Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 5. September 1905 (Charlottenburg)


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Charlottenburg 2, den 5. September 05.
Liebes Fräulein Hadlich!
Auf dem Balkon, zwischen Blüten und welken Blättern, halb glücklich, halb sehnsuchtsvoll - traurig, sitze ich und beginne die alten Kreise mit einigen Zeilen - an Sie. Bis Weimar durfte ich meine Gedanken in Heidelberg zurücklassen. Dann aber stiegen zwei Betschwestern ein, die Äpfel fraßen und Traktätchen verteilten. Hätten sie lieber die Äpfel verteilt und die Traktate gefressen! Auf die Minute in Berlin, fand ich zu meiner Freude alles wohl. Nur das eine bedauerten meine Eltern, daß Sie nicht von Hausach bis Berlin mitfuhren. Hoffentlich erfüllen Sie dem sonst so wunschlosen Alter doch noch einmal den Wunsch, Sie kennen lernen zu dürfen. Mich freute es, wenigstens versichern zu können, daß ich Sie diesmal gesunder antraf, als ich Sie bisher überhaupt kannte. Möge es anhalten!
Die vielen Wendungen von Nachsicht, Güte und Opfern erspare ich mir; Sie wissen
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| ja, wie dankbar ich diese schönen und diesmal auch so fröhlich-zuversichtlichen Tage empfinde. Nur dafür muß ich um Nachsicht bitten, wenn ich am Sonntag Vormittag vielleicht allzu lahm erschien. Ein vorübergehendes Mißbefinden war die Ursache - Heute nun mag es in Heidelberg sonniger aussehen, es freut mich um Oesterreichs willen. Hier war Parade, wohl mir zu Ehren, wie in Weimar das Ständchen der Regimentskapelle. So sah ich die Kronprinzessin zum ersten Male ganz nah; ein liebenswürdiges Wesen. Und in Weimar sah ich meinen alten Freund, den Hausdiener, jetzt als wohlbestallten Führherrn. Da haben wir uns beide sehr gefreut.
In meinem Koffer fand ich beifolgende Abschrift. Sie wird leserlicher sein als das Original. In der Bahn zuckte es hin und wieder etwas rhythmisch in mir. Aber die Betschwestern verekelten mir die Sache. Nämlich dies, was ich nun in Prosa sagen will: daß zwar der Glaube an Vorsehung und Gott ganz und garnicht bewiesen und wissenschaftlich ist, daß es mir aber doch ein lieber und notwendiger Gedanke ist, den ich
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| weniger missen möchte, als irgend ein Theorem. Diese wunderbare "Fügung", die uns vor zwei Jahren - eigentlich unvermittelt - zusammengeführt hat, womit für mich eine neue Epoche begann, das ist mehr als Kausalität. Den Wert dieses Ereignisses vermag ich nur auszudrücken, wenn ich mir ein Wesen denke, das uns zwar nicht immer mit glücklichen, wohl aber mit edlen, hohen Empfindungen umgiebt. Es ist weder Person noch menschlich-anthropomorph, aber das stille Individuell-Menschliche ist es gerade, mit dem ich mich an sein Herz flüchten möchte; und deshalb kann dies für ein solches symbolisches Wesen nicht unwesentlich sein. Unser Werturteil giebt ihm dieses Prädikat. Dies Bedürfnis erfüllt mich schon beim flüchtigeren Umgang mit Menschen. Wenn ich, wie ich viel das Glück hatte, gute Seelen finde, die an mir vorübereilen und vielleicht still das Tiefste in sich verbergen, habe ich das Verlangen nach einem Bindeglied zwischen ihnen und mir; ich kann mich des alten Wunsches nicht enthalten, daß Gott sie segnen möge. Dies ist bei mir ein Grundgefühl. Und das Gefühl baut sich ebenso seine
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| Welt wie Verstand und Wille.
Ein schmerzliches Trennungsgefühl läßt mich noch nicht frei. Aber glücklich bin ich doch, daß das Wiedersehen, das ich mir unter dem Namen Eberbach oder Freudenstadt oder wie gleichviel erringen wollte, zur Wirklichkeit geworden ist. Als Sie mir nach F. schrieben: "Ich werde auf das Zusammentreffen mit Ihnen verzichten müssen", da wurde auf einmal alles ganz still in mir. Ich hatte nun keinen Wunsch mehr, aber auch keine Begeisterung und keine Zuversicht. Ich kann aber auch nicht sagen, daß ich Zweifel hatte, sondern ich war stumpf und gleichgiltig. So trafen Sie mich in Hausach, in jener zweifelhaften Gesundheit, die sich nur an Fleisch- u. Biertöpfen erfreut. Es muß Ihr Kaffee gewesen sein, der mich wieder gehoben hat. Denn von da an fühlte ich mich nicht bloß mehr gesund, sondern auch glücklich und frei. Und auf dem Kümmelbacher Hof, meinem Märchenschloß, fühlte ich mich weit höher als Freudenstadt (740m) u. Mortratsch (3912 m) und weit wärmer als in Eberbach (30°) und weit einiger selbst als 3 Damen in der Schweiz, - und ich hoffe, es soll auch diesmal nicht ohne Früchte bleiben; merke ich doch jetzt schon herbstzeitlose Blüten.
Mit herzlichen Grüßen von meinem Elter und mir Ihr dankbarer Eduard Spranger.