Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 20. August 1905 (Freudenstadt)


Einsam im Abendsonnenglanz am Rande des Waldes
Rast' ich und lauscht dem Wind, der in den Wipfeln schwingt.
Weithin über das Land enteilt mit dem Blick mir die Seele.
Sie, die so oft sie beschwingt: Sehnsucht entführt sie mir.
Da dann erscheint mir fern hinter Wäldern die Senkung des Neckars
Schwärzlich am Horizont grüßt mich die schwäbische Alp.
Ernsthaft, ein düsterer Streif begrenzt sie das Auge, bis dorten,
Wo sich XXX und scharf fernstes Gebirge erhebt!
Dorthin denk' ich, dort leuchtet der Hohentwiel mir entgegen
Und den bläulichen See dicht' ich mir ahnend hinzu
Dann das Schweizergebirg mit dem Säntis, dem lange Bekannten
Scheint mir das ganze Land seltsam nicht plötzlich verwandt?
Wenig frag ich nach Alpen, den vielfachen Namen der Berge
Aber ich sehe sie gern, denke so gern mich dorthin
Denn es zaubert mir nah, was ich einig dichte und sehen
In der unendlichen Welt ein mir vertrautes Gemüt.
Freudenstadt 20. VIII. 05