Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 12. Dezember 1905 (Charlottenburg)


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Charlottenburg 2, Kantstr. 140
den 12. Dezember 1905.
Liebes Fräulein Hadlich!
Herzlichen Dank für Ihren lieben Brief, der uns allen eine so große Freude in Aussicht stellt. Wie sehr Ihr Besuch in Berlin meine Eltern und mich erfreuen wird, kann ich Ihnen nicht beschreiben; da müssen Sie also wieder einmal "glauben". Es giebt auch nichts, was da irgendwie hindern könnte. Denn die militärische Meldung steht, so viel ich weiß, in meinem Belieben (nur der Untersuchungstermin kann mir ev. bestimmt werden.), und außer einer Pietätspflicht am 13.I. Abends, die aber natürlich nicht hindernd ist, ist der Januar für mich ein ganz weißes Blatt. Teilen Sie mir also nur mit, wann Sie kommen, und wir stehen alle parat. Lassen Sie mich auch nicht glauben, daß Sie noch nicht fest entschieden sind: nachdem Sie es einmal gesagt haben, nehme ich Sie beim Wort. Soll doch endlich mal auch in den düsteren Winter eine Freudenzeit für mich fallen! Außerdem
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| hat gerade diese Zeit für mich, wie ich Ihnen später einmal auseinandersetzen werde, eine besondere Bedeutung. Nun hoffe ich nur, daß wir alle 4 gesund bleiben, dann wohlan!
Mein zitteriger Brief von neulich hatte eigentlich eine ganz temporäre Veranlassung. Mir war da der Unterricht eines Sekundaners vom Dorotheestädtischen angetragen worden, und ich sah, nachdem ich halb zugesagt hatte, daß ich der Sache nicht gewachsen war, resp. daß sie meine ganze Zeit absorbiert hätte. Daher habe ich mir die Sache noch rechtzeitig abgewälzt und bin mit zweitägigem Logarithmen-Aufschlagen, Gleichungen-Rechnen und einem moralischen Mißbehagen davon gekommen.
Von Paulsens Ablehnung ist mir nichts bekannt, noch weniger von der Motivierung; auch nicht, von der Dauer und dem Ort des Aufenthalts in Bonn. Aber ich hoffe davon zu hören. Von uns beiden aber weiß ich, daß man sich vor dem Rationalismus hüten muß. Mit der rationellen Lebensführung baut man auch keine goldenen Paläste. Sie kommt
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| s. Z. von selbst, und wo sie zu früh kommt, fürchte ich immer etwas Verarmung.
Paulsen habe ich in der letzten Zeit zweimal gesehen, das zweite Mal in großer Gesellschaft, wo ich übrigens zum ersten Mal auch die älteste Tochter von Schäfer und den Oberlieutenant traf. Er äußerte sich doch recht zufrieden über den Fortschritt seines Befindens, wennschon er das zweite Mal wenig gut aussah und auch nicht frisch war. Vor allem die Verfärbungserscheinungen machen mir Sorge. An Herzlichkeit und Weichheit hat er übrigens noch gewonnen.
Sagen Sie bloß um Himmels willen was hat Herr Ruge für Skandal in der Deutschen Litteraturzeitung geschlagen! Dieser Ton ist ebenso unerhört wie ungeschickt. Ziegler - wennschon fachlich vielleicht nur halb im Recht - behält danach ganz recht. Er hat einfach geschwiegen, und auch der Leser kann eigentlich nichts anderes sagen als "tant de bruit pour une omelette", resp: "ist der aber stolz auf seine Omelettes"!
Was es mit Recensionen auf sich hat und wie wenig man im Guten und im Bösen
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| darauf tieferen Wert legen soll, sehe ich jetzt an der Besprechung meiner Arbeit, die Oesterreich im "Journal für Psychologie u. Neurologie" erscheinen läßt. Er hebt mich in den Himmel, und wenn er mal was schreibt, so werde ich es ebenso machen. So loben sich Windelband, Rickert, Troeltsch, Lask immer rund rum, bis sie wieder am Anfangspunkt sind, und die andern schimpfen, ebenfalls rund rum. "Wie's gemacht wird."
Fräulein Mauderer läßt Sie grüßen und Ihnen sagen, daß in Berlin eine sehr empfehlenswerte ..... Kunstschule - beinah hätte ich geschrieben: "Kunstfertigkeitsschule" entstanden ist, die sie auch zu besuchen gedenkt. Der Name war aber auf wiederholtes Befragen garnicht zu verstehen. Sie wußte ihn wohl selbst nicht genau. Übrigens fährt sie zunächst nach München zurück, und ich weiß nicht, wann sie wiederkommt. - Mein Gesuch an das Generalkommando um Meldung zu Ostern ist, von Paulsen eigenhändig unterstützt, abgegangen. Nous verrons. Hat denn Hermann diese Pläne auch aufgesteckt?
Ich schreibe Ihnen in den nächsten Tagen noch ausführlicher. Heute sende ich Ihnen nur die Bitte meiner Eltern, Wort zu halten, und bin mit herzlichem Gruß und Empfehlungen an Ihre Freundin Ihr Eduard Spranger.