Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 15. November 1905


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15.XI.05.
Liebes Fräulein Hadlich!
Heute fange ich gleich mit dem Foliobogen an. Es wird ein bloß historisches Referat werden, um die Fülle des Stoffes loszuwerden. Der "Brief" folgt nach.
Also: Hermann hat gestern mit fröhlichem Mut und guter Fassung seine Klippe überwunden, und Sie müssen ihn nunmehr als "Kandidaten des höheren Lehramts" titulieren. Gern hätte ich ihm gewünscht, daß er auch in einem der anstellungsberechtigenden Fächer die "Oberstufe" erreicht hätte; aber ich gestehe Ihnen, daß ich gleichfalls solchen Anforderungen gegenüber versagen würde. In Deutsch ist er wohl von Kinzel (NB. meinem u. Ludwigs Lehrer in Prima) etwas brüsk behandelt worden. In Geschichte scheint ihm die Arbeit vorweg den Weg verschlossen zu haben. Hermann hatte eine zu große Auswahl von Fächern. Es war so gut wie unmöglich, damit zu prosperieren. Schade, daß er nicht statt Philosophie die facultas für Deutsch bekommen hat; denn da in Ph. nicht unterrichtet wird, ist sie für die Anstellung ziemlich wertlos. Er wird diesen kleinen Anhänger in ½ Jahr erledigen, und gewiß wird ihm dann auch auf diesem Gebiet das Glück so hold lächeln, wie es sich ihm sonst
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| in diesem Sommer gezeigt hat.
Der Abend bei Scholz war mir sehr interessant. Wir sprachen von R. Wagner, Kügelgen, Ritschl und - da ich mir vom Sommer her quasi: Grüße zu bestellen erlaubte - auch von Ihnen. Scholz besitzt keine leichte, scharfe Ausdrucksgabe; alles was er sagt, bleibt etwas nebelhaft. Sein ganzes Wesen aber war mir um so sympathischer, als es ganz das von Kügelgen ist. Soweit wirkt ein großer Meister (Ritschl) auf den ganzen Menschen ein. Dieselbe Nüchternheit, derselbe, bisweilen etwas weitgehende Sarkasmus und dasselbe kulturbejahende Christentum. Über Ritschl u. s. Richtung hatte ich eine fundamentale Auseinandersetzung mit ihm. Er freute sich, daß wir beide das Schleiermachertum seines Sohnes überstimmten. Seine Frau Gemahlin zeigte mir den schön gebundenen eigenhändigen Briefwechsel mit Ritschl, worum mich Kügelgen wahrscheinlich bis zum Gelbwerden beneiden wird. Von Ihnen sprach er mit rührender, warmer Erinnerung. Er gedachte seines Besuches
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| in Pankow, des tiefenden Eindrucks, den Sie als Konfirmandin auf ihn gemacht haben, aber auch mit aufrichtigem Bedauern, der Enttäuschung, die ihm Ihr Vergraben in einen gewissen Pessimismus gemacht habe. Das alles auszudrücken, machte ihm große Mühe. Ich habe es nicht gewagt, ihm diesmal schon zu sagen, daß uns eine nähere Bekanntschaft verbindet. Nur die Nachricht von Ihrer Krankheit im vorigen Jahr griff er als erklärenden Faktor verstehend auf. - Die Dankbarkeit des - NB. ganz anders gearteten, etwas salbungsvollen Sohnes - für kurze Gespräche macht mich jetzt glücklicher, nachdem ich die Atmosphäre des Hauses kennengelernt habe. Wir hören zusammen ein sehr schlechtes Kolleg über Ritschl, u. haben heute angefangen, es auf dem gemeinsamen Heimwege nach Kräften besser zu machen.
Hier muß ich nun einschalten, daß mir Ihr Pessimismus zu denken giebt. Sie wissen und fühlen ja, daß ich im Grunde nicht umhin kann, die von Ihnen selbst geschaffene naturalistische Welt für stark pessimistisch zu halten und an Ihren gegen
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|teiligen Versicherungen zu zweifeln. Wenn Sie an eine optimistische Zweckmäßigkeit glauben, so frage ich Sie: wie bringen Sie die Sätze miteinander in Einklang: "es geschieht jederzeit das Beste" und "es geschieht jederzeit das, was nach Gesetzen notwendig ist?"}+ [li. Rand] + Natürlich sagen Sie: das fällt zusammen. So sagte Leibniz auch schon. Das ist aber, wie jede Identitätsphilosophie, mehr frommer Wunsch als Wirklichkeit. Ist das Christentum nicht eine viel höhere Anschauung, das da sagt: es geschieht vielleicht nicht immer das, was unsrer Einsicht als das für dieses Individuum Beste erscheint; aber wir betrachten die Welt und das ganze handelnde Leben prinzipiell unter dem Gesichtspunkte, daß es so sein muß? Es ist nicht meine Absicht, Sie in Kollisionen mit sich selbst zu bringen, aber nicht ganz ungern würde ich etwas "von der revisionistischen Bewegung "in Ihrer Weltanschauung hören. Sie haben Elemente drin, deren Lebenswert mir zweifelhaft erscheint. Warner zu sein, ist das bescheidene Recht, das ich für mich in Anspruch nehme.
Was Sie über "Wahrheit" sagen, ist in der That ganz das, was ich meine. Es ist sehr fein ausgedrückt. Warum halten Sie diesen (so subjektivierten) Ausgangspunkt nicht auch im übrigen fest? Aber davon
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| sprach ich ja schon in Hausach sehr ausführlich. Wenn ich wüßte, daß Sie durch meine so häufigen Bitten um Rücksendung nicht zu sehr belästigt werden, würde ich Ihnen ein dahin gehöriges Ms einmal zusenden. Sie leiden noch immer unter der intellektualistischen Übergewalt der Naturwissenschaft. Die neue Widerlegung dieses Standpunktes, die ich plane, dürfte Sie aber wohl kaum mehr überzeugen, als so lange Reden, die ich - schon in die Theologie übergreifend - gehalten habe. Die Worte von Scholz allein würden mir nicht so großen Eindruck gemacht haben - stehe ich doch nicht mit der Geistlichkeit im Bunde - wenn ich nicht bei meiner ersten Abreise nach Hausach einen ganz leichten Eindruck mitgenommen hätte. Was ist eine Weltanschauung, die nicht leben hilft? Schreiben Sie mir doch darüber einmal etwas ganz Prinzipielles, wie weit gehorchen Sie Ihrem Verstand?
Vielleicht amüsiert Sie folgendes; von dem häufig ziemlich ungerechten Grillparzer herrührendes Urteil über W. v. Humboldt,
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| der sich zurückziehen durfte, nachdem er gezeigt hatte, daß er aktiv Großes wirken konnte:
"W. ist mir zuerst durch s. Briefwechsel [über der Zeile] (1856) m. Schiller widerlich geworden und durch s. hölzerne Spekulation in Sachen der Ästhetik und Kunst.
Dieser Pedanterie widerspricht allerdings [über der Zeile] scheinbar s. Briefwechsel mit einer Frau, der allerdings vortrefflich ist. Ich glaube aber, er hat damals, über s. eigne Dürre erschrocken, sich ein sentimentales Zugpflaster auflegen wollen und daher auf gut Glück ein Frauenzimmer gewählt, mit dem er im Feuer exerzieren konnte. Endlich blieb er in der spekulativen Grammatik hängen, und in diesem Sandboden gediehen seine Kartoffel." (Bd.XVIII 105.)
Mich stört die Leidenschaftslosigkeit und das Glück dieses Mannes. Vermag ich aber unter diesem Gesichtswinkel einmal das Leben zu sehen, so ziehen s. Briefe mich sehr an.
Hahns Wilde ist längst vor der persönlichen Bekanntschaft mit mir geschrieben. Sie sehen darin so denk den bloß litterarischen Einfluß meiner Aufsätze, die z. T. wörtlich citiert sind. Bei s. Unterscheidung von Denkkraft u. Intellekt kann ich mir
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| garnichts zulässiger denken. Interessant war mir, daß Sie ganz andere Punkte herausgelesen haben als ich. Dies spricht für s. wunderbare Begabung. Er war ganz erschrocken, als ich ihm sehr warm über diese kleine Schrift schrieb. Sie enthält aber potentiell wahrhaft große Züge.-
Denken Sie sich, wie freudig es mich heute überraschte, daß Prof. Hintze m. Diss. in dem Jahrbuch für Gesetzgebung und Verwaltung (Her. von Schmoller) selbst ausführlich besprochen hat. Mit unerwartetem persönlichen Wohlwollen stellt er mich zunächst vor als "einen begabten jungen Philosophen, der sich vorzüglich an Paulsen angeschlossen, übrigens auch tüchtige geschichtliche und staatswissenschaftliche Studien getrieben hat". In der sorgfältigen Inhaltsangabe fällt manch anerkennendes Wort. Zum Schluß heißt es:
"Die kurze Inhaltsangabe (2 große Seiten) wird den Charakter der Schrift genügend gekennzeichnet haben; zu kritischer Stellungnahme zu den vorwiegend erkenntnistheoretischen Ausführungen fühlt Ref. keinen Beruf; in der allgemeinen Auffassung
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| steht er dem Vf. zu nahe, um erhebliche Einwendungen zu machen. Es sei nur noch bemerkt, daß das Büchlein ebenso von Geist und Bildung wie von schriftstellerischer Gewandtheit zeugt; nur hat man zuweilen den Eindruck, daß das geschickte Hin- u. Herwenden der Probleme etwas zu umständlich ist im Verhältnis zu den erzielten Resultaten."
Ein Bild, das alle Referenten mit Begeisterung aufgreifen, scheine ich in dem "Kristall" geschaffen zu haben, der wieder "in den fließenden Zustand psychischen Geschehens" zurückgebracht werden muß.
Können Sie mir vielleicht sagen, ob Prof. Max Weber in Heidelberg in positiver Beziehung zu Windelband - Troeltsch - Lask steht?
Der Rumäne Dr. Gusti hat die von Liszt veranlaßte Besprechung an Prof. Barth in Lpzg (Vierteljahresschr. f. wiss. Phil.) abgesandt. Die Aktien haussieren z. Z. Gott sei Dank.
Obwohl noch nicht fertig, will ich diese Zeilen zunächst absenden. Hoffentlich geht es Ihnen recht gut; und Ihrer Freundin auch. Mit herzlichen Grüßen von uns allen Ihr getreuer Eduard Spranger.
[li. Rand] Wie kann es Sie wundern, daß Paulsen Sie kennt?