Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 27./29./30. September 1905 (Charlottenburg)


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Charlottenburg, vom 27.IX.05. an.
Liebes Fräulein Hadlich!
Soeben bin ich von einer halbnächtlichen Bootsfahrt in Potsdam mit Oesterreich und mit Gewitter stark durchnäßt zurückgekehrt, wobei ich die Arbeit und Oe. den ästhetischen Genuß stark empfunden hat. Ich schicke dies voran, um die Lahmheit meiner Handschrift und meines Geistes zu entschuldigen.
Ihr letzter lieber Brief war eine psychologische Analyse ersten Ranges. Mit der "schlechten Psychologie" war es ja immer nur Scherz. Ihre Ausführungen stimmen aber diesmal so mit meinen Ansichten überein, daß ich mir mein Spezialvergnügen, denselben Witz bei gleicher Gelegenheit immer zu wiederholen, diesmal versagen muß. Unser "Deutscher" Lehrer in Prima hätte mir das Doppelte diesmal in diesem Satz entschieden angestrichen. Auch Sie wer
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|den dies thun, da Sie eine große Kunstferigkeit besitzen, hinter stilistischen Zufälligkeiten etwas zu vermuten. Ich quittiere aber über Ihr Lächeln.
Über Ihre letzten Auseinandersetzungen habe ich nichts zu bemerken, als daß ich Sie verstehe, und zwar noch tiefer verstehe, als aus den bloßen Zeilen hervorgeht. Sie müssen mir nun aber auch stillschweigend versprechen, Wort zu halten; damit nicht ein finster-dunkler Geist wie durch Wallensteins Hand durch "unseres" gehe. Ein solches Worthalten kann schwerer werden als man es ahnt. Aber wenn wirklich Ihr Leben als ein Ganzes vor Ihnen steht, wenn Sie wirklich den Moment des bloßen Sich-selbst-Erlebens, wie ich ihn verstehe, zu vermeiden wissen, wenn Ihr Werturteil über menschliche Beziehungen nicht ganz in die Irre geht, muß es Ihnen leicht werden. Wir sind, sagt Sokrates, von Gott auf einen Posten gestellt, und kein guter Soldat darf je diesen Posten eigenmächtig verlassen.
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| Ich kenne kein tieferes Symbol für diesen tief-religiösen Glauben, der natürlich in den Naturalismus logisch nicht einzuordnen ist.
Das Wichtigste für heute ist dies. Ich habe von Hermann eine Karte erhalten, die mehr verschweigt, als mitteilt. Es mag sein, daß der 10.X., den er für sein Kommen nach Berlin festgesetzt hat, zeitig genug ist. Aber wozu das Schicksal auf eine Probe stellen? Der Fall, daß jemand das mündliche Examen beginnt, ohne seine Examinatoren zu kennen, ist mir eigentlich nicht vorgekommen. Ebensowenig der, daß jemand auf alle Proben und tentomina mit Freunden verzichtet. Obwohl ich mich ziemlich selbständig fühle, habe ich mich von sachkundigen Freunden in Geschichte prüfen lassen. Ich finde darin nichts Herabsetzendes. Ich möchte auf Hermann in dieser Hinsicht nicht einwirken. Sie vielleicht könnten es eher thun und sich meinetwegen auf Herrn Ruge berufen. Aber raten Sie ihm doch ja, seine Ankunft hier nicht unnötig hinauszuschieben. In
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| Geschichte ist zuverlässig Hintze sein Examinator, den ich nicht nur aus eigener Erfahrung kenne, sondern bei dem ich auch Übungen 2 mal, Vorlesungen ca. 5 mal so oft als Hermann mitgemacht habe. In Philosophie rate ich auf Rudolf Lehmann oder Paulsen. Der erste ist mir indirekt aus Schilderungen bekannt. Bei einem so subjektiven Gebiet wie Philosophie aber muß man sich nicht nur auf das Fach, sondern auch auf die Person vorbereiten. Ich habe für Hermann keinerlei Befürchtungen; aber ich halte es doch für ratsam, sich die Sache mindestens technisch zu erleichtern.
Mit Prof. Riehls Schriften habe ich mich inzwischen etwas bekannt gemacht. Sie geben das angenehme Bild eines hervorragend wissenschaftlichen Mannes und einer Philosophie, über die die Tageshelle eines unvergleichlich klaren Denkens und eines vollendet lichtvollen Stiles ausgebreitet ist. Ich hoffe Sie gelegentlich mit ihm selbst näher bekannt zu machen. Er ist ein Meister in der Naturwissenschaft und vielleicht der einzige Universitätsphilosoph, der Nietzsche durch glänzende Vorstellung und künstlerisches
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| Verständnis gerecht geworden ist. Eine Verwandtschaft zwischen seinen und meinen Ansichten finde ich in weit höherem Maße, als ich es erwartet hatte. Mein Nachbar, Dr. Renner, ein Schüler und Anhänger von ihm, lobte meine Schrift bis auf die mangelnde Ausführlichkeit sehr. Er wird vom nächsten Jahr an eine philosophische Wochenschrift und Litteraturzeitung herausgeben, für die er mich zur Mitarbeit bereits verpflichtet hat. Die Fülle neuer Bekanntschaften fängt allmählich an, mich zu verwirren. Denken Sie sich die Lage, wenn ich am Vormittag Renner auf alle Metaphysik schimpfen höre, am Nachmittag von dem kleinen Scholzerfahre, daß wir durchaus etwas Metaphysisches brauchen und morgens Hahns Psychologie, mit Euckenscher Metaphysik gemischt, vernehme. Man muß dann entweder an die durchgängige Dummheit der Menschen glauben oder an der Möglichkeit allgemeingiltiger Standpunkte, wie ich thue, sehr zweifelhaft werden.
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| Dies führt mich Riehl in die Arme, der wie ich, Weltanschauung für Kunst hält. Wenn Ihnen Herr Ruge vielleicht einmal den 3. Band seines philosophischen Kriticismis verschaffen könnte, so werden Sie dort 8 Seiten Proben aus Hegels Naturphilosophie finden, die dieser ernste Mann ausdrücklich in der Absicht, Hegel lächerlich zu machen, abgedruckt hat. Der Erfolg ist mehr als zwerchfellerschütternd. Wußten sie z.B., daß die Sonne nichts als das objektiv gewordenes Sehen ist? Und kennen sie die philosophische Theorie der Verdauung?
Paulsen ist krank aus Norwegen zurückgekommen. Oesterreich war bei ihm; ich werde ihn erst in den nächsten Tagen sehen.
Eine Schrift meiner Humboldt-Studien lege ich Ihnen bei. Wenn ich zu behaupten wage, daß meine Zeilen etwas formvollendeter sind als Humboldts Stückverse, so kommt dies auf Rechnung der gebildeten Sprache, die "für uns
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| dichtet und denkt". Für die Fortsetzung keine Garantie. Aber was geschieht, werde ich noch sekretieren.
Durch einen mir unbegreiflichen Zufall muß ich mich bald nach meiner Rückkehr wieder überarbeitet haben. Ich habe wohl zu vielseitig und intensiv unter den mannigfachen äußeren Einflüssen nachdenken müssen und fühle mich daher schon seit mehreren Tagen wieder recht kopfschwach. Wenn ich denke, daß mich dieser Zustand, der gegenwärtig ja zu kurieren ist, einmal in eine amtliche Stellung begleitet, so macht mich das recht mutlos. Und wenn man mir nun gar zumutet, für die Hochzeitsfeier mich auf eine komische Rolle zu präparieren, so bin ich fast in Gefahr, die täglichen menschlichen Dinge mit etwas überlegener Verachtung zu betrachten. Unter diesen 60 Leuten, die ich geistig sämtlich in die Tasche stecke, werde ich mich wohl als unfähiges Subjekt produzieren müssen.
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29.IX. Hinter diesem Strich habe ich zwar Tage ganz gegen meiner Gewohnheit verbummelt, litterarisch gänzlich wertloses Zeug geschrieben, eine dreistündige völlig resultatlose Diskussion mit Hahn gehabt, erfahren, daß Freund <unleserlicher Doppelname> seinen Verlag aufgiebt u.s.w.
Meine Gestione stehen seltsam. Die mir lieb gewordene Humboldt-Arbeit habe ich aufgeben müssen, weil ich gesehen habe, daß vor Vollendung der Akademieausgabe seiner Werke über diesen Gegenstand nichts gearbeitet werden kann, ein mir schmerzlicher Verzicht.
Noch mehr beschäftigt mich eine andre Sache. Paulsens Befinden hat sich nach Auskunft des Mädchens verschlechtert. Ich muß vermuten, daß nun auch diesen kraftvollen Mann eine nervöse Erschöpfung ereilt hat. Schwere Stürme müssen es gewesen sein, die dieser <ein Wort unleserlich> Eiche etwas anhaben konnten. Amtlicher Ärger, den er nie nach außen merken läßt, muß dabei mitgewirkt haben. Die Philosophie geht über ihn hinweg. Er selbst entfremdet sich ihr immer
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| mehr und nähert sich der Theologie. Es schmerzt mich, wo ich hinhöre, ihn angegriffen zu finden. Denn ich gehöre zu denen, die die Existenz einer vollendeten, gefestigten Persönlichkeit höher schätzen als jedes philosophische System. Sein Verhängnis aber für die gegenwärtige Zeit ist das zu Fertig-, zu Geschlossensein. Der Lebensnerv dieser Zeit ist die problematische Stimmung, das Ringen und Suchen. Deshalb war es sein Verhängnis, daß er sich zu früh, getragen von großem schriftstellerischem Erfolg, metaphysisch ausgesprochen hat. Die Tragik der Metaphysik ist es, daß sie für die eigentliche Weiterentwicklung keinen Raum läßt, daß sie also rein äußerlich schon nicht gestattet, jung zu bleiben. Und Paulsen hätte jung bleiben können. Er hat noch nie ein prophetisches Wort über unser Unterrichtswesen ausgesprochen, das sich nicht in 5 Jahren wörtlich erfüllt hätte. Aber ich glaube behaupten zu dürfen, daß er seine "Einleitung" heute selbst nicht mehr zu halten vermag, daß er einen tiefen Spalt zwischen seiner "Ethik" und dem eigentlichen Suchen der philosophischen Generation verspürt. Dies tragische Gefühl, für einen Gelehrten von 59 Jahren sehr früh,
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| muß ihn erfüllen. Es ist dasselbe Gefühl, das Münch erfüllt, der mir doch sagte, er halte sich - mit 63 Jahren, für jünger als Paulsen -: die Unzufriedenheit mit der gegenwärtigen Kulturlage. Diese Unzufriedenheit, von jedem denkenden in allen Zeiten empfunden, wird nur für den drückend, der den Weg nicht mehr sieht, auf diese Kulturlage thätig und fördernd einzuwirken. Paulsen wird Zeit seines Lebens der Heros unsres Unterrichtswesens bleiben. Aber der Philosophie ist er entfremdet, und er sieht deutlich, daß diese Philosophie demnächst auch das Unterrichtswesen ergreifen und erschüttern muß. Erschüttern, denn das Grundgefühl dieser Philosophie ist doch das - "Weh' mir, den Weg habe ich verloren und also auch das Ziel."
30.IX. Dieses mixtum compositum muß nun endlich abgeschlossen werden. Das nächste Mal weniger, u. dafür inhaltreicher. Nur in Bezug auf den letzten gestrigen Satz möchte ich hinzufügen, daß Kügelgen, dem "in theologicis nachgerade alles völlig unklar wird" Hahns Broschüre "völlig labyrintisch und konfuse findet." So erscheint mir z.Z. auch der Mann selbst. Es sollte mich freuen, wenn dem Manne geholfen werden könnte. Aber leicht wird es nicht sein.
Daß Sie an Ihrem Unterricht immer mehr Freude finden, freut mich umso mehr, als ich im Winter 1903/04 ähnliches porphezeit zu haben meine, auch in Griesbach im Nebel. Hoffentlich haben Sie ein großes <li. Rand> Kapital an Gesundheit aus der Schweiz mitgebracht. Herzliche Grüße auch von m. Eltern Ihr Eduard Spranger.