Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 6. Dezember 1905 (Charlottenburg)


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Charlottenburg 2, den 6.XII.05.
Liebes Fräulein Hadlich!
Schon seit der Stunde der Absendung meines letzten Briefes liegt es mir schwer auf der Seele, daß ich die Beantwortung einer wichtigen Frage, die Sie zuletzt an mich gestellt haben, versäumt habe. Ein eigentliches Vergessen ist es nicht gewesen. Dazu war mir der Gegenstand - ein ev. Wiedersehen- zu lieb und zu wichtig. Sie rühren damit aber an die wunde Stelle meiner gegenwärtigen Existenz. Alle meine Dispositionen sind gelähmt durch die Eventualität, zu Ostern dienen zu müssen. Das bedeutet den Verzicht, auf ein Jahr geistiger Existenz. Um mich aber für Ostern (statt Oktober) melden zu können, bedarf es noch umständlicher Formalitäten, beginnend damit, daß ich mich von neuem, an der Universität immatrikulieren lasse. Ich kann noch nicht übersehen, ob mir dieser Schachzug gelingt. Ebensowenig weiß ich, ob die Untersuchung zu einem positiven Resultat führt; nehme es aber - leider - mit Sicherheit
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| an. Alle diese Entscheidungen aber fallen voraussichtlich in den Januar. An eine Reise nach Jena also ist entschieden nicht zu denken. Aber auch über einen Abstecher nach Halle kann ich nichts Bestimmtes sagen, weil ich die in Betracht kommenden Termine noch nicht kenne. Abgesehen von der gemütlichen Selbstüberwindung, deren ich zu diesen Gedanken bedarf, werden Sie mir die Fatalität nachempfinden, noch auf ein ganzes Jahr auf ausschließliche Kosten meiner Eltern zu leben, ohne eine greifbare Aussicht für die Zukunft zu haben. Davon zu reden ist Verlegenheit. Auch muß ich mir vorher noch 4 Hasenfüße amputieren lassen, wovon ich ebenfalls nicht gern spreche. Das alles also ist sehr im Ungewissen; nur so viel weiß ich, daß ich entweder aus Freude, freigekommen zu sein, oder aus dem Abschiedsbedürfnis für so lange auch unsere Correspondenz einschränkende Zeit sehr gern nach Halle kommen würde. Noch glücklicher aber - da dies alles bis jetzt nicht zu übersehen ist - scheint mir die Lösung, daß Sie einmal nach Berlin kämen - nicht um meinetwillen (minima non curat praetor!), sondern um objektiv
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| Ihnen wertvoller Zwecke willen, und da dürfen Sie gewiß sein, daß ich nichts Wichtigeres kennen würde, als Ihnen zur Verfügung zu sein.
Vergebens strebe ich, Ihnen zu verbergen, daß ich gegenwärtig an Distractio leide. Dies heißt in wörtlicher Übersetzung: an Auseinandergezogensein nach allen Seiten. Es ist schlimmer als je. Äußeres und Inneres finde ich nicht mehr zusammen. Ich stehe nicht über der Situation, sondern werde von ihr beherrscht. Um was es sich im einzelnen handelt, werde ich Ihnen demnächst schreiben. Für heute bitte ich Sie nur, den guten Willen zu einem Zusammentreffen ebenso lebhaft zu bewahren wie ich; dann muß etwas daraus werden.
Mit herzlichem Gruß
Ihr sich selbst Entfremdeter
Eduard Spranger.