Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 27. November 1905 (Charlottenburg)


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Ch. 2, den 27. November 1905.
Liebes Fräulein Hadlich!
Oh mes rêveries, si douces et si pleines de charme, mes soirs si tranquilles et silencieux, que je vous ai perdus! Quand retrouverai-je mon âme, quand reviendra-t-il, le retour chez moi-même? Vorige Woche bin ich 4 mal eingeladen gewesen und habe mich beinahe ebenso oft amüsiert. Wo bleibt da die Sammlung, wo es noch dazu in eine Zeit trifft, die innerlich eine der produktivsten für mich zu sein scheint! Ehe mich die Woge wieder entführt, will ich Ihnen danken, und mehr noch für Ihren Brief als für das interessante Buch. Interessant ist es mir im höchsten Grade, daß weiß ich, wennschon ich bisher nur das erste Kapitel lesen konnte. Die historische Besinnung des Arztes ist ein ganz eignes Problem, zumal wenn sie mit so universellem Bewußtsein geschieht, wie hier. Die Acceptierung Rickerts erkläre ich aus lokalen Einflüssen. Sie hat aber eine noch tiefere Bedeutung. Die Geschichte der Medizin ist eine werdende Wissenschaft. Sie beginnt daher mit dem Thatsachen-Sammeln und Verknüpfen.
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| Dieses früheste Stadium der Geschichtswissenschaft bringt R.s Theorie deutlich zum Ausdruck. Später wird es sich darum handeln, die typischen Anschauungen vom Wesen des Körpers u. der Krankheiten zum Ausdruck zu bringen. Man wird die Geistesverfassung der Ärzte der Vergangenheit aus der allgemeinen Natur der menschlichen Denkweise erklären. Man wird da nicht nur sagen, was nacheinander geschehen ist und wie es in kausalem Zusammenhang gestanden hat, sondern man wird aus allgemein-psychologischen Erwägungen zugleich verstehen, daß es damals so geschehen mußte, man wird die Wissenschaftsgeschichte durch typische Coexistenzen und Abwandlungen gleichsam unterbauen. Das ist ja aber hierfür garnicht so wesentlich. Wichtiger ist wohl die Entnahme eines Bewußtseins über die Linie, in der sich der Fortschritt der Wiss. vollzieht, aus dem Wege, auf dem sie bisher fortgeschritten ist. Ich werde Ihnen demnächst Näheres über dieses Buch schreiben, s dessen wohlfundierte Wissenschaftlichkeit auch den Laien sofort anzieht. - Sollten Sie demnächst einmal irgendwo bei mir irgend eine Stelle lesen, was noch nicht sicher ist, so werden Sie übrigens um ein Lächeln nicht herumkommen.
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Vorerst bitte ich Sie, mir nicht zu zürnen, wenn ich nunmehr behaupte, daß Ihre neuesten Äußerungen über Ihren geistigen Grundstandpunkt mir beweisen, daß Sie langsam, unbemerkt und sicher da angelangt sind, wo ich selbst seit Anbeginn stehe. Ihre Ansichten sind sich innerhalb unsres Briefwechsels nicht so gleich geblieben, als Ihnen möglicherweise scheint. Ihr ganzes Denken hat sich nach und nach subjektiviert. Sie betonen es ausdrücklich, daß in Ihrem Gefühl, in Ihrem persönlichen Erleben und Erfahren der Welt, der Ausgangspunkt Ihrer Weltanschauung liegt. Aber auf diese methodische Einigung kommt es mir heute weniger an, als auf den I[über der Zeile] nhalt Ihres Standpunktes. Gewiß, er ist pessimistisch; darin besteht seine Wahrheit. Er ist ein getreues Spiegelbild und Produkt Ihres Lebens. Und nun meine Kritik: dies alles haben Sie so erlebt. Ich frage, weshalb haben Sie es so erlebt? Weshalb haben Sie dagegen nicht gekämpft und den von mir formulierten Pessimismus durchgesetzt, der da sagt: Das in mir lebende sehnsüchtige Bewußtsein soll und muß doch Recht behalten? Sie haben mir das Negative in einem Weltanschauungssymbol hypostasiert. Warum nicht das Positive, das Scholz Ihnen s. Z. gezeigt haben muß, den unendlich herrlichen Ausweg im Ritschl'schen Sinne, nach dem
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| das Christentum besteht in der Behauptung der geistigen Werte gegen die Hemmungen des Weltlaufes, in der praktischen Überwindung der Natur? (Hutten, S. XXX.) Ich behaupte wiederum, Sie werden dort enden, und Sie würden längst dort sein, hätten Sie sich nicht eine Zeitlang von dem Glanz naturwissenschaftlicher Einsichten blenden lassen, eine Zeit, die offenbar schon vorüber ist.
Beifolgenden Aufsatz, der ursprünglich aus ganz andren Qualen heraus flüchtig hingeworfen ist, sende ich Ihnen auf unbeschränkte Zeit zur Ansicht. In allem wesentlichen halte ich ihn aufrecht und freue mich, den Kern der Sache damals so scharf gefaßt zu haben. Wollen Sie mir nebenbei sagen, ob Sie ihn der Ausarbeitung für Wert halten, so wäre es mir lieb.
Noch einmal möchte ich auf Hermann zurückkommen. Ich bitte Sie aber, alles was ich hier sage, nicht als den Ausdruck einer Kritik, sondern nur als eine freundschaftlich interessierte Charaktiristik aufzufassen. Dies um so mehr, als uns diese wenigen Tage viel näher gebracht haben, als alle Briefe. H. ist viel versöhnlicher, zugänglicher, menschlicher geworden. Auch ich bin wohl vorsichtiger gewesen. Es hat keinen Mißklang in diesen Tagen gegeben. H. befand sich in einer sonnigen, so erhobenen Stimmung, daß ich sie gar nicht verstand, bis ich am Tage des Examens die Lö
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|sung des Rätsels erfuhr. So schön ich dies einerseits finde, wundere ich mich doch, daß nicht vielmehr die äußerste Willensanspannung bei der Entscheidung die Consequenz davon war. Mich wenigstens begeistert bei meinen Arbeiten allein der Gedanke an das, was ich liebe. Ein anderes stellte sich erst brieflich heraus. Ein von mir von Ansehen gekannter Hegelianer, Herr Brunstäd, ist mit Hermann schon länger als ich bekannt. Neulich traf ihn H. bei Lasson. B., durch Richtung u. persönliches Ignorieren bei Paulsen, das gegenseitig war, etwas mit mir gespannt, inquisriert H. über mich und meine Schrift. Ich finde es nun rührend, daß H. mir ausdrücklich schreibt, er habe mich bei dieser Gelegenheit verleugnet. Das ist sehr unerheblich, es brauchte davon nicht die Rede zu sein. Was mich aber eigentlich ärgert ist das Umgekehrte, daß H. schon vor einem Jahre mir gegenüber Herrn Brunstäd verleugnet hat. Ich habe Ihnen schon 1904 in Heidelberg gesagt, daß Herr B. es sein müßte, der den Hegel'schen Einfluß geübt hat. Da H. aber sagte, er wäre garnicht näher mit ihm in Berührung, so wußte man schließlich die Sache auf menschlichem Wege garnicht mehr zu erklären. Herr B. ist, wie ich aus einem von Hermann mitgesandten Aufsatz, den er sich vor 1 Jahr erbeten hat, ersehe, ein
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| scharfsinniger, auf der Höhe seiner Methode stehender Hegelianer. Es handelt sich um eine Kritik Troeltschs, die so beschaffen ist, daß T. offenbar unterliegt, wofern er nicht die von mir vorgeschlagenen Modificationen annimmt. Der Aufsatz ist ein Meisterwerk feinster Dialektik, das mir "imponiert", wie übrigens B. auch von m. Diss. gesagt hat. B. hat auf Hermann offenbar tiefer gewirkt, als ich; hätte er mir ein einziges Mal von B. etwas erzählt, so wäre mir vieles weit verständlicher geworden. Übrigens hätte er uns beide auch sehr gut bekannt machen können. Aber nun steht Hegel zu offenbar im Hintergrunde. Möge die sinnige Realität Bonns ihm mehr geben, als aus dieser lebensfremden (das bleibt sie) Dialektik zu entnehmen ist. Ich wenigstens freue mich, daß unser persönliches Verhältnis über diese Fragen erhaben geblieben ist - *) [li. Rand] *)der Betrug, von H. acceptiert, beruhte übrigens auf meinem Vorschlage, worüber ich mich ganz extra freue.
Paulsens Leiden ist Herzerweiterung. Sie können sich denken, wie diese Gewißheit mich erschüttert hat. Aber es freute mich, daß er selbst mir von einer wesentlichen Besserung, die natürlich Rückfälle nicht ausschließt, erzählt hat. Ich hatte ein sehr interessantes Gespräch mit ihm. Sein Aussehen ist sehr verändert. Vor allem
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| eine gelbliche Verfärbung. In solchen Situationen merkt man erst, wie unendlich man Menschen, die man verehrt, daneben noch liebt. Ehe er nicht ganz zu seiner Erholung fort ist, wird diese Sache mich schwer bedrücken.
Ich arbeite und denke jetzt sehr viel. Wennschon keine reifen Produktionen bis jetzt daraus hervorgegangen sind, merke ich doch in mir ein starkes Brodeln und das Aufschichten völlig neuer Gedankenelemente. Sie sind bei mir immer so sehr Ausdruck des momentanen Lebens, daß ich mit einer Fertigstellung in 6 Wochen rechne, eine Aussicht, die doch regelmäßig täuscht. Paulsen riet mir auch, im stillen daran fortzuarbeiten.
Professor Lipps, der hervorragende Ästhetiker in München, hat in der "Ethischen Kultur" einen Vortrag gehalten, der nach dem Referat entschieden durch Eindrücke meines Aufsatzes in der "Deutschland", deren Mitherausgeber er ist, beeinflußt sein muß.
Ein Satz, den ich in Ihrem Brief ganz dick angestrichen habe, ist der: "In diesem Absehen von allem persönlichen Werten liegt die große Gefahr für den Lebenswert solcher Weltan
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|schauung". - Allerdings -, sie charaktierisiert sich dadurch als bloß intellektualistisch. Wer aber wollte mit dem bloßen Intellekt eine Weltanschauung bauen. Das ist, als wollte ein Großgrundbesitzer sein Vermögen nur nach dem baren Gelde berechnen. Beide machen dabei Pleite.
Über die Antiritschl'schen Äußerung von Frl. Thönes bin ich inzwischen manchmal noch recht böse geworden. Muß man sich durchaus organisieren, so schaffe man sich zunächst das Organ für Ritschl, und man wird viel haben.
Wie geht es Ihrer Freundin? Sie lassen vermuten, daß Ihr Befinden kein gutes ist, was mir sehr leid thun würde. Bitte erneuern Sie mein Andenken durch meine lebhaftesten Empfehlungen. - Es giebt hier noch viel Persönliches, was ich Ihnen mitzuteilen hätte. Aber mir scheint, als stünde die beste Antwort anticipando in m. Aufsatz. Deshalb schicke [über der Zeile] ich alles zusammen zunächst ab. Einstweilen die herzlichsten Grüße von meinen Eltern und mir.
Ihr dankbarer
Eduard Spranger.