Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 26. August 1905 (Freudenstadt)


[1]
|
Freudenstadt, den 26. August 05.
Liebes Fräulein Hadlich!
"Es ist das schöne Vorrecht der Frauen, ihre Entschlüsse 10mal zu ändern" - so wollte ich anfangen, als mir rechtzeitig einfiel, auf welchem Wege ich hierhergekommen bin. Die neue Planänderung leuchtet mir nicht recht ein; durch einen Abstecher kann sich eine Reise wohl verschieben, aber nicht verkürzen. Ich wittere dahinter etwas von einem mir gebrachten Opfer, und das ist etwas, was ich unter keinen Umständen auf mein Gewissen nehmen werde. Könnte ich Ihren Aufenthalt in den Alpen zu Ihrem Vorteil verlängern, so würde ich um diesen Preis gern auf 14 Tage nach Königsfeld gehen. Der Gedanke, auch nur 3 Tage dort gegen ½ Tag in Hausach einzutauschen, ist doch allzu
[2]
| irrational, zumal Sie der mir sehr unbegreiflichen Ansicht sind, daß ich auf Ihre Anschauungen "Sturm laufe". Sollte, sollte das alles nicht eigentlich vor 2 Jahren längst ins Reine gebracht worden sein?!? Ist es aber aus anderen Gründen Ihr fester Entschluß, schon am 2.IX. Schaffhausen zu verlassen, so hat dann nur noch mein Egoismus zu sprechen und ich nehme mit Freuden an, was Sie mir, ohne zu ahnen, wie sehnsüchtig ich mich vom Winter an in diesen Gedanken hineingelebt habe, gütig anbieten. Dazu bedarf es meinerseits keiner Planänderung; höchstens, daß ich Freiburg nun auslasse. Glücklicherweise erhalte ich soeben von Oesterreich Nachrichten, daß er die Linie erst später passiert. Auf ihn kann ich natürlich nicht warten und noch weniger auf den biederen Mann, der von mir strikte verlangt, daß ich hier bis Anfang Sept. auf ihn harre. Zu meiner Freude höre ich, daß Sie nun also die Liebenswürdigkeit
[3]
| haben wollen, die von Oesterreich bereits angekündigte Predigt über das Thema: "Herr Gott, wie groß sind Deine Alpen" zu übernehmen. Es ist sehr gut, daß Sie einen so ergiebigen Stoff haben, denn mich müssen Sie sich jetzt denken wie einen getrockneten Pilz in der Speisekammer.
Was den Ort betrifft, so war meine Calkulation die, daß Sie, wenn Sie einmal in Heidelberg sind, von der unangenehmen Ankunftsstimmung beherrscht werden, die ich an mir wenigstens jedes Mal erfahre. Überdies könnten Sie erst am späten Nachmittag dort eintreffen. Deshalb kam ich auf Hausach. Ziehen Sie aber Triberg oder Hornberg vor, so erwarte ich Sie ebenso gern auch dort. Von Freiburg absehend werde ich dann am 3.IX. mittags v. Heidelberg weiterfahren und entweder in Marburg oder in München eine Nacht bleiben, so daß ich am 4.IX. zu Hause bin. Das ist das späteste. Ich weiß, daß mir auf der Strecke in Cassel, Wiesbaden, Hanau, Sondershausen etc. Fußangeln gelegt sind. Da aber bei der Kürze der Zeit
[4]
| für keinen etwas herauskommt, werde ich gerecht sein u. alle gleichmäßig schneiden. Dies um so mehr, als ich nicht weiß, wie weit ich am Sonntag in H. meine Gepäckangelegenheiten regulieren kann.
Hier regnet es alle Tage fürchterlich; aber teils kommt wieder Sonnenschein dazwischen, teils bin ich nicht zu enttäuschen, weil ich diesmal keine Ansprüche stelle. Sitzt doch in der Linde allabendlich lauernd der jüdische Mann, der mich 2 ½ Stden ausfragt, Unterhaltung genug! Für Ihre schönen Karten danke ich Ihnen u. Ihrer Freundin vielmals. Es ist doch nett von Ihnen, daß Sie mich wenigstens in die Karten sehen lassen. Ganz gewiß gehe ich in Berlin einmal ins Kaiser-Panorama, wenn die Schweiz dran ist. Aber im Ernst: ist es recht von Ihnen, einen Menschen, der aus lauter "Sehnsüchten" zusammengesetzt ist, die einzige, die wirklich noch nie brennend in ihm geworden ist, auch noch einflößen [über der Zeile] zu wollen?
In Ihrer Antwort erwarte ich nun die definitive Entscheidung. Mit den herzlichsten Wünschen und Grüßen Ihr Eduard Spranger.