so hoffe ich ein überzeugtes: "Es geht mir gut" zu hören! Jedenfalls, sollte ich das Glück haben, in Heidelberg mit Ihnen zusammen zu sein, werden wir den weißen Grenzstein diesmal sehr nahe setzen.
Und - was mich betrifft -, so bin ich allerdings nie innerlich frei und froh, am allerwenigsten außerhalb geregelter Arbeit. Es sei denn an solchen besinnungslosen Tagen, wie diesen, wo ich zwischen Wald und
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| Wirtshaus maschinenmäßig einherschwanke und mich mehr oder weniger selbst geistig betäube. Gewiß stammt diese grübelhafte Art, zu sein, aus mir u. gehört sehr notwendig zu meiner Natur, d. h. zu der einen, die andere ist nur in Berlin bekannt. Aber es kommen doch auch sehr reale äußere Umstände hinzu, die zwar keineswegs erdrückend sind, denen ich mich aber sehr oft Tage u. Wochenlang nicht gewachsen fühle.*) [re. Rand] *) ist natürlich auch nervös. Trotzdem halte ich noch heute an dem fest, was ich mir vor 1½ Jahren sagte: Wenn Du diese Krisis durchmachst, bist Du frei und durch für Dein Leben. Ich habe sie überwunden, und ich glaube nicht, daß irgend ein Ereignis, selbst nicht meine Militärzeit, mich wieder so ganz wankend machen kann, wie diese Periode. Was ich darüber in meinem letzten Brief von Ihnen sagte, ist keine Illusion, das weiß ich besser als Sie mit Ihrer s - ymbolischen Psychologie.
Seit gestern ziehen schwere Gewitterwolken nach Griesbach; aber sie verteilen sich, wenn sie an das Gebirge stoßen. Heut vor einem Jahr zogen sie mit mir
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| über den Kniebis und begleiteten mich mit ihren Schatten. Kaum jemals bin ich so wehmütig gewandert wie dort. Und sehen Sie, das ist das, was mein Verhältnis zu Ihnen von dem zu Hermann so sehr unterscheidet: das rein persönliche in uns beiden und die großen Gedankenzusammenhänge, die man Philosophie nennt, bilden für uns eine Einheit. Hermanns Denken ist unpersönlich, abstrakt. Deshalb habe ich nie rechten Mut gehabt, ihm meine kleinen Erlebnisse zu schreiben, von der letzten Disputationsperiode nun ganz zu schweigen. Da Sie mich kennen, wissen Sie, daß ich nicht einmal im Gedruckten unpersönlich sein kann. - Ich habe diese Nacht wieder darüber gegrübelt, was sich meinem Verhältnis zu Hermann gedankenmäßig abgewinnen läßt, da Sie mich danach fragen werden. Aber ich bin zu keinem Resultat gekommen. Denn für Hermann ist seine Philosophie das prius, für mich das Dasein mit Licht und Schatten.
Von Herzen wünsche ich Ihnen eine wahre Stärkung Ihrer Gesundheit. Ihrer Freundin u. Ihnen viele Grüße. Auf Wiedersehen! Ihr Eduard Spranger.