Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 10. November 1905


10. 11. 05
Mit unbeschreiblicher Rührung denke ich an meinen gestrigen Besuch bei meinem alten Lehrer Fichte. Diese Freude und herzliche Freundschaft, nachdem wir uns fast 6 Jahre nicht gesehen haben, - und doch ganz als wären wir vor einem Monat auseinandergegangen, hat mich unendlich erquickt. Dieser warm fühlende Großneffe des spartanischen Philosophen schenkte mir dabei: eine Zigarre, eine Karte, einen Separatabzug. ... Gestern war ich in einer Gesellschaft philosophisch angehauchter jüdischer Juristen. So viel Unklarheit, auch über ihre eigene Wissenschaft, habe ich selten in so kurzer Zeit beisammen gehört. ...Geben Sie sich doch ja dem Eindruck der russischen Begebenheiten recht intensiv und eingehend hin. Das ist der einzige Weg, auf dem wir dem gefährlichen Ideal einer bloß ästhetischen Selbstvollendung, unter dem Deutschlands Größte gelitten haben, entgehen. Dante ist auch meine Sehnsucht seit langem. Vorerst hat die "Götterdämmerung" mir mein altes Wagner-Problem wieder lebendig gemacht, ohne daß ich Hoffnung habe, dazu zu kommen...