Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 27./31. Oktober 1905 (Charlottenburg)


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Charlottenburg, den 27.X.05. ff.
Liebes Fräulein Hadlich!
Das scheint ja jetzt eine nervenfeindliche Jahreszeit zu sein; alle Welt klagt, und wer nicht klagt, behandelt einen gereizt - zum Beweise dessen. Daß es Ihnen nicht gut geht, verstehe ich durchaus; wer sollte bei dieser nebelfeuchten Kälte Stimmung behalten? Und die Stimmung beherrscht das Befinden, nicht umgekehrt. Dies ist meine Metaphysik. Sie unterscheidet sich von Ihrem Glauben an die durchgängige Gesetzmäßigkeit dadurch, daß sie sich zu einem grenzenlosen Optimismus der Zweckmäßigkeit bekennt. Der Obersatz meines Daseins - wenn ich bei mir selbst bin - ist der: Es muß möglich sein zu leben, d. h. es muß auch möglich sein, der Intensität dieses Lebens lustvoll innezuwerden. Mögen die Formen eines solchen Daseins noch so verschieden sein, sie sind Anpassungsprodukte von individuellem Wert. Diesen Anpassungswert bezeichnen wir mit unsrer allzustumpfen Terminologie häufig auch als die Wahrheit
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| eines Standpunktes. (Ein Hinweis darauf, daß auch in der Wahrheit im üblichen Sinne des Wortes ein ähnliches Moment mitwirkt.) Die schlimmsten Feinde einer solchen individuellen Wahrheit sind Gewohnheit und gesellschaftliches Vorurteil. So viel Weisheit in ihnen verborgen liegt, giebt es doch eine Grenze, von der an sie nur ertötend wirken. Dies war der Zielpunkt des Rousseau'schen Kampfes. Ebenso empfinde ich häufig - für mich - eine große Unwahrheit in der modernen Forderung nach Wissenschaftlichkeit. Auch hierin viel Berechtigtes. Ich würde nie eine historische Arbeit schreiben ohne die (mühsam erlernte) subtilste Anwendung der historischen Methode. Aber ich werde nie glauben, daß darin allein die Rechtfertigung für die Existenz einer solchen Arbeit liegt. Vielmehr trifft es den Nerv meiner Anschauungen, wenn mir Hahn heute schreibt, er wolle lieber den Vorwurf des wissenschaftlichen Dilettantismus tragen als Dilettant des Lebens sein. Ganz vortrefflich gesagt! Darin liegt der Wert von Naturen wie Paulsen und Treitschke. Darin aber liegt auch eine Verurteilung des gegenwärtigen Wissenschaftsbetriebes, der nur ein Kriterium kennt: Ausschöpfung von Quellen und Litteratur. Doch darf man wider
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| diesen Stachel nicht löcken, ehe man nicht gezeigt hat, daß man zwar auch dies könnte, es aber nicht aus Unfähigkeit, sondern aus Charakter verschmäht, d. h. nach heutiger Organisation: frühestens als Professor av. Ohne durch diese Schule gegangen zu sein, kann man ja auch garnicht entscheiden, wo die Werte der bestehenden Litteratur liegen, wo nicht. Denn irgend etwas Wertvolles muß ja denn doch wohl erarbeitet sein.
Diese lange Rechtfertigung quasi vor mir selbst gilt meinen Humboldtstudien, die mich vor ein ganz ungeheures, unverarbeitetes Material stellen. Da müssen Briefregister, Zettelsammlungen etc. angelegt werden, für ein Ziel dessen Wert ja schon vor Beginn der Arbeit empfunden war, das nun aber erkämpft werden muß, wie jede naturwissenschaftliche Theorie ihre Verifikation braucht. -
Die Post beginnt symbolisch zu werden. Meine Wirte in Freudenstadt, die mir die Ankunft eines kleinen Mädchens anzeigen wollten, erhielten ihren Brief zurück mit dem Vermerk: "Adressat
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| verstorben". Es ist so. Der poetische Mensch der Freiheit stirbt allmählich unter der besinnungslosen Vielgeschäftigkeit eines wissenschaftlichen Winters. Sehr früh zu einer breit geachteten Position angelangt - und leider auch durch betrübende Dokumente des Neides davon überzeugt - bin ich bei schwacher Constitution oft den vielseitigen Anforderungen nicht gewachsen. Absichtlich halte ich mich daher von vielem zurück, was mir offen stünde. Aber da mich das psychische Bedürfnis nach Einsamkeit in erheblichem Maße verlassen hat, entbehre ich bisweilen ihre physischen Wohlthaten. Dabei soll nun die Arbeit und Selbstbildung immer fortgehen; denn nichts ist gefährlicher und erregender, als nicht assimilierte, resp. verdaute Stoffe. Ist doch alle Wissenschaft schließlich nichts als persönliche Aneignung, kein Abbild, sondern eine persönliche Formung, wie dies besonders Simmel in s. glänzenden Buch über "Probleme d. Geschichtsphilosophie", das meines halb überflüssig macht, nachgewiesen hat. Nur eines allerdings hat er nicht hervorgehoben: den (bei mir Kap. X.) betonten zweckmäßigen, normativen Wert dieser subjektiven Formgebung, die wir an den Realitäten vollziehen, für unser gegenwärtiges Dasein. Dies ist u. bleibt seine Grenze.
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31.X.05.
Das erste Blatt ist solange liegen geblieben, daß ich eigentlich von vorn anfangen müßte. Da die Ursachen aber noch andauern: Vielgeschäftigkeit und nervöse Abspannung des Kopfes, die wieder akuter als je auftritt, mag es bleiben, weil ich sonst nie zur Absendung kommen würde.
Sie wollen gewiß etwas von Hermann hören. Ich bitte Sie aber, aus verschiedenen Gründen, hauptsächlich aus dem, daß er für mich selbst verschlossen bleibt, diesmal noch darauf zu verzichten. Daß er mich bei seinem absichtlichen Abschließen von allem Umgang überhaupt aufsucht, ist immerhin ein Beweis von Vertrauen. Aber von eigentlicher Freundschaft ist bei solchem In- sich-selbst-Verbergen um so weniger die Rede, als der andere doch ganz genau weiß, daß etwas künstlich verborgen wird, und die Rätselraterei das Verhältnis nicht inniger macht. Auf diese Weise kommt es thatsächlich dahin - was er sich verbeten hatte, - daß man genötigt ist, den Freund als psychologisches Forschungsobjekt anzusehen und ihn unter allgemeine Kategorien zu bringen. Jede allgemeine Reflexion stört aber die Unmittelbarkeit des Gefühls. Dieses Abschließen nach außen verbindet sich mit einer unverhältnismäßigen
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| Schätzung der Persönlichkeit, die in ihrer Vollendung ja nicht von der rauhen Außenwelt gestört sein möchte. Diese Erscheinung beruht auf der natürlichen Freude an der Beobachtung des Ablaufs eigner seelischer Prozesse, die aber nur ihrer Neuheit wegen wirken und deshalb später nur nach ihrer objektiven Leistung geschätzt werden. Hermann ist Hyperion-Hölderlin. Dieses Stadium zu überwinden, giebt es nur zwei Mittel: Ausfüllende Aufgaben und freundschaftliches Aufschließen. Das letztere muß so vollkommen sein, daß es bis auf den Grund der Seele greift. Hermann ist auch in Heidelberg gewesen und hat es dort doch nicht gefunden. Es muß also doch wohl nicht an dem Ort liegen. Dazu gehört natürlich, daß man etwas wagt. Es gehört dazu sogar ein Kampf, den ich redlich mit Ihnen geführt habe. Selbsterlebte Gewißheit kann ja nicht wegdiskutiert werden, wofern sie nur erlebt wird. So schreibt mir Hahn in seinem letzten Brief, gegen Troeltsch gewandt: "Während wir die Wahrheit im wirklichen Durchleben der Dinge suchen und gar nicht nach rationalen Kriterien verlangen, suchen die Älteren immer aus dem Lebendigen
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| etwas Logisches herauszudestillieren, trotzdem sie wissen, daß es nicht zu finden ist." etc. Deshalb ist nur der für mich ein ganzer Mensch, der sich an die Fülle des realen Stoffs hingiebt und vielfache Reibung mit der Außenwelt sucht. Sie allein stärkt das seelische Leben, nicht das Herumwenden und Kneten eines bereits vorhandenen innerlichen Besitzes.
Über die äußeren Vorgänge werde ich Ihnen in kurzem Nachricht geben. Gegenwärtig macht mir selbst das Briefschreiben hemmende Beschwerden. - Paulsens Krankheit betrübt mich andauernd. Es hat tief gegriffen. - Riehl hat seine Antrittvorlesung gehalten, ein Mann, der mit dem Auge sein Auditorium im Moment beherrscht, ein Mann, ein Charakter, nach Dilthey! Ob auch ein guter, qui le sait? Was er sagte, war nicht erschütternd.
Am Sonntag war ich wieder in dem melancholisch-reizvollen Tegel. W. v. Humboldt ergreift mich wie ein Lebender; nur fürchte ich, daß der unbeschreibliche Genuß, den die historische Versenkung mit sich führt, zumal in eine mir jetzt schon so intim bekannte Zeit, mich zu sehr absorbiert. Die Absicht dabei
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| ist folgende: Praktisch mitwirken auf irgend einem Kulturgebiet kann nur der Kenner seiner Geschichte. Will ich also einmal über das Bildungsideal u. s. Organisationsformen mitreden, so muß ich tief in diese Materie hineinsteigen. Denn nur so ist Einsicht in die Kräfte u. Ziele der betreffenden Lebenserscheinung zu gewinnen. Ich kann mir nicht denken, daß jemand ohne kunsthistorische Bildung ein großer Künstler sein kann.
Was Sie vom "Begriff" sagen, ist ganz mein Standpunkt. Bloße Begriffsbestimmung führt nicht weiter. Dieser fundamentale Gegensatz: induktiv-historische und deduktiv-begriffliche Methode beherrscht z.B. auch die Nationalökonomie. Meine Liebe zu Schmoller, über den jetzt jeder dumme Junge zur Tagesordnung übergeht, beruht darauf, daß er beschreibt und nachlebt, statt zu deducieren aus unzulänglichen Begriffen.
Majestät hat mich gestern im Vorgarten der Universität durchdringend betrachtet; er hat jeden einzeln angesehen und gegrüßt. Wie Sie wissen, bin ich nicht der Meinung von Frl. Thöess, die der Modestimme folgt, sondern halte den Kaiser für einen großen, ehrlichen Kämpfer, u. das deutsche Volk wird es bedauern, daß es ihn nicht geliebt hat, als es Zeit war.
Herzliche Grüße von uns allen. Hoffentlich geht
<li. Rand>
es Ihnen i.d. besser!! Ihr Eduard Spranger.