Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 26. September 1905


Formsinn

Formsuchend ja ist unsres Lebenspfad
Zum Kunstwerk soll ein jeder sich gestalten,
Und wo des Willens blinde Triebe walten
Erwacht die Sehnsucht nach dem Maß der That.
So aber fügte es des Schöpfers Rat:
Kein Wesen soll sich aus sich selbst entfalten,
In sich allein die Zeugungskraft enthalten,
Wodurch es der Vollendung Weihe naht.
Männliche Schaffenskraft soll sich verbinden
Mit Friedigung, die nur den Frauen ward:
Nie in sich selbst wird sie dies Wunder finden.
Doch wo sich beides miteinander paart
Und sanfte Formen strenges Thun durchwinden,
Tritt "Menschlichkeit" in helle Gegenwart.
26. September 1905
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Alexander und Wilhelm v. Humboldt

Mich führt der Weg auf der Geschichte Spuren
Durch ferne Zeiten und manch fremdes Land;
Vergangnes Leben, innigst mir bekannt,
Enträtselt mir was Menschen je erfuhren.
So gleich' ich jenen beiden Dioskuren,
Die, so wie ich gezeugt von märk'schem Land,
In ihrem Suchen, ihrem Ziel verwandt
dereinst sich teilten in der Erde Fluren.
Den einen trieb's, in ferner Weltanfahrt
Bei immer neuen Volkern sich zu betten;
Wilhelm - zu sagen, was das Herz verwahrt.
An dieses Werk will ich das meine ketten:
So dann vertrau ich meines Daseins Art,
Wie er geliebt, dem Formsinn von Sonetten.
26. September 1905