Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 21. September 1905 (Charlottenburg)


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Charlottenburg, den 21. September 05.
Liebes Fräulein Hadlich!
Wenn der Herbstwind die Blätter von den Bäumen schüttelt, fegt er einen Strom von Fremden über uns stille Großstädter hin ... da kommt die Freudenstädter Karawane, 80jährige Damen (seit 5 Jahren zum letzten Mal), schlössersüchtige Ehepaare mit zugehörigen Kaffees, Kuchen und derlei ungenießbaren Sachen. Seit Tagen hoffe ich vergebens, mich in eine Sache, die mir empordämmert, versenken zu können, und wenn wirklich einmal Zeit wäre, so verführt mich die klare Herbstluft, unsere blauen Havelseen zu besuchen, auf denen die stillen weißen Segel dahinstreifen, an deren Ufern die noch hellgrün schimmernden Gärten schweigen, und die obstbaumumgebenen Dörfer leuchten. Dann erfaßt mich noch einmal lebhaft das Bewußtsein von der Poesie des Lebens, von der Möglichkeit und Wahrheit eines tiefen, weil unergründeten Genusses, ehe der Winter beginnt,
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| dessen Poesie für mich allein die Arbeit und der menschliche Umgang ist. Denn einen solchen Umgang führe ich auch durch die Bücher hindurch; dann lebe ich mit Rousseau in der Eremitage, einsam, ärmlich, von niederen Menschen umgeben, und genieße mit ihm den Reiz, von der höchsten Gesellschaft verhätschelt und gesucht zu sein, gerade weil er ihr entfliehen zu können scheint. Und diese Gesellschaft selbst, durch und durch krank, aber voll Geist, voll Leidenschaft, voll Sehnsucht nach geistiger Erlösung durch die Propheten ihrer Litteratur. Dahinter - von ihr ungeahnt - der schwarzdrohende politische Himmel, der Tanz auf dem Krater, ihre glänzenden Lieblinge gehetzt von der Angst des Zusammenbruchs, den sie sehen: alles so menschlich, so wunderbar verkettet und doch verständlich, gleichsam ein Fest in der Gewitternacht der Weltgeschichte. Könnten Sie ahnen, wie da bisweilen das Verlangen wächst, mit diesen Menschen noch intensiver zu leben, sie noch näher kennen zu lernen und das verschüttete Pompeji wieder auszugraben. Das ist die eigentliche historische Stimmung, ein ästhetischer Genuß, der den der Natur vielfach übertrifft. Sie sehen
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| zugleich, daß Rousseau, dieser unvergleichliche Geist, der zugleich so durch und durch Mensch war, mir allmählich näher rückt. Noch aber schwankt mein Interesse zwischen ihm und der, freilich abgeklärteren, Humanitätsperiode, deren Hauptheros W. v. Humboldt allerdings von Haym so unübertrefflich geschildert ist, daß man tief schürfen muß, um Goldadern zu finden. Ich ahne hier etwas ganz Tiefes, das mir selbst noch halb von Nebel verhüllt erscheint. Ein Gespräch mit Professor Borchardt hat mich erst die richtige Formel finden lassen. Die Aufgabe ist, die philosophisch-technische Formulierung, die die Humanitätsidee bei Schiller u. Humboldt gefunden hat, als identisch nachzuweisen mit dem Leben der Zeit, z. B. mit seiner Projektion in Wilhelm Meister, aber auch mit der Wirtschaft, dem Bildungswesen, etc. Zugleich zu zeigen, daß dieses Problem in einer gewissen Kulturlage mit innerster Notwendigkeit auftritt und daß es also für uns fortbesteht.
Das Vorhandensein einer Fragestellung ist für mich Bedingung meiner nie leidenschaftslosen Produktivität. Die große Gesundheit, deren ich mich zuletzt erfreute, ist diesem
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| Arbeitszustande nicht günstig. Um arbeiten zu können, müssen meine Nerven in einem gewissen Reizzustand sein. Ist dies nicht der Fall, schweigt Minerva. Ich habe buchstäblich zu dem Zweck, wieder reizbarer zu werden, meine Nerven erst wieder gewöhnen müssen. Daher habe ich mich in der letzten Zeit ganz ungewöhnlich schlecht gefühlt, aber ich darf über diese Bedingung alles Schaffens nicht klagen.
Was Sie mir von der Axenstraße erzählt haben, hätte mich erschrecken sollen. Bekanntlich aber erregen bekannte Dinge keine Furcht. So sehe ich Sie auch leichteren Herzens am Abgrund wandern, als ich selbst einer Kindheitsepisode gedenke, die tiefer griff. Es ist fast unmöglich, ohne diesen Gedanken an einem Abgrunde zu gehen: Jede Ihrer Begleiterinnen wird tiefer oder schwächer Ähnliches empfunden haben. Das "Experimentieren mit dem Willen" von dem Prof. Groos in seinem "Spielen der Menschen" spricht, erstreckt sich notwendig auch hierauf. Dieses Experiment nimmt nur dann ein ungünstiges Ende, wenn nur auf diesem Wege Lebensintensität zu gewinnen ist. Noch der Sterbende will leben oder über Leben herrschen. Nur die unendliche Wonne, die der Gedanke gewährt,
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| liebende und treue Menschen mit sich in den Abgrund schmerzvoller Vernichtung zu reißen, der unendlichen Gottheit ein Massenopfer zu bringen, führt zu diesem Schritt. Wer nicht weiß, daß er in anderen eine unendlich tiefe Wunde schlägt, lebt weiter. Sie hatten das Bewußtsein, auch so über diese andern zu herrschen, Sie wußten, daß Sie Centrum eines innig an Ihnen hängenden Kreises sind. Deshalb ist Ihre Theorie von der bloßen Verantwortung vor sich selbst, so sophistisch mit der Unmöglichkeit eines "Nachweises" begründet, bodenlos falsch und ein Beweis, daß Sie Ihre Weltanschauung daraufhin revidieren müssen, ob sie Ihnen giltige Normen für das Verhalten des Moments gewährt. Gott sei Dank ist da unser Gefühl, bei aller Wärme, besonnener und vernünftiger, als der angeblich so haltgebende Verstand. Was mir ein Recht giebt, Ihnen dies zu sagen, ist zu schmerzlich, als daß ich daran rühren möchte, wennschon Sie von von mir eine gleiche Offenheit fordern könnten. Wollen Sie mir also glauben?
So leicht, wie Paulsen im Nietzsche-Kultus, findet sich der moderne Mensch mit diesen Dingen nicht ab. Ich schicke Ihnen diese Aufsätze brühwarm nach Erscheinen - daher sind sie ge
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|bunden noch nicht zu haben - wegen der hübschen Zusammenstellung über Goethe, dann auch wegen des klassischen Aufsatzes über Bildung und wegen der liebenswürdigen Poesie in der Dorfschule, die er mir s. Z. als Antwort auf mein persönliches Bekenntnis ihm gegenüber schickte.
Diesmal lege ich Ihnen eine Sammlung von Curiositäten "zur Ansicht" bei, auf die Gefahr hin, sie damit und mit der gelegentlichen Rücksendung zu bemühen. Die Huttenbilder stammen aus dem Nachlaß des berühmten Lutherforschers D. Knaake und sind von den Holzschnitten durchgepaust, die vor s. Originalschriften geheftet waren. Ich halte sie für gut und hätte sie s. Z. gern vor m. kl. Publikation gesetzt, wenn mit dem wunderlichen Herrn W. zu verhandeln gewesen wäre. Die ferner beiliegenden Briefe bedeuten den Anfang einer interessanten Bekanntschaft. Der Absender, ein mir bis dahin ganz unbekannter Theologe, etwas älter als ich, ist nach seinem eignen Ausdruck einer von den noch Suchenden und Ungeordneten, der bisher nur von Eucken tiefere Einflüsse empfangen hat. Sein persönlicher Besuch, zwischen dem
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| ersten und zweiten Brief liegend, war mir eine Freude. Er ist der Verfasser einer Aufsehen erregenden, mutigen, symptomatisch höchst bedeutsamen, aber ebenso unklaren Schrift "Der Theologe auf Schleichwegen", in der er mit seinem bisherigen Beruf, der für ihn nach wie vor Herzenssache ist, bricht. Seine letzte, demnächst erscheinende Schrift handelt über Wildes psychologische Konstitution. Meine Sachen kennt er auswendig und besser als ich. Meine Diss. gedenkt er nach tieferer Einarbeitung in den Stoff zu recensieren. Er hat hierüber mit Prof. Rade, dem Herausg. der Christl. Welt korrespondiert, der meine Arbeit bereits kannte und ihm nähere Ratschläge gab. Auch in seiner Correspondenz mit Troeltsch hat er sie erwähnt. T. soll sehr ausführlich geantwortet haben, ohne mich jedoch zu berühren. - Sein zweiter Brief, m. E. ein Dokument irrenden Suchens, denn es giebt keine bloß psychologische Selbstbildung, wird Ihnen näher rücken, was mir der Briefwechsel mit Ihnen bedeutet und weshalb ich s. Z. auf die "Kunstform" der Philosophie so tiefen Wert legte. Es ist etwas Herrliches, dieses Ringen
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| der jungen Generation; glauben Sie nicht, daß wir wieder oder noch einmal einer großen geistigen Blüte entgegen gehen? Denn diese Auffassungsart ist neu und muß zu einer Vertiefung unsres Daseins führen. - Auch deshalb lege ich Ihnen ausnahmsweise diesen Originalbrief bei, weil Sie daraus sehen, daß die Ausbildung der bloßen Persönlichkeit, wie sie Humboldt sie wollte, auch heute noch blüht, weil man nicht daran denkt, daß in der Wirkung der Persönlichkeit ihr Wert liegen muß. Nietzschekultus!! Psychologie ohne Ethik ist so undenkbar wie Kunst ohne Ethik. Erinnern Sie sich bitte meines Briefes über die Unzulänglichkeit der Windelband'schen Unterscheidung: "Normen u. Naturgesetze."
Natürlich hat mich dies alles sehr tief bewegt und mich wieder viel theologisch nachdenken lassen. Der Standpunkt Kügelgens geht für mich aus allem unberührt hervor. Er ist bei aller Abschließung nach außen groß, stark, und ich wünschte seinem Vertreter einen noch selbstgewisseren Enthusiasmus. Leider vergeblich. Ich würde über diesen Gegenstand längst geschrieben haben, wenn es möglich wäre, ehe Troeltsch, was er entschieden einmal muß, zu meinen Ansichten Stellung genommen hat.
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Neulich ging mir eine Zeitschrift "Das Leben" zu; mit der stillen Aufforderung - es war eine nicht öffentliche Probenummer - der Mitarbeiterschaft. Was ist nun das "Leben"? So interessant und pikant ist es mir nie erschienen. Immerhin charakteristisch dafür, wie die neue Literaturrichtung, wie unsre elend verrottete Künstlerschaft "Das Leben" sieht. Wer es in der Geschichte gesehen hat, denkt anders darüber.
So müssen Sie auch Goethes Schweizerreise als ein subjektives Bild auffassen. Es ist die Schweiz, wie sie sich in dem Ministerauge spiegelte. Sie stammt aus Goethes politischster Zeit. Einen lebendigeren Eindruck werden Sie von der zweiten Schweizerreise [über der Zeile] 1779 haben, die als Anfang zum Werther gedruckt ist und Sturm und Drang lebhaft wiederspiegelt. Vergessen Sie aber nicht, daß auf den Eindrücken von 1797 der Tell beruht! - Oesterreich, nicht kompetenter als Goethe, findet die Schweizer durchgängig abscheulich, alles sehr teuer und fand sich durch den Gedanken erfreulich abgekühlt, daß es allenthalben nicht besser ist und werden wird. Das ist Unsinn. Ich reise nie ohne ideale Erfrischung. Alles ist auf meiner Fahrt gesund, deutsch und erhebend gewesen.
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| Dumm waren die Leute vielfach. Dafür aber giebt es Führer in den Städten der Bildung.
Daß Sie mir nichts von Ihren Arbeiten gezeigt haben, muß ich Ihnen doch übelnehmen. Stehe ich vor Ihnen in der Vollendung? Gerade das Subjektive, was Leben hat, und wenn es sich, wie bei Ihnen, mit gründlicher Schulung verbindet, vermag mir allmählich die Augen für die zeichnenden "Kunstfertigkeiten" zu öffnen. So viel über meinem Schreibtisch von Ihnen hängt, thun Sie doch noch zu wenig für mich. Wer weiß, wann ich armer Conskritierter Heidelberg wiedersehe, und ich hatte Sie doch darum gebeten! Glauben Sie , daß die Schwetzinger Pferde mir ein Ersatz dafür waren? Hätte ich Sie in Ihrer künstlerischen Projektion gesehen, trauen Sie mir nicht zu, daß mich das im Verständnis der Kunst gefördert hätte? Denn ich vertraue darauf, daß sie mir nur deshalb noch fernsteht, weil ich sie in ihrem ursprünglichen Zusammenhange zu verstehen beanspruche, der immer historisch ist.
Ungern nehme ich Abschied von Ihnen. Leben Sie wohl. Viele Grüße an Ihre Freundin. Von meinen Eltern und mir herzliche Grüße
Ihr
Eduard Spranger.