Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 7. September 1905 (Charlottenburg)


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Charlottenburg, 2, den 7. September 05.
Liebes Fräulein Hadlich!
Wenn ich trotz siebenmaligem Ansetzen zur Arbeit bisher achtmal noch nichts gethan habe, so liegt das daran, daß ich in Gedanken noch immer bei Ihnen weile. Alles, was ich dann thue, scheint mir nicht persönlich genug, nicht genug auf Sie bezogen. Diese Gährung ist für mich ein frohes Zeichen neuer Produktivität, wie einst das erste Jahr den "Hölderlin" zu Tage förderte, eine Arbeit, in die ich trotz ihres skizzenhaften Charakters noch immer verliebt bin, weil sie für mich persönlicher ist als die Geschichte. Es wäre einfach eine Lüge, wenn ich sagen sollte, daß die Entdeckung, wie Sie mit Ihrem früheren Kommen mir doch ein Opfer brachten, mich bedrückte. Dazu denken wir jetzt zu unmittelbar, nicht mehr konventionell genug. Gewiß denken Sie von mir zu hoch. So viel Kräfte habe
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| ich leider nicht. Nur die eine Kraft wünschte ich zu besitzen, die Dilthey meinte, als er von mir gesagt hat: "Er hat so etwas Menschliches." Damals war ich wenig über 19 Jahre alt. Aber ich hoffe, sie ist gewachsen, und ich bin der Meinung, daß eben dies Bewußtsein, Glück und Leid des Menschseins mit Bewußtsein zu tragen, auch der Grund unsrer Verbindung ist. Unter diesem Gesichtspunkte bedürfen selbst die Schwächen keines Deckmantels, wenigstens keiner berechnenden Theaterpositur.
Es ist wahr, daß ich die mich tiefer reizende Aufgabe bisher noch nicht gefunden habe. Da sie eben etwas sein soll, was von allgemein menschlichem Werte ist, so liegt sie nicht an der Oberfläche. Die großen Arbeiten, die mir als eigentliche Lebensaufgabe vorschweben, kann ich noch nicht unternehmen, weil ich mich innerlich noch nicht fertig genug fühle und weder über die nötige äußere Ruhe, noch über die Weite des wissenschaftlichen Überblicks verfüge. Es kann sich also zunächst nur um Miniaturwerke und darum um kleine Schaffensfreuden handeln, es sei denn, daß
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| sich mir bald irgendwie eine lebendig-praktische Wirksamkeit eröffnet, die immer befriedigt. Entsetzlich ist mir die Aufgabe, 300 Druckseiten Rousseau zu übersetzen. Ich habe schon viermal in diesen Tagen dabei versagt und verzagt. Es ist eine nicht leichte Kunst, und doch für mich ein reizloses Handwerk, denn der Genuß des Gedankens verflüchtigt sich doch zu schnell. Mir ist es unbegreiflich, daß Goethe u. Schiller übersetzen konnten; freilich hatten sie es mit modernen Werken zu thun. - Diese Verpflichtung kann ich also nur langsam nebenbei betreiben.
Sie müssen mir also etwas helfen in der Wahl eines dankbaren Stoffes. Sollte ich garnicht zu stande kommen, so erhalten Sie einmal die Entwürfe meiner letzten Aufsätze, die mir alle nicht unwesentlich sind. 1) Über die Generationentheorie. 2) Wissenschaft und Leben. (Primat des Letzteren) 3) Über den Unterschied von Reflexion und Kunst -, um zu entscheiden, in welchem etwas fruchtbare Keime stecken. Gegenwärtig aber schwebt mir eine Arbeit über die Psychologie Wilhelm v. Humboldts vor, die Sie in meiner Diss. S. 33 motiviert
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| finden. In seinen "Briefen an eine Freundin", Reclam S. 488, die ich Ihnen empfehle und dedicieren würde, wenn mir nicht ein gewisses Etwas in ihrem Ton widerstrebte, sagt er: "Dann glaube ich aber auch viel mehr, als die meisten anderen mir an Talent sonst überlegenen Männer, das was sich auf den Zusammenhang der Gesinnungen u. Empfindungen im Menschen bezieht, studiert und erforscht zu haben. Ich habe von jeher viel an mir selbst gearbeitet, und weiß also, was im Herzen vorgeht und vorgehen kann." Nicht aber kann man apriori wissen, wie viel Neues u. Fruchtbares bei solchen historischen Arbeiten herauskommt.
Zu jeder systematischen Arbeit aber gehört eine gestaltende Kraft, die nur dann rentiert, wenn man gewiß [über der Zeile] ist, auf einer tiefen Kenntnis des Lebens zu bauen. Nun darf ich zwar sagen, daß ich redlich suche, nicht aber, daß ich am Ziel bin. Ich bin über Möglichkeit und Leichtigkeit dieser Aufgabe etwas skeptischer, als Frl. Thönes. Und schließlich gehört zu der entscheidenden Äußerung auf diesem Gebiet immer die große zornige Leidenschaft des Kampfes. Zwar ahne ich, daß mich der herrschende ästhetische Götzendienst der bloßen
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| Persönlichkeit (Windelband, Grotenfelt etc.) einmal dahin bringen wird. Die Persönlichkeit ist natürlich auch nur so viel wert, als sie leistet. Gerade dies Sündenstück ließe sich an W. v. Humboldt, diesem ästhetisierenden Staatsmann, provisorisch fein illustrieren. Gern würde ich hören, wie Sie über solche Fragen denken. Der springende Punkt nämlich liegt in unserem unvorsichtigen Kulturglauben. Otez ca, et vous ôtez tout. Die Ganzheit der menschlichen Natur und das unendlich verschlungene Gewebe unsres Daseinsgefühls widerstrebt eben jeder einseitigen Formulierung.
Ein wandelndes Beispiel dieser Persönlichkeitsanbeter hat am Montag zu seinem Leidwesen zweimal vergeblich bei Ihnen angeklopft. Ein Preis dem, der lesen konnte, was er auf die Tafel geschrieben hat. Der Herr hat keine Gnade gegeben zu seiner Handschrift. Ebenso hat er im Badischen Hof kein Zimmer bekommen, weil ich es hatte. Ich nehme fast an, daß wir zu gleicher Zeit im Hause waren. Er läßt sich Ihnen empfehlen. Da ich meine Grüße selbst bestellen
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| konnte, tröste ich mich über sein Geschick. Wer 7 Wochen in der Schweiz reist und Bilder besieht, muß auch einmal Pech haben. Freuen würde es mich allerdings, wenn ich Ihnen später einmal ein Kügelgen ins Haus rollen könnte oder einen Nieschling, der nicht nur des Anklangs wegen mein Liebling ist.
Auch auf diesen Blättern heißt es Abschied nehmen. Aber bleiben Sie mir nahe, wenn wir beide nun wieder in die tägliche und entsagungsvolle Arbeit steigen. Sie waren die Sonne, die meinem kleinen Stern bei seinem Aufgehen Licht gab; und wenn ich heute schon für die Leute meiner Kreise in einer unerwarteten Höhe erscheine, so weiß doch jeder Astronom, woher das Licht kam, und die Wärme. Ich rede nur schwer davon, aber glauben Sie mir, daß das keine Astrologie ist. --
Am Sonntag, muß ich Ihnen hiermit eröffnen, bei der Deidesheimer Auslese, bin ich Pate gewesen. Möge dem kleinen Menschenkind die Auslese ein gutes Omen sein. Habe ich doch zwei gute Feen für ihn befragt. Er wird dasselbe erleben wie wir, aber es
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| wird ihm alles ganz rosig neu erscheinen. Das Centrum der Welt aber liegt in meinem Vetter, der mich mit der Hochzeitsfrohneinladung empfing. Jedem Protzen sein Recht. Aber wie ich dazu komme, meine Teilnahme durch 4 ruinierte Tage zu dokumentieren, sehe ich nicht ein. Nur das Bewußtsein, der herrlichsten Familie, die ich auf dem Erdboden kenne (- ich bin direkt garnicht mit ihnen verwandt -) dadurch zu dienen, macht mir die Sache leicht. Ach ja!
Zum Schluß noch eins: Wenn Sie meinen Vater in seinen guten Jahren kennen gelernt hätten, die erfreulicherweise bisweilen noch in ihm nachblitzen, so glaube ich, wären Sie sehr überrascht gewesen, zu dem steifen, phlegmatischen Sohn einen so beweglichen, ich darf sagen humoristisch-genialen alten Herrn zu finden. Ich habe das früher weniger zu schätzen gewußt, als meine Freunde. Aber es war etwas sehr Schönes. Der Kontrast freilich ist groß, weil ich ganz die Natur meiner Mutter habe. Sollten Sie ihn nicht mehr sehen, wünschte ich doch, daß Sie sich dieses Bild von ihm machten. Er war immer ein Herr der Situation, wenn er nicht nervös war. Deshalb hat er sich auch nie um meinen
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| Kram gekümmert, ausgenommen, wenn die Karre einmal schief ging. Dann hat er immer den Kopf oben gehabt. Für Ihren Onkel hatte er immer eine besondere Verehrung. Jetzt hat er sie voll und ganz auf Sie übertragen.
Die Karte aus Neckargemünd kam erst nach mir an. Meine Mutter läßt Ihnen für Ihre freundlichen Grüße herzlich danken. Sie schnuppert jetzt immer in den Schweizer Karten herum.
Auf den Schluß folgt jetzt das Ende. Mit herzlichen Grüßen von uns allen auch an Ihre Freundin
Ihr
Eduard Spranger.