Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 12./13. Oktober 1905 (Charlottenburg)


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Charlottenburg 2, den 12. Oktober 05 ff.
Liebes Fräulein Hadlich!
Das Ausbleiben der Grunewaldkarten erklärt sich daraus, daß ich mich in der letzten Zeit ausschließlich auf dem glatten Boden der Salons und Säle bewegt habe. Die so gefürchtete Hochzeit habe ich mit Genuß absolviert. Dies Resultat überrascht mich nicht; es war bisher stets so Jammer um die Formalitäten, um den Zeitverlust (4 Tage gänzlich!), um die endlosen Besorgungen, die verlorene Nacht, das ist der Anfang. Nachher reißt mich der Strudel fort, die rasch wechselnden Bindungen und Lösungen der Geselligkeit berauschen mich, die stille Zurückgezogenheit während des Tanzes hat ihren eignen Reiz u.s.f. Es wäre ja auch merkwürdig, wenn diese Gelegenheit, so viele Menschen offen vor sich daliegen zu sehen, mich nicht anziehen sollte. Freilich muß ich
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| von vorneherein einer gewissen Geltung sicher sein; wie Ihnen unmöglich entgangen sein kann, ertrage ich es nicht, irgendwo eine Rolle zweiten Ranges zu spielen. Davor nun behütet mich der lächerliche musikalische Ruf, der mir meistens vorausgeht und der auch ohne tiefere Selbstprüfung den mangelhaften Boden aller sozialen Schätzungen zeigt. Überdies waren in dieser Gesellschaft viele so seltene, vorzügliche Menschen, deren innerlicher Wert ohne jeden äußeren Anspruch auftritt, daß ich mich wohlfühlen mußte.
Indessen sind diese Betrachtungen für Sie sehr langweilig. Nur das werden Sie mir glauben, daß ich auch solche Dinge tief in mich aufnehme und bisweilen lebhaft wünschte, Ihnen diese oder jener Seele in dem ganzen Zusammenhang, wie ich sie verstehe und schätze, zeigen zu können. Das ist natürlich unmöglich. Und damit komme ich auf Ihre beiden Fragen. Was Hermann betrifft, so habe ich sie eigentlich schon häufig genug
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| beantwortet. Ich will aber noch deutlicher werden, da Sie es wünschen. Ich vermisse an Hermanns Standpunkt folgendes: er scheint mir deshalb nicht wahr, weil er mir nicht aus einer tiefen, reinen Aufnahme des Lebens hervorgegangen zu sein scheint. Oft kommt er mir wie eine Spielerei vor, wie das Werk eines Menschen, der aus nichts Gold zu machen sucht, und dabei die Edelmetalle, die in ihm selbst liegen, nicht einmal mit in den Schmelztiegel wirft. Es ist alles nicht natürlich, nicht bodenständig und naturgewachsen, sondern der bloße Abklatsch einer Richtung, die einmal da war und die deshalb besticht, weil sie gleich einer Amoure verspricht: hier ist restlose Welterkenntnis zu haben. Die giebt es natürlich nicht ohne Leben in der Welt, ohne langjährige Erziehung. Es ist der hochmütigste Unsinn, den ich je gehört habe, daß ein junger Mensch per Tradition die durchdringende Einsicht in die Welt empfangen zu haben meint. Bei Lasson weiß ich, es ist durchgängiges Lebenselement geworden und hat sich mit allen anderen Faktoren
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| bewußt auseinandergesetzt. Sonst hat dieser Standpunkt für mich etwas direkt Lächerliches, den ich bei ernstem Bemühen bei Hermann doch noch ernst zu nehmen vermag, weil ich die moralische Absicht anerkenne. Der Weg aber führt - auch bei ihm - zum Gegenteil, nämlich zum Wissenshochmut, der nichts mehr dazulernt. Hegel hatte wenigstens die wissenschaftlichen Momente seiner Zeit, soweit sie die geistige Seite betrafen, in sich aufgenommen, und darin lag seine hervorragende systematische Größe. Wenn er schon für die naturwissenschaftliche Seite Bankrott machte, so gilt dies für Hermann Hadlich, der am Anfang seiner wissenschaftlichen Orientierung steht, noch mehr. Dies ist der springende Punkt.
Und er hängt mit dem zweiten eng zusammen. Da ist garnichts Unklares, Problematisches mehr drin. Metaphysik, als Gesamterkenntnis der Welt, ist entweder überhaupt unmöglich, oder erst am
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| Ende des wissenschaftlichen Lebens möglich. Denn da sie sich allein von den positiven Wissenschaften nähren kann u. über kein eignes wissenschaftliches Verfahren verfügt, so ist sie bestenfalls eine Vereinigung der bestehenden Wissenschaftsresultate zu einer geschlossenen, einheitlichen und zugleich die Bedürfnisse des Gemüts befriedigenden Weltansicht. So z.B. die relativ verdienstliche Metaphysik Wundts, Paulsens und Euckens. Solange aber die Einzelwissenschaften unvollendet sind, bleibt auch die Gesamterkenntnis unvollendet. Dazu kommt ferner, daß mit der Ausbildung der Einzelwissenschaften, ihre Widersprüche und Unvereinbarkeiten immer deutlicher werden. Bleibt trotzdem ein Einheitsstreben, so ist dies eben ein Gemütsbedürfnis, nicht mehr reine Wissenschaft. Deshalb sind metaphysische Systeme "Opiate des Verstandes"[über der Zeile] Riehl, sie anticipieren die Erkenntnis da, wo sie noch nicht ist, sind daher im besten Falle Anticipationen einer einmal
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| zu leistenden Erkenntnis, andererseits aber Religionssysteme u. Kunstwerke. Sie sollen leben helfen. Sie bedeuten deshalb Kompromisse, relative Überbrückungen der Widersprüche. Und ich persönlich gehöre zu denen, die an eine absolute Überbrückung der Widersprüche mit intellektuellen Mitteln nicht glauben. Dies lehrt die Geschichte der Philosophie. Und mich kümmert nur die Lebensaufgabe der Jetztzeit, nicht, was etwa im Jahre 4440 einmal sein könnte. "Weg und Ziel verloren", ist also nur ein Ausdruck für die unendlich vervielfachten Schwierigkeiten unsrer Zeit in ihrem dringenden Harmoniestreben.
Diese schnell hingeworfenen Gründe unterliegen für mich eigentlich kaum einem Zweifel. (?) Die Insuffizienz der Metaphysik für alle und jeden ist der beste Beweis. Sie leistet eben nirgends,
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| was sie zu leisten vorgiebt. Das ist alles ganz klar.
Um nun auf etwas andres zu kommen - denn es ist viel aufgelaufen inzwischen: Als ich die blutige Abschlachtung von Herrn Ruges "Fichte" in der Dtsch. Litt. Zeitg. durch Theobald Ziegler las, wurde mir für meine zu erwartenden Recensionen etwas ängstlich zu Mute. Inzwischen ist die erste nennenswerte erschienen (denn Helmolts lustige Revue in Hamburger Correspondenten, die meiner Geschichtstheorie "von vorneherein eine längere Lebensdauer prophezeit" als diese nutzlosen Dinge verdienen, ist nicht zu zählen; sie fügt dann auch gleich hinzu: "Bis der nächste kommt.") Ein ernster, einsichtiger und sorgfältiger Kritiker hat mir in der englischen Vierteljahresschrift "Mind", die Nietzsche für die beste phil. Zeitschrift der Welt erklärte, große Ehre erwiesen. An bevorzugter Stelle, nicht unter den Recensionen, sondern unter den "Critical notes", die eine Auswahl aus
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| den symptomatisch bedeutsamen Erscheinungen giebt, werde ich mit Simmel und Grotenfelt eingehend behandelt. Natürlich hat Simmel den Vorrang. Aber der Inhalt meiner Schrift ist mit glänzendem Geschick sehr ausführlich wiedergegeben. Meine Ergebnisse werden als prinzipiell identisch mit denen Simmels charakterisiert. Das einzige, was ich gegen S. einwende, erscheint dem Ref. "full of force". "The real weakness" meines Standpunktes findet er in dem individualpsychologischen Ausgangspunkt. Zum Schluß verweist er den Leser auf Abschnitt I. u. II., where there is much interesting discussion. Der Verleger hat sich riesig gefreut. Auch die Kölnische Volkszeitung hat den Inhalt ihrer Gepflogenheit entsprechend wiedergegeben. Nach Abwägung aller Faktoren finde ich in der Würdigung der "Mind" eine Aufsehen erregende Kundgebung, wie ich sie im Stillen gehofft habe. Sehen Sie durch die Löcher des Philosophenmantels die Eitelkeit? Dies bringt mich
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| auf ein Weiteres.
Gestern war ich bei Münch. Ein vereinsamter Junggeselle, der der Jugend das frohe Schaffen mißgönnt und überall nur sieht, wie wenig zu erreichen ist. Dies historische Bewußtsein brauchte er mir gerade nun auch nicht zu predigen. Leider liest er nichts von der angefeindeten jungen Generation, oder doch nur die Bilderstürmer, die es immer gegeben hat und geben wird. Hat ein Pädagoge das Recht, so sein erkaltetes Greisengefühl allgemeingiltig zu setzen? Warum schreibt er dann noch Bücher, und zwar so schnell, daß sie überall das tiefere philosophische Leben der Zeit übersehen? Kann man so schnell mit "Erfahrungen" die wiegende Arbeit aufrichtiger Sucher annullieren? Und wenn auch weniger dabei herauskommt, als sie selbst meinen, ist deshalb jeder Standpunkt schon einmal dagewesen und nicht jeder neue Standpunkt wieder eine persönliche That von notwendiger Lebensbedeutung? Nach ihm
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| besuchte ich Reuther, der mich über die Ablehnung eines mir wertvollen Planes dadurch tröstete, daß er ihn, obgleich fast ebenso alt, mit Feuer beibehielt und mir sagte: "dazu gehört eben jugendlicher Schneid. Und wenn Geheimrat M. auch ein sehr hervorragender Gelehrter ist: den hat er doch nicht!" Die interessevolle Freundschaft dieses Mannes wird mir immer wertvoller. - Mein pädagogisches Grundgefühl schildert Ihnen beiliegendes Rankesonnett. Ich brauche wohl nicht zu versichern, daß diesem rein persönlichen Tagebuch kein dichterischer Ehrgeiz beiwohnt. Dieses schon vor längeren Tagen entstandene Dokument wurde übertönt durch den anderen Eindruck, den II. schildert. Nun machen Sie Metaphysik draus, und nehmen Sie Münch hinzu!! Wer wollte diese Unendlichkeiten erschöpfen, wenn die Schöpfkelle, die einem zur Verfügung steht, doch nichts andres sind als allgemeine Begriffe. Schon für meinen Hund ist nur der Name Hund viel
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| zu matt. Halten Sie es für einen Gewinn, wenn ich - alles was ist - auf einen allgemeinen Begriff bringe und sage: dies ist "das Sein." Das ist doch wirklich nur Hokuspokus, und wennschon sich "Natur" besser anhört, so ist es nicht viel beser, weil sich unter diesem Namen nicht die Natur verbirgt, die die Naturwissenschaft bearbeitet, sondern eine ästhetisch erlebte Natur. Dies aber müssen Sie durchaus unterscheiden: Metaphysik als vorgebliche Wissenschaft und sog. metaphysiche Erfahrungen. Letztere sind natürlich da, sie sind es eben, was wir als "Ahnung von den verborgenen Quellen des Lebens" bezeichnet haben. Nur darf die Wissenschaft diese Erfahrungen nicht hypostasieren. Sie hat mit ihnen nur so weit zu tun, als sie in den Bereich psychischer Erlebnisse fallen, also als Psychologie. Hypostasieren Sie diese Erfahrungen, so entstehen daraus Religionen oder Weltanschauungen; beide, bes. aber die letzteren, sind wegen ihres produktiven, auf harmonisierende Einheit drängenden Charakters Kunst.
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| Nennen Sie das auch noch Wissenschaft, so kann ich Ihrer Terminologie nicht wehren. Aber wo ist wohl die Ähnlichkeit zwischen mathematischer Physik und Ihrem ästhetischen Naturpantheismus? Verschiedenen Dinge aber soll man auch verschieden benennen!

13. Oktober 1905.
Alles Ird'sche ist vergänglich,
Nur der Aalschwanz ist was länglich.
Und dieser Brief auch. Und dabei bin ich noch nicht einmal auf die wichtigsten Sachen gekommen. Wenigstens habe ich noch nicht davon gesprochen. Vor allem davon, wie sehr es mich freut, daß Sie jetzt so gut bei Gesundheit sind. Sorgen Sie nur dafür, daß es von Dauer ist. Dazu bedarf es keiner Ängstlichkeit, nur - einer andauernden Selbstbeherrschung. Auch mir geht es besser. - Hermanns Adresse ist wie früher Klopstock - Str. 32; doch kann ich für die Nummer nicht garantieren. Denn zum Behalten von Hausnummern brauche ich - ganz im Gegensatz zu meinem Vater - durchschnittlich 3 Jahre. (s. Bunsenstr.)
Um nun endlich zum Schluß
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| zu kommen, will ich nur noch von meinem Besuch bei Paulsen, der heute endlich Erfolg hatte, erzählen. Er leidet an Herzschwäche, die auf Blutarmut beruht, und wenn ich dazu zähle, was seine unvergleichliche Energie von diesem Zustande abzieht, so finde ich ihn nicht unbedenklich. Wie er selbst sagt, wird es sehr lange dauern, und ich habe noch nicht einmal das Vertrauen dazu, daß er sich schont. Als er die Treppe heraufstieg, war er völlig ein Greis. Als er saß, wieder die Freundlichkeit voll Humor und Geist selbst. Ich hoffe, daß wir ihn durch Frau Professor so weit in die Hand bekommen, daß wir sicher sein dürfen, daß wirklich alles, was geschehen kann, geschieht. Mindestens wünschte ich, daß er eine seiner beiden Vorlesungen aufgäbe; vielleicht kann ich ihn später auch für die Mechanotherapie gewinnen.
Während der Unterhaltung kam sein Jugendfreund Prof. Reutter, dem die Geschichte des gelehrten Unterrichts gewidmet ist, hinzu, ein Mann von dem seltensten Gemüt und Humor, obwohl er
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| halb blind ist. Unvergeßlich wird es mir sein, daß mich Paulsen mit den Worten vorstellte: "Mein Freund Herr Dr. S." Ich fühle welche Verpflichtung darin liegt. Umso glücklicher bin ich, jetzt an seinem eigensten Werke weiterzuarbeiten. Denn ich habe Humboldt u. F.A. Wolf jetzt wieder aufgenommen. Als ich die Wichtigkeit der Akademieausgabe erwähnte, meinte er, daß ich daran doch mitarbeiten könnte. Wer weiß, wie ablehnend er zur Akademie steht, sieht darin wieder seinen großen selbstverleugnenden Charakter. Ich habe aber den Vorschlag abgelehnt, weil ich diese "akademische Unfreiheit" noch viel schwerer als das Oberlehrertum ertragen würde. Für Altenstein u. Humboldt sagte mir Prof. Reutter, einer der besten Sachkenner, in rührender Weise seine Unterstützung zu. -
Mir ist schon öfter das Bedenken gekommen, daß diese Manöverberichte für Sie eigentlich nur ein sehr geringes
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| Interesse haben können. Eigentlich sollte ich Sie nur mit reifsten Früchten, die von meinem philosophischen Bäumchen fallen, speisen. Aber es gehört zu meinen Eigenheiten, Ihnen den Hintergrund, auf dem alles wächst, nicht zu ersparen, weil ich das - zwar nicht sachlich für so unendlich Festhaltenswert - aber doch zum Verständnis meines philosophischen Standpunktes für wesentlich halte. Haben Sie keine Zeit dafür, so will ich mich künftig an Ihre Fragen halten. Denn in einem? klingt schließlich auch das aus, was ich erlebe.
Ich will noch einmal versuchen, ob Hermann dahin zu bringen ist, Riehls "Philosophie der Gegenwart" unbefangen in sich aufzunehmen. Dies Meisterwerk an Klarheit u. Unanfechtbarkeit wird ihm vielleicht unanstößiger sein, als Dilthey, der sehr viel selbst Erlebtes voraussetzt. Für dessen Einleitung schrieb mir übrigens Hahn einen begeisterten Dankbrief. Sie war für ihn das erste wissenschaftliche Ereignis, weil sie ihm lauter Antworten
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| auf alte Fragen bietet.
Damit schließe ich diesen Beitrag zum Unendlichkeitsproblem, mit dem Wünsche, daß Ihnen das unwürdige Wetter nicht den frohen Mut zerstören möge. Auch ich walte gern im Kreuzgrunde, wenn es nicht die Glückseligkeitstheorie anders wollte. Bitte empfehlen Sie mich Ihrer Freundin.
Mit herzlichen Grüßen von meinen Eltern und mir
Ihr
Eduard Spranger.