Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, Oktober 1905


Sonette III-IV

Jugend
Wo mag der Kern wohl meines Wesens liegen?
Wie oft im bunten Spiel der raschen Welt
Hat diese Frage sich mein Herz gestellt;
Doch niemals hat es zweifelnd mir geschwiegen.
Wenn alle Zukunftsträume mir versiegen,
Ein Glaube bleibt, der meinen Weg erhellt:
Fährt doch Natur, wie auch die Stunde fällt,
Mit Anmut fort, die Jugend zu umschmiegen.
Du wunderwirkende Gestaltungskraft
Läßt immer Neues, Reines sich beleben,
Wie schmerzlich schon der Todesriß uns klafft;
Harmonisch aber fühl' ich mich umschweben
Zukünft'ge Seelen. - Wer sie bildend schafft,
Kann sich - im Mensch - zur Ewigkeit erheben.
4.X.1904
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Schnell

Im leichten Rausch der schnellen Festesstunden
Da schlingt sich wohl ein tiefer greifend Land;
Gefällig spielend hat der Freude Hand
Mit Blumen schnell die Wirklichkeit umwunden.
Wie oft schon hab ich solchen Sinn gefunden:
Nach Glück ist dir das schnelle Herz entbrannt;
Der Gier nach Glück, ihr hieltest du nicht stand,
Und schon hat ihre Fessel dich gebunden.
Mitleid ergreift mich; Mitleid mit dem Los
Der Sterblichen, die diese Welt nicht kennen,
Denn grausam birgt ihr feindlich-dunkler Schoß.
Unsägliches. Die Leidenschaften kennen
Heißt sie besiegen; aber hoffnungslos
Wird die Gefahr, wenn wir zu ihr entbrennen.
12.X.05
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Glückseligkeitslehre

Kann ich dir zürnen? Ach, des Menschen Herz
Muß einen Gott in seinem Glanz erbarmen;
Des Lebens Glut begehrt es zu umarmen
Und immer zieht die Welt es niederwärts!
Endlos erneut sich stets der gleiche Schmerz:
Wer je geboren ward, in ihren Armen
Trieb ihn die Sehnsucht zu erwarmen,
Und immer fand er diese Brust von Erz.
Ja, zwischen Leid und trauernden Entsagen
Vollendet sich des kurzen Daseins Kreis,
derselbe Kreis von wonnevollen Tagen,
der uns mit Jubel zu erfüllen weiß.
Vermagst du's, diese Lehre zu ertragen,
Nichts andres kenn' ich; komm zu mir, so sei's!
12.X.05