Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 22. Dezember 1905 (Charlottenburg)


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Charlottenburg, den 22. Dezember 1905.
Liebes Fräulein Hadlich!
Zu meinem Raritätenkasten habe ich einige Erläuterungen hin[über der Zeile] zuzufügen, leider sehr negativer Art. Die beiden kleinen Bücher sind vom Übel, nachdem am Montag endlich eine Sammlung von Dilthey unter dem Titel: "Das Erlebnis und die Dichtung" erschienen ist. Hätte ich die Gewißheit davon früher gehabt, so hätte ich Ihnen mit innigster Freude diese unvergleichlich genialen Aufsätze: "Goethe, Lessing, Novalis, Hölderlin", die z. T. aus den 60er Jahren stammen, gesandt. Nun muß ich das noch um eine kurze Zeit hinausschieben. Wenn man sich diesen Gedanken aus dem Kopf zu schlagen im Stande wäre, so könnte man Riehls Buch als einen sehr geistvollen Essai bezeichnen. Fechner habe ich nicht gelesen. Aber es wird Ihnen daraus ein verwandter Ton entgegenklingen, der freilich in späteren Werken des Autors noch viel mächtiger anschlägt. Vielleicht erinnern Sie sich bei der Lektüre des windig-feuchten Tages unter dunklen Tannen im Schwarzwald oberhalb Hausachs.
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Die feierliche Mappe enthält eine kleine Handarbeit, von der ich froh sein will, wenn Sie sich nicht darüber ärgern. Freilich war es für mich ein Genuß, in stillen Abendstunden in diese schöne Welt entfliehen zu können. Aber nicht immer wurde mir diese Flucht leicht. Alles ist so hingeworfen, wie es mir im Moment in die Feder kam. Wenn nun der Stil ungleich, der Zusammenhang häufig schlecht ist, so sehen Sie bitte darin die Ungunst des Moments; es hätte alles viel schöner und tiefer werden müssen, wenn es so geworden wäre, wie ich es erlebt habe. Aber Müdigkeit, Unruhe, Mattheit der Phantasie standen dem oft entgegen, und günstige Stunden abzuwarten, war mir leider nicht vergönnt. Wenigstens hätte nun dies Bündel von Gedanken und Erinnerungen gebunden werden müssen. Aber wennschon ich nicht glaube, daß die Buchbinder in der Weihnachtswoche Lektüre treiben, widerstrebte es mir, die Bogen aus der Hand zu geben. So sind es denn "Cafe Blätter" geworden; wenn ich sie trotzdem für meine Person als etwas Heiliges ansehe, so liegt das daran, daß sie für mich mit dem großen Gefühl, von dem sie getragen sind, unlösbar verbunden sind. -
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Von Hermann erhielt ich gestern einen sehr lieben Brief. Besonders für eine Seite seines Verhaltens gegen mich bin ich ihm besonders [über der Zeile] innig dankbar, von der ich mit Ihnen selbst in kurzem sprechen möchte. Dann werden für mich die eigentlichen Feiertage beginnen. Weihnachten hat für mich seit Jahren nichts allzu Tiefes bedeutet. Wir sind hier alle nüchterne Leute und leben ganz im Gleichmaß des Gefühls, ohne tieferen Ergriffenheiten Eingang zu verstatten. Nur Ihre Ankunft wird darin für uns alle eine Änderung hervorrufen.
Unter den Ereignissen der letzten Zeit ist nicht viel zu erwähnen. Eine wertvolle Bereicherung meines Daseins verdanke ich nur einigen Abenden mit Dr. Gusti, einem Lieblingsschüler Liszts, und mit dem kleinen Scholz. Auch der Renner'sche Kreis (den Prospekt lege ich Ihnen nur zur Kenntnisnahme bei!) bietet mir Anregung. Ich arbeite gegenwärtig über Troeltsch. Über Rousseau habe ich eine Ansichtsdifferenz mit dem Verleger, die in der Schwierigkeit der Sache wurzelt. Diederichs ist ein höchst gebildeter Mann. Schreiben Sie mir doch bitte einmal Ihre Ansicht über folgendes: Ich bin für Höchstumfang von 20 Bogen; die - aus den Werken herausgelösten Stücke sollen so ange
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|ordnet werden, daß 8 Hauptgebiete gebildet werden. Jedes beginnt mit einem längeren Stück, das das Leitmotiv giebt. In jedem folgen dann kürzere (Aphorismen), die die nähere Ausführung enthalten; so daß man in jedem Abschnitt ein genau berechnetes Bild davon erhält, was R. über den betreffenden Gegenstand gedacht hat. Das Ganze wäre also eine Charakteristik R.s durch ihn selbst. D. sieht darin eine Zerstückelung des Autors. Er will erst die zusammenhängenden Stücke haben, dann im Anhang die Aphorismen. Der Umfang ist unbeschränkt. Was halten Sie für besser?
Der Vater von Ernst Loewenthal ist in diesen Tagen gestorben. Wie gut, daß er so früh einen Beruf gewählt hat. Ich war s. Z. sehr dagegen. Gefreut hat mich die Liebe und Anhänglichkeit des Jungen bei dieser Gelegenheit. Dies Resultat ist mir wertvoll, sei das übrige wie es will.
Auch heute komme ich mit der Feder nicht mehr recht fort. Nehmen Sie daher mit wenigem Vorlieb. Hoffentlich haben Sie die werten Ihrigen in Cassel alle wohlauf gefunden, (und Ihre Freundin ebenso in Heidelberg verlassen?) Empfehlen Sie mich doch bitte Ihrer hochverehrten Frau Mutter und Frau Tante. An Hermann herzliche Grüße. Mit den Wünschen eines recht frohen, schönen Weihnachtsfestes und mit herzlichsten Grüßen von uns allen
Ihr getreuer Eduard Spranger.